Afghanistan

Kundus: „Das ist meine Geschichte“ – wie Dr. Cua den Angriff auf unser Krankenhaus erlebte

Die philippinische Chirurgin Dr. Evangeline Cua arbeitete im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kundus, als dieses am 3. Oktober 2015 durch US-amerikanische Luftangriffe zerstört wurde. 42 Menschen kamen dabei ums Leben. Hier schildert Dr. Cua, was sie in dieser schrecklichen Nacht erlebt hat. Damals wusste sie noch nicht, wer für den Angriff auf das Krankenhaus verantwortlich war. 

Ein Albtraum...

Letzte Nacht ist es wieder passiert. Wir liefen kopflos umher wie zwei aufgescheuchte Hühner in der Dunkelheit – mein Kollege, der mir bei einer Operation assistiert hatte, und ich. Das Pflegepersonal, das einen Moment zuvor noch bei uns gewesen war, war aus dem Gebäude gestürzt, in eine Salve von Schüssen aus der Luft hinein. Ich hustete, vom herumfliegendem Staub halb erstickt. In meinem Mund, hinter der chirurgischen Maske, fühlte es sich an, als hätte man mich gezwungen, Sand zu essen. Ich hörte meinen Atem rasseln. Rauschschwaden kamen aus einem nahe gelegenen Raum, und wir konnten kaum noch sehen, wo wir waren.

Am anderen Ende des Gebäudes züngelten Flammen auf dem Dach. Sie tanzten, leuchteten im Dunkeln und griffen nach den Ästen der Bäume. Die Intensivstation brannte. Lediglich das unaufhörliche Brummen, das zu hören war, wies darauf hin, dass draußen noch irgendetwas war. Ein Flugzeug? Ein Luftangriff? Warum das Krankenhaus? Warum wir? Dann, ohne Vorwarnung, erschütterte eine weitere gewaltige, ohrenbetäubende Explosion das Gebäude. Die Decke krachte auf uns herab und die letzten verbliebenen Lichter erloschen, sodass wir nun von totaler Finsternis umgeben waren. Ich schrie vor Angst, als ich von Baudrähten aus der herabstürzenden Decke am Boden festgenagelt wurde. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere.

... erwacht 

Schluchzend und verwirrt erwachte ich. Meine Heimkehr aus Afghanistan lag Monate zurück. Das schreckliche Ereignis im Krankenhaus von Kundus hatte ich fast vergessen, tief in meinem Gedächtnis vergraben. Nur noch die verblassende Narbe auf meinem rechten Knie erinnerte mich daran. Nachbesprechungen, psychologische Sitzungen, Meditationstechniken, Seiten über Seiten von Tagebucheinträgen, um mich vom Horror dieser Nacht zu befreien … all das wurde mit einem Mal zunichte gemacht, als der Albtraum, hervorgerufen durch ein Feuerwerk, die Erinnerungen zurückbrachte.

Zwei Wochen vor dem Ende meines bis dahin fast enttäuschend ereignisarmen Einsatz in Afghanistan brach plötzlich die Hölle los. Regierungstruppen und die Opposition lieferten sich erbitterte Kämpfe. Die Stadt Kundus war nach 14 Jahren wieder den Taliban in die Hände gefallen.

Im Krankenhaus verlor ich das Zeitgefühl. Nur die Uhr an der Wand erinnerte mich daran, dass es schon spät am Nachmittag war. In weiter Ferne Sperrfeuer, Gewehrsalven und Explosionen. Ich hatte gerade meinen sechsten chirurgischen Eingriff beendet und trocknete mit einem Stück Stoff ganz in Ruhe meine Hände ab.

„Doktor, können Sie sich die Patienten in der Notaufnahme ansehen und uns sagen, wer als erstes in den Operationssaal soll?“ Eine große Dringlichkeit lag in dieser Stimme.

„Jetzt?“

„Jetzt, ja.“

Mindestens ein Dutzend Menschen lag am Boden. Auf den Tragen in der Empfangshalle der Notaufnahme lagen noch mehr. Da waren Frauen mit blutbefleckten Gewändern. Eine von ihnen war schwanger, eine andere starrte ausdruckslos zur Decke. Ich sah Männer mit zerfetzter, blutiger Kleidung und ein kleines Kind, das vor Schmerzen stöhnte. Dort, wo seine Beine sein sollten, war eine Blutlache.  

Ich schreckte auf, als ich von einem runzeligen alten Mann mit Vollbart und freundlichen Augen angehalten wurde. Er berührte meinen Arm, was für einen afghanischen Mann ungewöhnlich ist. In holprigem Englisch bat er mich mit flehender Stimme: „Doktor, bitte. Mein Sohn ist da draußen. Können Sie ihn bitte untersuchen? Er ist ein guter Mensch, Doktor. Mein jüngster Sohn.“ Er richtete diese Worte voller Würde an mich. Auf seinem Gesicht lag ein Anflug von einem Lächeln.

Es gelang mir, meinen Schrecken zu verbergen, als ich den Mann auf der Bahre an der Wand sah. Auf seiner Brust klaffte eine Wunde. Ich konnte freiliegende Teile der Lunge sehen. Der junge Mann hatte bereits einen glasigen Blick und sein Puls war nicht mehr fühlbar. Um irgendetwas für ihn zu tun, justierte ich den intravenösen Zugang an seinem Arm und bedeckte seine Brust vorsichtig mit der Krankenhauswäsche. Dem alten Mann sagte ich mit brüchig werdender Stimme, er müsse mich entschuldigen und dass ich jemanden vom Pflegepersonal bitten würde, sich um seinen Sohn zu kümmern.

Sein Blick wird mich mein Leben lang nicht loslassen. Ich sah eine Dankbarkeit in seinen Augen, als hätte ich seinem Sohn neue Lebenskraft gegeben.                                                                         

Die Bombardierung

In meinen Albträumen kamen immer wieder dröhnende Geräusche und die auf uns herabstürzenden Bretter vor. Und Schreie. Meine. Dann, dass ich stolpere und am Boden liege.

„Steh auf! Komm schon.“

Ich stand langsam und unter Schmerzen auf und versuchte, meinen Kollegen im Dunkeln zu sehen.

Der Keller! Gott sei Dank. Wir rannten los und sprangen in das Loch. Entsetzt bemerkten wir, dass wir im Luftschacht des Kellerfensters gelandet waren. Er war von dicken Betonwänden umgeben, lag etwa 2,20 Meter unter der Erde und war oben nur mit einer dünnen Dachplane abgedeckt. Ein Abgrund. Eine Sackgasse. Der richtige Keller lag jenseits dieser Mauer!

Wir bemerkten die Stichflammen, die aus den Fenstern genau über unserem Versteck kamen. Mein Kollege zögerte nicht lange. Es gelang ihm, die Mauer hochzuklettern, aus der Grube zu steigen und ins Freie zu laufen. Ich blieb allein im Dunkeln zurück.

Ich war in heller Panik. Ich war wütend. Ich wollte mich auf jemanden stürzen, egal auf wen. Ich wollte jemandem ins Gesicht schlagen. Ich hasste die beiden Gegner in diesem irrsinnigen Krieg. Ich wollte, dass sie all die Zerstörung sehen, die sie über Unschuldige gebracht hatten, und sie sollten sich vorstellen, ihre Familien seien betroffen. Dann würden wir ja sehen, ob sie diesen sinnlosen Krieg noch fortsetzen wollen.

Ich hatte auch Angst. Ich wollte nicht bei lebendigem Leib verbrennen. Tränen strömten über mein Gesicht und meine ganze Verzweiflung brach aus mir heraus.

Dann überkam mich plötzlich ein Gefühl von Ruhe und Klarheit. Ich war jetzt wieder eine Chirurgin. Ich sah ein Stück Stahl, das aus einer Wand des Luftschacht herausragte. Es war heiß, aber ich zog mich daran hoch und entkam in wenigen Minuten aus dem Loch. Als ich unweit vom Rosengarten meinen Kollegen erblickte, seufzte ich erleichtert. Er lag ausgestreckt am Boden und wartete. Er lächelte, als er mich sah. Sobald der Kugelhagel abgeebbt war, krochen wir zu einem Gebäude, das sich einige Meter von uns entfernt befand. Nachdem wir die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, löste sich plötzlich eine Figur aus der Dunkelheit. Angst packte mich. Ich habe dieses Feuer nicht überlebt, um dann entführt zu werden. Bitte nicht!

Dann sprach der Mann, der ein traditionelles afghanisches Gewand trug, die Worte aus, an die ich mich immer erinnern werde: „Folgt mir. Hier gibt es einen sicheren Ort.“

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