Tschad

Mangelernährung: Die stille Epidemie im Tschad

“Kinder haben es hier sehr schwer”, erzählt Bernadette Ammaji. Sie kocht gerade Essen für mangelernährte Kinder und deren Mütter in unserem Ernährungszentrum in Bokoro-Stadt. „Manche Mütter haben einfach nicht die Mittel, um ihre Kinder ernähren zu können. Andere haben sie zwar, können sich aber trotzdem nicht richtig um die Kleinen kümmern, weil sie zu wenig über Themen wie Hygiene und Ernährung wissen. Du musst stark und tapfer sein, um hier ein Kind zu versorgen. Es ist nicht einfach.“

Bernadette arbeitet seit 2002 als Köchin bei Ärzte ohne Grenzen. Sie ist eine von mehr als 200 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die in unserem Ernährungsprojekt in dieser Region tätig sind. Mangelernährung ist in Bokoro endemisch, so wie in weiten Teilen des Tschads. Fast die Hälfte aller Todesfälle unter Kindern im Land ist darauf zurückzuführen.

Bokoro liegt rund 300 Kilometer östlich von der Hauptstadt N’Djamena, ungefähr im Zentrum des zentralafrikanischen Binnenstaats. Es ist zwar ein relativ stabiler Teil des Landes, wird aber auch vernachlässigt. Denn die Schlagzeilen dominiert die schleichende Verbreitung von Boko Haram im Nordwesten.

Von mobiler Hilfe bis zur stationären Versorgung

Ärzte ohne Grenzen betreibt heuer in der Region Bokoro gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium 15 mobile Ambulanzen für mangelernährte Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. In der Stadt Bokoro befindet sich unser therapeutisches Ernährungszentrum in einem Krankenhaus des Ministeriums, wohin die schwächsten Kinder überstellt und in der Intensivstation versorgt werden. Alleine im Vormonat überwies Ärzte ohne Grenzen durchschnittlich 50 Kinder pro Woche von den Ambulanzen an das Ernährungszentrum.

Kinder unter fünf Jahren wachsen schnell und benötigen mehr und vielfältigere Nährstoffe als ältere Kinder und Erwachsene. Für sie ist Mangelernährung besonders folgenschwer: Sie wachsen und entwickeln sich nicht mehr normal, sind anfälliger für Krankheiten und verlieren ihren Appetit. Ihr Leben gerät rasch in Gefahr.

Extremes Klima erschwert Überleben der Familien

Das Klima in Bokoro ist rau: Die Temperatur erreicht bis zu 45°C, und die Regenzeit ist nur sehr kurz. „Die Lebensbedingungen hier sind wirklich hart“, erklärt Suzanne Moher, unsere spanische Epidemiologin. „Jetzt ist es zwar grün, aber als ich vor ein paar Monaten hier ankam, gab es kein einziges Anzeichen von Leben.“ Die Bevölkerung hat dementsprechend nur wenige Monate Zeit, um genügend Nahrungsmittel anzupflanzen und zu ernten. Am häufigsten wird hier Hirse angebaut, und die Vorräte müssen für den Rest des Jahres reichen. Die meisten Menschen sind Bauern, eine schlechte Ernte kann für sie daher verheerend sein.

Derzeit bringen täglich hunderte Frauen ihre Babys zu unserer mobilen Ambulanz, denn die Zahl der mangelernährten Kinder erreicht seinen jährlichen Höhepunkt. Die Familien können die neue Ernte noch nicht einfahren, doch die letzte Erntesaison war schlecht und einige Menschen haben bereits kein Essen mehr.

Mütter wissen zu wenig über Ernährung

In weiten Teilen von Bokoro herrscht auch ein grober Mangel an Wissen über Ernährung – ein weiterer Riskofaktor: „Statt Muttermilch geben Mütter ihren Kindern manchmal Ziegenmilch oder ‚Bouille‘, eine Art Hirsesuppe. Von ‚Erwachsenen-Essen‘ wie diesem bekommt das Baby jedoch Durchfall und in weiterer Folge Mangelernährung“, erklärt Benedicte La-Toumbayle. Die 28-jährige Krankenschwester stammt selbst aus dem Tschad und arbeitet in unserem Ernährungszentrum in Bokoro-Stadt.

Der Bildungsgrad im Tschad ist sehr niedrig – die Alphabetisierungsrate liegt bei nur 33 Prozent. Die meisten der Mütter, die zu Ärzte ohne Grenzen kommen, haben nicht einen einzigen Tag die Schule besucht. Viele verstehen schlichtweg nicht, was ihre Kinder krank macht. Eine kurze Einführung in die Themen Hygiene und Ernährung ist daher besonders wichtig, wenn Mütter mit ihren Kindern die Ambulanz oder das Ernährungszentrum aufsuchen.

Vorbeugung gegen chronische Mangelernährung dringend nötig

Zu dieser Jahreszeit hat Ärzte ohne Grenzen hier in den vergangenen fünf Jahren bereits vier Mal Nothilfe-Aktivitäten gegen Mangelernährung gestartet. Nach und nach wurde jedoch klar, dass es sich hier nicht um einmalige Notfälle handelt, sondern um ein Muster immer wieder kehrender Mangelernährung – mit komplexen, verwobenen Zusammenhängen. Dieses Jahr startete Ärzte ohne Grenzen deshalb die mobilen Ambulanzen bereits im Jänner statt erst im Juli, also bevor die Fälle an Mangelernährung mit dem Einsetzen der Regenzeit von Mai bis Oktober drastisch zunehmen. Seitdem haben unsere Teams mehr als 9.400 Babies und Kinder gegen schwere Mangelernährung behandelt.

Im Jahr 2016 hat Ärzte ohne Grenzen auch eine weitere Komponente zum Projekt hinzufügen, um Babys und Kleinkinder vorbeugend davor zu schützen, an Mangelernährung zu leiden.

Spezialnahrung für gefährdete Kinder

„Die Kinder, die wir so erreichen wollen, sollten noch gesund sein – aber dem Risiko einer Mangelernährung ausgesetzt sein“, erklärt Elizair Djamba, die diese Aktivitäten leitet. „Heuer verteilen wir in Bokoro an betreffende Kinder erstmals Rationen einer therapeutischen Fertignahrung. So haben sie die Chance, gesund zu bleiben.“

Unsere Teams verteilten im Rahmen dieser präventiven Maßnahme die Fertignahrung auf Erdnussbasis, Moskitonetze und Seife an mehr als 30.000 Mütter im Gebiet Bokoro. Dazu wurden kurze Schulungen zu den Themen Gesundheit und Ernährung angeboten.

Die Arbeit ist hart, doch die Teams sind davon überzeugt, dass diese Maßnahme ein dringend notwendiger Schritt gegen die immer wieder aufflammende Mangelernährung im Land ist. „Oft beginnt es wie aus Kübeln zu schütten, wenn wir die Verteilstationen erreichen“, erzählt Elizair. „Aber wir müssen da draußen mit den Frauen im Regen sein und ihnen zeigen, dass es wichtig ist, hier zu sein. Dass sich der Aufwand lohnt.“

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