Marokko

Marokko: “Kreislauf der Gewalt“ für MigrantInnen

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen stellten im Jahr 2012 in Marokko einen Anstieg der Gewalt gegen MigrantInnen mit beinah täglichen Übergriffen im Osten fest. David Cantero arbeitet dort als Landeskoordinator, er berichtet im Interview von den Hintergründen und aktuellen Entwicklungen.

David, was steht hinter der ansteigenden Gewalt in Marokko gegen MigrantInnen?

Unsere Teams in den Projekten sehen seit Dezember 2011 einen deutlichen Anstieg von Überfällen durch die marokkanische Polizei auf MigrantInnen. Seit dem ist es in der östlichen Region Marokkos zwischen Oujda und Nador beinahe täglich zu Übergriffen gekommen. Das macht das Überleben für die MigrantInnen aus der Sub-Sahara in der Region noch schwieriger. Unsere psychologischen Teams stellen fest, dass ihre Verwundbarkeit und die Hoffnungslosigkeit noch größer geworden sind.Die MigrantInnen aus der Sub-Sahara sind gezwungen, neue Routen zu suchen – so wie sie es bereits 2005 getan haben, sie nehmen in großen Gruppen den Weg über Melilla an der Grenze zu Nador und klettern über die Zäune, denn so haben sie größere Chancen. Diese Versuche werden von den Medien beharrlich als ‚massiv‘ bezeichnet, und die Gewalt durch die marokkanischen und spanischen Polizeikräfte nahm zu, diesen Weg zu unterbinden.

Die Boote, die unter sehr großer Gefahr versuchen, die Grenze zu überqueren: Sind die Gründe dafür dieselben?

Ja, absolut.

Wo kommen die MigrantInnen ursprünglich her?

Sie kommen größtenteils aus Westafrika: Nigeria, Mali, Kamerun, Ghana, Guinea usw. Die meisten von ihnen sind junge Männer, rund 85 Prozent, aber unter ihnen sind auch Frauen, Jugendliche und Kinder. Sie kommen nicht nur aus Konfliktgebieten, viele hoffen einfach auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Liebsten, die sie in der Heimat zurückgelassen haben.Um Marokko zu erreichen, haben sie weite Wege zurückgelegt, sie sind tausende Kilometer durch die Wüste im Niger oder in Algerien gelaufen. Allen möglichen Gefahren haben sie sich ausgesetzt, gehetzt durch Mafia-Gruppen, bedroht von sexueller Gewalt, die, wenn es um Frauen geht, als eine Art Brandzeichen eingesetzt wird, um die Frauen zu verfolgen.

Wie sind die Lebensbedingungen, wenn die MigrantInnen in Marokko ankommen?

In Marokko sitzen sie regelrecht fest und sind in einem andauernden Kreislauf der Gewalt gefangen, sie leben unter sehr schwierigen Bedingungen. Manche erzählen uns, dass sie schon seit mehreren Jahren hier sind. Die meisten von ihnen haben einen unregistrierten Aufenthaltsstatus. Sie leben also verborgen, im Wald oder in Höhlen, sind gezwungen zu betteln oder sich irgendwie durchzuschlagen. In der freien Natur sind sie im Sommer wie im Winter extremen Temperaturen ausgesetzt und mit mangelhaften Hygienebedingungen konfrontiert – und damit auch mit allen damit einhergehenden Krankheiten.In den letzten Jahren hat sich der Zugang zur Gesundheitsversorgung in einigen Städten verbessert – allerdings nicht in Nador. In der östlichen Region ist Ärzte ohne Grenzen die einzige medizinische und humanitäre Organisation, die entsprechende Versorgung bereitstellt. Dem eigentlichen Bedarf werden wir dabei aber bei Weitem nicht gerecht. Außerdem sind keine internationalen Organisationen vor Ort, die MigrantInnen vor Missbrauch und der Verletzung ihrer Rechte schützen könnten.

Hat der rechtlich nicht geklärte Status der MigrantInnen zur Ausbreitung von Mafia-Gruppen beigetragen? Wie gehen diese vor?

Ja, es gibt zwei Arten von Mafia-Gruppen: zum einen diejenigen, die illegale Geschäfte mit den Menschen machen, die die Grenzen zu anderen Ländern überqueren. Zum anderen gibt es Mafia-Gruppen, die Menschenhandel betreiben. Beide Arten bestehen nebeneinander oder verflechten sich entlang der Reiserouten von MigrantInnen. Je schwieriger es ist, nach Europa einzureisen, desto ertragreicher wird der Handel für diese Mafia-Gruppen – und desto stärker werden sie auch.

Was macht Ärzte ohne Grenzen?

In Oujda gewährleistet Ärzte ohne Grenzen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und in Nador leisten wir direkte medizinische Versorgung. 44 Prozent der Krankheiten, die wir behandeln, hängen mit den unzulänglichen Lebensbedingungen der MigrantInnen zusammen. Erstens stellen wir mehr oder weniger stark ausgeprägte Atemwegserkrankungen fest, bedingt durch die fehlenden Unterschlupfmöglichkeiten und die niedrigen Temperaturen, denen sie in den Bergen ausgesetzt sind. Zweitens stellen wir vermehrt Magen-Darm-Erkrankungen sowie Gliederschmerzen fest. Diese hängen möglicherweise mit der Belastung und dem Leiden aufgrund der Rastlosigkeit und der ständigen Flucht vor Sicherheitskräften zusammen. Drittens treten häufig Hauterkrankungen auf, die mit dem Mangel an sauberem Wasser und mit den unzureichenden sanitären Bedingungen in provisorischen Behausungen einhergehen.Außerdem mussten wir dieses Jahr zahlreiche MigrantInnen versorgen und ins Krankenhaus bringen, die uns berichteten, dass sie während ihrer Flucht über einen Zaun in Melilla von marokkanischen und spanischen Sicherheitskräften zusammengeschlagen und misshandelt wurden. Darüber hinaus leistet Ärzte ohne Grenzen physische und psychische Unterstützung für Opfer sexueller Gewalt. Außerdem stellen wir Hilfsgüter wie Decken, Planen, Hygieneartikel, Winterausrüstung und Kochutensilien sowie Wasser und sanitäre Materialien bereit.

Gibt es in Marokko eine gesundheitliche Versorgung für MigrantInnen?

In Städten wie Rabat, Casablanca und Oujda ist im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung von MigrantInnen ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen. Dort haben MigrantInnen Zugang zu Gesundheitszentren und werden in Krankenhäusern versorgt. Das ist in Nador nicht der Fall. Dort gehen MigrantInnen nur dann in Gesundheitseinrichtungen, wenn es ihnen wirklich sehr schlecht geht – sie haben Angst, festgenommen und zur Grenze deportiert zu werden.

Was passiert an der Grenze zu Algerien?

Egal in welcher Region in Marokko MigrantInnen festgenommen werden, sie werden immer zur algerischen Grenze in der Nähe von Oujda gebracht. Dort werden sie abgesetzt, müssen alleine weiter und werden gezwungen, die Grenze zu überqueren. Die algerische Polizei wiederum nimmt sich dieses Vorgehen zum Vorbild und weist die MigrantInnen wieder aus nach Marokko. Infolgedessen gehen die meisten in derselben Nacht, in der sie abgeschoben werden, 20 Kilometer zu Fuß zurück nach Oujda, um dort wieder dasselbe Prozedere von vorne zu erleben. Viele von ihnen erzählen, dass sie schon oft ausgewiesen wurden und dass ihnen letztlich keine Alternative bleibt, als von Oujda wieder nach Nador zu gehen und dort erneut zu versuchen, nach Europa zu kommen.

Was kann die internationale Gemeinschaft in dieser Hinsicht tun?

Die EU und ihre Mitgliedsstaaten, hauptsächlich Spanien, sollten den Folgen ihrer Migrationspolitik nicht den Rücken zukehren. Zusammen mit Marokko sollte die EU sicherstellen, dass Menschenrechte gewahrt werden, wenn es um die sogenannte „Migrationskontrolle“ geht. Die Vereinten Nationen sollten ihre Präsenz in der Gegend erhöhen, damit internationale Abkommen eingehalten werden. Des Weiteren sollten NGOs, die für Sicherheitsangelegenheiten zuständig sind, dort anwesend sein – dies ist momentan nicht im Geringsten der Fall.

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