Jemen

„Jedes Mal, wenn eine Bombe in der Nähe des Krankenhauses einschlug, fühlte ich, wie der Boden bebte.“

Mitten im eskalierenden Konflikt zwischen den bewaffneten Gruppen im Jemen machte sich Christine Büsser, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen, auf den Weg in die südwestliche Provinz von Al Dhale. Dort bemüht sich das medizinische Personal angesichts von Kämpfen, Bombenangriffen und einem großen Mangel an Medikamenten und Treibstoff um den Erhalt der Krankenhäuser.

"Als ich das Amsterdamer Büro von Ärzte ohne Grenzen in Richtung Jemen verließ, hatte ich nicht geplant, die ersten zehn Tage in Dschibuti zu verbringen. Doch der Flughafen der jemenitischen Hauptstadt Sanaa war kurz zuvor bombardiert worden, weshalb die Landebahn außer Betrieb war. Seit meinen letzten Aufenthalten in Krisengebieten weiß ich, dass es immer Hindernisse zwischen uns und den Menschen gibt, die unsere Hilfe brauchen.

Dennoch war ich unruhig und frustriert, weil fünf von uns in Dschibuti in Bereitschaft waren, während unser Team in Sana'a nicht genügend Leute hatte, um effektiv arbeiten zu können. Schließlich gelangte ich doch noch an Bord eines kleinen Flugzeuges und konnte am 13. Mai 2015 den internationalen Flughafen von Sana'a erreichen.

Ankunft in der Hauptstadt Sana'a

Die Ankunftshalle war leer. Abgesehen von ein paar Beamten, die mit der Bearbeitung unserer Pässe beschäftigt waren, gab es dort keine anderen Menschen. Stattdessen leere Hallen, leere Schalter. Der Flughafen schien nur für uns geöffnet zu haben. An den herausgesprengten Fensterscheiben und den halb zerstörten Gebäuden und Hangars auf der Landebahn konnte man die Auswirkungen der Bombardierung erkennen.

Hinter dem Flughafen bildeten die mit Müll übersäten leeren Straßen einen Kontrast zur markanten Architektur der Gebäude. Lange Schlangen von Autos und Motorrädern standen vor nicht funktionierenden Tankstellen. Während ich auf eine Reihe zerbombter Gebäude starrte, wurde mir klar, wie mächtig die Explosionen gewesen sein mussten. Ich fragte mich, ob die Menschen rechtzeitig fliehen konnten.

Katastrophale Sicherheitslage erschwert die Arbeit

Am Haus von Ärzte ohne Grenzen traf ich den Rest des Teams. Das Büro wurde nicht länger als sicher erachtet, weshalb sie an Tischen im Aufenthaltsraum arbeiteten. Überall Computer, Telefone und Kabel. Man sah ihnen die vielen schlaflosen Nächte und die hohe Arbeitsbelastung an.

Meine oberste Priorität war es, die Sicherheitslage in der Provinz Al Dhale im Südwesten des Landes zu bewerten. Wegen der schweren Kämpfe und Schusswechsel mussten unsere internationalen Teams evakuiert werden, die noch im März die Krankenhäuser der Region unterstützt hatten. Unsere jemenitischen Kollegen hielten das Projekt am Laufen, aber viele konnten wegen der Unsicherheit nicht zur Arbeit kommen. Sie waren dringend auf unsere Unterstützung angewiesen.

An den folgenden Tagen bereiteten wir alles für eine Verschiffung nach Qataba vor: Medikamente, einen kleinen Generator, einen Drucker sowie zusätzliche Decken und Kissen. Von Qataba wollten wir uns auf den Weg in die Stadt Al Dhale machen, die der anderen Seite der Kriegsfront lag.

Die Ankunft in Qataba

Ich erreichte Qataba am selben Tag, an dem die Armeestellungen der Huti-Rebellen bombardiert wurden. Jedes Mal wenn eine Bombe ein Ziel in der Nähe des Krankenhauses traf, in dem wir arbeiteten und lebten, fühlte ich, wie der Boden bebte und spürte dann die Druckwelle. Die Frauen und Kinder kauerten sich im Krankenhausflur zusammen, einigen von ihnen weinten. Ein Teil der Patienten verließ aber auch das Krankenhaus, als die Luftangriffe begannen. Sie wollten entweder nach ihren Familien schauen oder hatten Angst, das Krankenhaus könnte das nächste Ziel der Angriffe werden.

Die darauffolgenden Tage waren extrem hektisch und anstrengend. Denn die Zusammenstöße zwischen den sich bekriegenden Parteien wurden intensiver und die Kriegsfront verschob sich ständig. Wir bekamen wenig Schlaf, da Tag und Nacht Schwerverletzte aufgenommen wurden. Neben der Versorgung der Patienten war unser Team damit beschäftigt, das Krankenhaus durch Sandsäcke zu schützen und zusätzliches medizinisches Material zu besorgen.

Alltag im Kriegsgebiet: Mangel an allem

Die Kämpfe und das Granatfeuer bestimmen den Alltag, doch die vielleicht schlimmste Auswirkung des Konflikts ist der Mangel an Benzin, Grundnahrungsmitteln, Wasser, Sanitäranlagen und Gesundheitsversorgung. Fast alle Krankenhäuser und Apotheken in unserer Gegend waren geschlossen worden.

Unser Ziel war es, nicht nur medizinische Notfallversorgung anzubieten, sondern auch dafür zu sorgen, dass Frauen und Kinder einen sicheren Rückzugsort hatten, wenn sie krank wurden. So dauerte es nicht lang bis das Krankenhaus in Qataba mit schreienden Babies, weinenden Kindern und ängstlichen Müttern überlaufen war. Für manche Frauen war das Büro der Ärzte der einzige Ort, um ihren Sorgen Luft zu machen. Wir waren für sie da. Einige waren psychisch so traumatisiert, dass ihre Symptome körperlich wurden: Schmerzen im Kopf und gesamten Körper, Übelkeit und Ohnmachtsanfälle. Aus lauter Angst bekamen sie keinen Schlaf.

Wenn ich in ihre Augen schaute und mir ihre Geschichten anhörte, wollte ich oft selber weinen. Manchmal konnte ich nicht schlafen, wenn ich die ganze Nacht die Katjuscha-Raketenwerfer der beiden Kriegsparteien hörte. Anscheinend wurde der ohrenbetäubende Lärm der Raketen extra dafür entwickelt, den Menschen Angst einzujagen.

Wir überqueren die Front

Mit der Unterstützung eines neuen Teams aus internationalen Mitarbeitern im Krankenhaus von Qataba bereiteten wir uns darauf vor, das Krankenhaus in der Stadt Al Dhale zu besuchen, welches wir unterstützen. Hierfür mussten wir die umkämpfte und sich ständig verschiebende Front überqueren. Als wir durch die Pufferzone fuhren, war ich wachsam, nervös und wartete ständig auf das Geräusch von Schüssen.

Außer uns war niemand unterwegs. Teilweise fuhren wir im Zickzack um die provisorischen Straßenblockaden aus Steinbrocken. Als wir uns der Stadt Al Dhale näherten sah ich einige Jemeniten, die trotz des Risikos eines Beschusses auf den Feldern arbeiteten.

Die Ankunft in Al Dhale

Bei der Ankunft in der Stadt erwartete uns ein seltsamer Anblick. Trotz der in der Ferne zu hörenden Schüsse spazierten die Menschen durch die Straßen und Ladenbesitzer verkauften Gemüse und Früchte. Während der Kämpfe waren viele der Menschen hier in die umliegenden Dörfer geflüchtet. Aber seit die Armeegruppen um Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi die Kontrolle über die Stadt übernommen hatten, schien der normale Alltag zurückgekehrt zu sein.

Doch uns wurde schnell klar, dass die Situation überhaupt nicht zur Normalität zurückgekehrt war. Al Dhale ist wegen der Kämpfe, sich verschiebender Fronten und einer Vielzahl von Checkpoints in Richtung Norden und Süden hin abgeschnitten. Das bedeutet, dass die Versorgungsmittel inklusive der Medikamente nicht ankommen. Gesundheitseinrichtungen, Wasser- und Sanitärsysteme sind komplett zusammengebrochen.

Die Situation in der Stadt Al Dhale bleibt schlecht

Die Menschen berichteten, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung für sie nach wie vor eine große Herausforderung darstelle. Nicht nur, weil Gesundheitseinrichtungen geschlossen, beschädigt und ohne Medikamente seien, sondern auch weil Unsicherheit herrsche und es Transportprobleme gäbe. Eine Ärztin sagte mir, dass sie sich Sorgen um die Schwangeren in den umliegenden Dörfern mache, die Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt hatten. Sie könnten wegen des Kraftstoffmangels nicht zum Krankenhaus kommen.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt Rettungsdienste des Al Dhale-Krankenhauses. Wir spenden auch Medikamente und medizinische Materialien an andere medizinische Einrichtungen der Gegend. Außerdem verteilen wir Benzin und sauberes Wasser. Wegen der Kraftstoffblockade ist es ein täglicher Kampf für unsere Teams, die Generatoren im Krankenhaus am Laufen zu halten, um den Rettungsdienst anbieten zu können. Ohne Kraftstoff gibt es keinen Strom. Und ohne Strom gibt es keine Sterilisierung, keine Beatmungsgeräte und keine Lichter im Operationssaal. Ohne eine richtige Sterilisierung ist ein Chirurg gezwungen, Patienten mit potentiell kontaminierten chirurgischen Instrumenten zu behandeln.

Hoffnung geben

Während meiner Zeit im Jemen war Ärzte ohne Grenzen die einzige internationale Organisation mit jemenitischen und internationalen Mitarbeitern, die in der Region Al Dhale arbeitete. Eine Person erzählte mir: „Ich habe seit Wochen nichts, über das ich mich freuen kann. Aber sie hier zu sehen, zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Dies gibt mir und meinen befreundeten Jemeniten wieder Hoffnung.“

Während meiner Zeit im Jemen versuchte ich die Notdienste am Laufen zu halten und meinen Teil dazu beizutragen, den Menschen, die Hilfe benötigen, medizinische Versorgung zugänglich zu machen. Aber über die körperliche Unterstützung hinaus bedeuten auch das Gefühl von Würde, Hoffnung und Solidarität viel. Ich glaube, das ist der Grund, warum so viele von uns Menschen in Gefahr helfen wollen: Wir glauben an eine Welt, in der Menschen nicht alleine leiden müssen."

Lesen Sie im Einsatzblog die Berichte der Krankenschwester Vera Schmitz, die sich von Wien aus auf den Weg machte, um in einem Krankenhaus in Sadaa Verletzte zu versorgen: Zum Einsatzblog

Ärzte ohne Grenzen arbeitet in der Provinz Al Dhale im staatlichen Al Nasser Krankenhaus in Al Dhale Stadt und unterstützt es in der Notaufnahme, der Chirurgie und bei der postoperativen Pflege. Mitarbeiter helfen auch im Al Azarik Gesundheitszentrum bei der Notfallversorgung, der prä- und postnatalen Versorgung, bei Entbindungen und Impfungen. In Qataba unterstützt Ärzte ohne Grenzen das staatliche Al Salam Krankenhaus u.a. in der Notaufnahme, dem Beobachtungsraum, in Labor und der Ambulanz. Außerdem versorgen die Mitarbeiter dort rund 25.000 Menschen mit Trinkwasser. Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch eine Reihe von Gesundheitszentren in der Gegend von Al Jaffea und Al Habilain. Seit Anfang 2015 haben die Teams in der Provinz Al Dhale mehr als 29.300 Menschen in der Notaufnahme versorgt, von denen mehr als 1.560 konfliktbedingte Verletzungen hatten.

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