Pakistan

Pakistan: “Die Belastung der Gastfamilien ist enorm“ – Interview zur Situation der Vertriebenen aus dem Swat-Tal

Seit Mitte April 2009 hat sich der Konflikt zwischen den pakistanischen Taliban-Gruppen und der Regierung in der nordwestlichen Grenzregion intensiviert und im Mai einen Höhepunkt erreicht. 2,1 Millionen Menschen sind laut offiziellen Angaben vor der Gewalt in der nordwestlichen Grenzprovinz Pakistans geflohen. Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, ist gerade aus der Region zurückgekehrt. Er war als medizinischer Koordinator im Einsatz und berichtet davon, wie es den Menschen heute geht.

Wie sieht das Leben der Vertriebenen in einem Distrikt wie Mardan, wo sehr viele Vertriebene leben, konkret aus?

Gegenwärtig ist es bei Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad Celsius sehr heiß. Das macht alle Tätigkeiten mühsamer – sowohl für die Hilfsbedürftigen wie für die Helfer. Das Land hier ist weitgehend flach, Ackerbau und Viehzucht bestimmen das Leben. Die von der Regierung und dem Militär organisierten Vertriebenenlager sind inzwischen weitgehend geräumt. Die überwiegende Zahl der Betroffenen ist allerdings bei Freunden, Verwandten und in öffentlichen Gebäuden wie Schulen untergekommen. Viele der Menschen sind aus Angst vor der unzureichenden Sicherheit in ihrer Heimatregion noch nicht zurückgekehrt.

Die Belastung der Gastfamilien ist daher enorm – sie haben über Wochen und Monate vertriebene Familien aufgenommen. Das bringt viele von ihnen ökonomisch, aber auch kräftemäßig an den Rand des Leistbaren.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen den  Vertriebenen und den Gastfamilien?

Jeder, der eine unserer Kliniken aufsucht, wird kostenfrei behandelt. Wir haben im Krankenhaus von Mardan eine Notfallambulanz sowie eine Männer- und eine Frauenstation eingerichtet. Dazu kommt ein Zentrum, in dem schwere Durchfallerkrankungen behandelt werden und das entsprechend von der übrigen Klinik isoliert ist. Hier behandeln wir eine steigende Zahl von Patienten mit Verdacht auf Cholera. Um Peshawar herum, das die Hauptstadt der nordwestlichen Grenzprovinz ist, sind wir in sechs Basisgesundheitszentren aktiv, behandeln wöchentlich etwa 1.000 Patienten, überwiegend Durchfall- und Atemwegserkrankungen oder Hauterkrankheiten.

Zu unseren Patienten gehören auch viele Kinder, wie zum Beispiel der 10-jährige Basit. Er war mit seiner Mutter in das Basisgesundheitszentrum in Darband gekommen, das im Osten der nordwestlichen Grenzprovinz liegt. Seine beiden Brüder waren auch bereits bei uns in Behandlung. Er hatte ein angeschwollenes Knie, das zudem sehr juckte. Er leidet wie seine Brüder an der in dieser Region häufig vorkommenden Leishmaniose, einer alten, aber weithin unbekannten Infektionskrankheit, an der jährlich etwa zwei Millionen Menschen erkrankt sind. Die Krankheit äußert sich durch hohes Fieber, rötliche Hautgeschwüre, starken Gewichtsverlust, Gelenkschmerzen und eine vergrößerte Milz. In ihrer gefährlichsten Ausprägung heißt die Krankheit Kala Azar und führt unbehandelt unweigerlich zum Tod. Basit leidet nicht an dieser Form der Leishmaniose, daher hat er jetzt gute Heilungschancen, wenn er sich der Behandlung mit allerdings sehr schmerzhaften Spritzen unterzieht.

Wie sieht die Situation für kriegsverletzte Patienten aus?

Die akuten Kriegsverletzungen nehmen zwar ab, aber die Nachsorge der chirurgischen Patienten bleibt ein Problem. Außerdem ist die Akutversorgung von Verletzten in Pakistan fast überall unzureichend. Nach wie vor sterben Menschen bei Anschlägen. Die Nothilfe für diese Menschen bleibt eine gewaltige Herausforderung. Verletzte, die eigentlich gerettet werden könnten, sterben, noch bevor sie ein Krankenhaus erreicht haben. Zudem ist die Erstversorgung in den Krankenhäusern selbst inakzeptabel. Das muss sich dringend ändern. Gleiches gilt übrigens auch für die medizinische Grundversorgung in ländlichen Gebieten, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan.

Sind die Hilfsangebote ausreichend, und wie sind die Perspektiven für die Menschen?

Die Gewalt im Norden Pakistans in diesem Jahr hat sicher zur schwersten humanitären Krise seit dem Erdbeben in Kaschmir 2005 geführt. Was die Situation der Vertriebenen aus dem Swat-Tal angeht, sind die Hilfsangebote inzwischen einigermaßen ausreichend. Es gibt aber andere Vertriebenengruppen, wie zum Beispiel Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Bajaur, die aus einer Region westlich des Swat-Tals kommen und sehr arm sind. Sie müssten bei ihrer Rückkehr ganz von vorne beginnen, und ihre Heimatregion ist von chronischer Unsicherheit geprägt, was eine Rückkehr erschwert. Sie werden noch lange auf externe Hilfe angewiesen sein.

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