Syrien

Nierentransplantationen: Der vergessene Kampf in Syrien

Von Mohammed Al Youssef, Facharzt für Endokrinologie

In den letzten Monaten hat sich die Situation in Gouvernement Idlib, das im nordwestlichen Teil Syriens liegt, verschlechtert. Die Bomben- und Granatenangriffen haben sich gehäuft und eine Atmosphäre aus Angst hängt in der Luft. Menschen mit gesundheitlichen Problemen leiden noch mehr darunter. Mohammed Al Youssef ist ein syrischer Arzt, der diesen Menschen mit grossem Engagement hilft. Seit 2014 arbeitet er mit Ärzte ohne Grenzen und ermöglicht Menschen mit Nierentransplantationen den Zugang zu lebensnotwendigen Behandlungen.

“Vor zehn Jahren drehte sich der Spieß um: Ich befand mich nicht mehr in der Rolle des Arztes, sondern war selber Patient. Meine Nierentransplantation erwies sich nicht nur als Wendepunkt in meinem Leben, sondern auch in meiner Karriere. Obwohl ich eine Ausbildung zum Facharzt für Endokrinologie gemacht habe, habe ich mich bisher vor allem auf die Behandlung von DiabetikerInnen und Diabetiker konzentriert. Die Transplantation und der Krieg, der zwei Jahre später in meinem Land ausbrach, haben mich dazu bewogen, mich auf die Endokrinologie zu spezialisieren. Heute bin ich einer der wenigen Ärzte in Nordsyrien, die Menschen mit Nierentransplantationen behandeln.

Bevor der Krieg in Syrien ausbrach, war die Behandlung dieser Patientinnen und Patienten gewährleistet. Sie wurden in öffentlichen Spitälern oder Gesundheitszentren behandelt, wo ihnen alle Ressourcen zur Verfügung stehen. Betroffene mit Nierentransplantationen erhielten kostenlosen Zugriff zu Dialysen und Medikamenten. Dies änderte sich jedoch 2011.

In diesem Jahr wurden auf den Straßen überall Kontrollpunkte errichtet. Dies hatte zur Folge, dass die Menschen nicht mehr in oder aus ihrer Stadt reisen konnten und der Zugang zu medizinischen Behandlungen zunehmend eingeschränkt wurde. Je nachdem, woher man kommt, riskiert man beim Passieren von Kontrollpunkten eine Gefängnisstrafe oder gar das eigene Leben. Ob man krank ist, spielt hier keine Rolle.

Diejenigen, von denen ich wusste, dass sie eine Nierentransplantation erhalten haben, kauften sich schließslich die Medikamente selbst oder baten ihre Verwandten, sie aus dem Ausland nach Syrien zu schicken. Sie konnten ohne Medikamente nicht überleben. Um eine Abstoßung der transplantierten Niere zu vermeiden, müssen PatientInnen und Patienten ihr Leben lang Immunsuppressiva einnehmen. Falls diese Medikamente abgesetzt werden, erleben sie Nierenversagen und sind als Folge davon auf Dialysen angewiesen. Dies bringt einige Schwierigkeiten mit sich: Erstens ist die Handhabung von Dialysen weniger praktisch und zweitens sind sie viel kostspieliger als Immunsuppressiva.

Deshalb habe ich 2014 die lokalen Gesundheitsbehörden gebeten, mir den Kontakt zu Ärzte ohne Grenzen zu verschaffen. Ich erzählte, dass ich 22 Menschen mit Nierentransplantationen kenne, die sich ihre Medikamente nicht leisten können und ließ ihnen die entsprechenden Patientenakten zukommen. Die Organisation willigte schließlich ein, diese Menschen zu unterstützen und ihnen kostenlose Behandlungen anzubieten, um sie am Leben zu erhalten. Dies freute mich sehr.

Die Anzahl Menschen, die ich behandelte, wuchs in den nächsten Monaten und Jahren. Anfangs hatte ich nur 22 Patienten behandelt, dann waren es 45, dann 73 und dann fast hundert. 2015 startete eine andere humanitäre Organisation im Gouvernement Aleppo ein identisches Projekt und bat mich um Hilfe. So teilte ich meine Zeit zwischen den Organisation auf und beaufsichtigte die Behandlung hunderter Patientinnen und Patienten im Norden Syriens.

Die letzten fünf Jahre, in denen ich mich um diese Menschen gekümmert habe, haben mich verändert. Wenn über Syrien gesprochen wird, fallen oft Worte wie «Wunden» und «Trauma». Fast niemand spricht über Menschen, die eine Transplantation hinter sich haben und auf lebenslange Behandlungen angewiesen sind. Die Arbeit, die ich seit 2014 mache, hat mir viel Freude bereitet. Doch ehrlich gesagt, bin ich es auch leid, in dieser schwierigen Situation zu arbeiten oder überhaupt zu leben. Irgendwann wollte ich gar das Handtuch werfen, doch meine Patientinnen und Patienten gaben mich nicht auf. Sie sagten mir, dass ich weitermachen müsse, denn sie hätten niemanden sonst, auf den sie sich verlassen könnten.

Der Zustand in Idlib ist heute sehr schlecht und der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Wie können nicht sagen, wie es morgen aussehen wird, denn die Situation verändert sich täglich. Was ich jedoch mit Sicherheit weiss, ist, dass ich nicht aufgeben werde, solange meine Patientinnen und Patienten noch behandelt werde müssen. Ich kann sie nicht einfach im Stich lassen und werde solange weitermachen, bis sie in Sicherheit sind. Diese Menschen interessieren sich nicht für den Krieg. Sie wollen nur ein normales Leben führen. Diese Behandlung ist der einzige Weg, dies zu ermöglichen und um ihr Überleben zu sichern."

Jetzt für unsere Einsätze spenden

Teilen

Vervielfältigen