Niger

Niger: Weitere Flüchtlingsströme aus Nigeria wegen Boko Haram-Angriffen

Fast 28.000 Menschen haben in der Region Diffa in Niger Zuflucht gefunden, nachdem sie vor den Übergriffen von Boko Haram geflohen sind. Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) verstärkt die medizinischen Tätigkeiten in der Region und ergreift Massnahmen, um die hygienischen Verhältnisse in den neuen Lagern zu verbessern. Ahmad Samro, Projektverantwortlicher von Ärzte ohne Grenzen, im Interview über die Lage in Diffa.

Unter welchen Bedingungen leben die Menschen, die vor Kurzem in der Region Diffa angekommen sind?

Man muss sich zunächst vor Augen führen, dass die Flüchtlingsströme bereits seit drei Monaten anhalten. Die Behörden schätzen, dass sich gegen 11.000 Personen an einem Standort namens Assaga, etwa fünfzehn Kilometer östlich von Diffa, niedergelassen haben. Der Name Assaga bezeichnet eigentlich das Heimatdorf der geflohenen Familien, das im Grenzgebiet zwischen Nigeria und Niger liegt. Die Menschen haben ihr Dorf im Mai fluchtartig verlassen, als es die Anhänger von Boko Haram in Schutt und Asche gelegt haben. Die nigrischen Behörden wiesen den Flüchtlingen diesen Standort zu. Nun sind sie komplett von humanitärer Hilfe abhängig. Die Neuankömmlinge haben sofort Hütten gebaut, einige haben ein paar Plastikplanen und Hilfsgüter erhalten. Die meisten haben jedoch keinen Zugang zu Trinkwasser und die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal.

Etwa 17.000 Flüchtlinge haben sich kürzlich im Westen von Diffa niedergelassen, zwischen den Dörfern Chétimari und Gagamari. Diese Familien sind aus dem nigerianischen Dorf Damasak geflohen, nachdem sich Mitte Juli die nigrischen und tschadischen Truppen zurückgezogen hatten. Sie flohen aus Angst vor Übergriffen durch Extremisten. Mit dem Unterschied zu den Menschen in Assaga konnten einige persönliche Gegenstände mitnehmen, und sie haben Zugang zu den Dienstleistungen und Geschäften des Dorfes. Auch sie haben Plastikplanen und einige Hilfsgüter erhalten, aber die lokalen Behörden sind angesichts dieser Massenankunft stark unter Druck. Das Gesundheitszentrum in Chétimari, das einzige in diesem Gebiet, ist komplett überfordert. Es verfügt weder über das Personal noch über genügend Medikamente, die für diese Tausenden von zusätzlichen Menschen nötig wären. Ausserdem sind die Gesundheitsleistungen kostenpflichtig, was für mittellose Flüchtlinge ein grosses Problem ist.

Welche Art von Hilfe leistet Ärzte ohne Grenzen diesen Menschen?

In Assaga haben wir begonnen, Trinkwasserreservoirs einzurichten, damit die Frauen nicht stundenlang an der Sonne oder unter dem Regen vor den Wasserstellen anstehen müssen. Wir werden auch Latrinen und Duschen aufbauen, spezielle Stellen zum Händewaschen und Wäschewaschen und ein System zur Abfallentsorgung einrichten. Es ist äusserst wichtig, dass die Menschen hier in guten Hygieneverhältnissen leben können. Nun beginnt die Regenzeit und damit steigt das Risiko für Krankheiten, die sich über das Wasser übertragen. Wir begleiten unsere Massnahmen mit Aufklärungsarbeit, um die Menschen darauf hinzuweisen, wie wichtig die Einhaltung der Hygiene ist.

Zwischen Chétimari und Gagamari bieten wir den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung in einer Hütte medizinische Grundleistungen an, um das Gesundheitszentrum in Chétimari zu entlasten. Diesen Dienst haben wir erst vor ein paar Tagen begonnen, aber wir kommen bereits auf über 60 Sprechstunden pro Tag, davon die Hälfte für Kinder unter fünf Jahren. Die häufigsten Erkrankungen sind Atemwegsinfektionen, Durchfallerkrankungen und Mangelernährung.

In Chétimari planen wir zudem, das Personal des Gesundheitsministeriums durch zwei Hebammen zu verstärken und Medikamente zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise wollen wir sicherstellen, dass die Patienten, die wir überweisen, kostenlos behandelt werden können. Bei Bedarf überweisen wir Patienten in das Regionalspital von Diffa, Mütter und Kinder in das spezielle Mutter-Kind-Zentrum, das ebenfalls von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird.

Sieht man bereits Auswirkungen der Regenzeit auf die Gesundheit der Flüchtlinge?

Tatsächlich haben es unsere medizinischen Teams immer häufiger mit Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfektionen zu tun, typische Erkrankungen während der Regenzeit. Im Niger fällt die Regenzeit nicht nur mit der Hauptmalariazeit, sondern auch mit der Hungerperiode, der Zeit zwischen zwei Ernten, zusammen, was wiederum zu mehr Fällen von Mangelernährung führt. Einerseits begünstigen also Regen und Wasserpfützen die Vermehrung der Moskitos, die Malaria übertragen; andererseits gehen die Vorräte des Vorjahrs zu Ende, während die nächste Ernte noch nicht eingebracht ist: Die Nahrung wird knapp. Kinder sind leider besonders anfällig für Malaria und Mangelernährung, die, insbesondere in Kombination, lebensbedrohlich sein können. Wir beobachten deshalb den Ernährungszustand der Kinder genau und überweisen mangelernährte Kinder in die speziellen Ernährungshilfezentren. Wir überwachen auch konstant die epidemiologische Lage in diesem Gebiet.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2005 in Niger tätig. Seit Januar 2015, hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 30.000 ärztliche Sprechstunden abgehalten, davon 20.000 für Kinder unter fünf Jahren in den Distrikten Diffa, Nguigmi und Bosso. Im Mutter-Kind-Zentrum in Diffa wurden 450 Patienten stationär aufgenommen. Gegenwärtig sind 55 internationale und 675 lokale Mitarbeiter für MSF in Diffa im Einsatz.

 

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