Bangladesch

Ein Leben in Ungewissheit: Rohingya drei Jahre nach dem Exodus

Vor drei Jahren wurden mehr als 700.000 Rohingya gewaltsam aus Myanmar über die Grenze nach Bangladesch vertrieben. Seither leben sie in Ungewissheit über ihre Zukunft – in überfüllten Notunterkünften, ohne Perspektive oder Hoffnung auf eine sichere Rückkehr in ihr Land.

„Unser Leben in den Lagern ist schwierig: Das Gelände ist klein und es gibt keinen Platz zum Spielen für die Kinder“, sagt Abu Siddik.

Abu Siddik lebt in einem der Lager im Bezirk Cox's Bazar im Südosten Bangladeschs, wo rund 860.000 geflüchtete Rohingya auf nur 26 Quadratkilometern Land zusammengepfercht untergebracht sind.

Abu Siddik floh nach Bangladesch, nachdem die Sicherheitskräfte Myanmars im August 2017 „Säuberungsaktionen“ gegen die ethnische Minderheit der Rohingya einleiteten. Mehr als 700.000 Rohingya aus dem Bundesstaat Rakhine wurden über die Grenze nach Bangladesch getrieben. Dort lebten bereits 200.000 Angehörige der Minderheit, die vor früheren Gewaltwellen geflohen waren.

Viele von ihnen haben vor ihrer Flucht schreckliche Gewalt erlebt. „Ich habe Myanmar verlassen, weil mein Haus niedergebrannt wurde“, sagt Abu Siddik. „Sie haben gemordet und alle gefoltert und unsere Frauen schikaniert. Es war nicht sicher.“

Seitdem erinnert der 25. August jedes Jahr daran, was die Minderheit der Rohingya seit Jahrzehnten ertragen muss: staatlich sanktionierte Gewalt, Verfolgung, Diskriminierung, die Verweigerung von Grundrechten.

Die psychische Gesundheit leidet

Aber auch drei Jahre später besteht kaum Hoffnung, dass sich die Lebenssituation der Rohingya verbessert oder dass sie in naher Zukunft sicher und in Würde nach Hause zurückkehren können. Die Menschen leben weiterhin in überfüllten Notunterkünften aus Plastik und Bambus – in einem Zustand der Ungewissheit, weit entfernt von jeder Normalität.

Unsere Teams beobachten in unseren Einrichtungen in Cox's Bazar eine wachsende Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste, schlechte Lebensbedingungen und mangelnder Zugang zu formaler Bildung kommen zu den traumatischen Erinnerungen an die in Myanmar erlittene Gewalt hinzu. Einige Patientinnen und Patienten benötigen psychiatrische Behandlung wegen schwerer psychischer Probleme, einschließlich bipolarer Störungen und Schizophrenie.

Schlechte Lebensbedingungen als Krankheitsursache

„Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten, die wir behandeln, kommen mit Atemwegsinfektionen, Durchfallerkrankungen und Hautinfektionen zu uns“, sagt Tarikul Islam, unser medizinischer Teamleiter im Megacamp Kutupalong-Balukhali, dem größten Flüchtlingslager der Welt. „Diese Krankheiten haben meist mit den schlechten Lebensbedingungen zu tun.“

Obwohl in den Lagern heute mehr Ordnung herrscht als früher – es gibt bessere Straßen, mehr Latrinen und saubere Wasserstellen – ist der Zugang noch immer stark eingeschränkt. Das Leben ist prekär. Jedes Jahr in der Monsun-Zeit besteht die Gefahr von Überschwemmungen und Schlammlawinen. Die Menschen müssen befürchten, die wenigen Habseligkeiten zu verlieren, die sie besitzen. Hinzu kommen wirtschaftliche Probleme.

Geringes Vertrauen in Gesundheitsversorgung

In Myanmar erhielten Rohingya oftmals eine schlechte Gesundheitsversorgung. Deshalb zögern die Menschen in den Lagern, sich an die Gesundheitseinrichtungen zu wenden.

„Manche Patientinnen und Patienten kommen erst, wenn sie bereits schwer krank sind“, sagt Kinderarzt Ferdyoli Porcel. „Wenn der Zustand bereits kompliziert ist und die Krankheit andere Organe im Körper schädigt, erfordert das viel mehr Aufmerksamkeit und erschwert die Behandlung.“ 

Dies trifft auch auf die Schwangerschaftsvorsorge und Entbindungen zu Hause zu, wenn es dabei zu Komplikationen kommt.

„Eine Entbindung in einem Krankenhaus kann auf diese Komplikationen reagieren und gibt uns die Möglichkeit, dem Baby beim Atmen zu helfen, wenn es mit Problemen zur Welt kommt, oder der Mutter zu helfen, wenn sie Blut verliert“, sagt Ferdyoli Porcel.

Herausforderungen durch COVID-19

Der erste COVID-19-Fall unter den Rohingya in den Lagern wurde am 15. Mai bestätigt. Da Gerüchte und Fehlinformationen weit verbreitet sind, bleiben Menschen den Kliniken deshalb noch öfter fern, selbst wenn sie lebenswichtige Gesundheitsversorgung benötigen. Die Angst vor Stigmatisierung ist bei manchen groß.

Jobaida hat vor einigen Wochen in unserem Mutter-Kind-Krankenhaus in Goyalmara entbunden. Sie beschreibt, wie sie und ihr Baby sechs Tage auf der Neugeborenen-Intensivstation verbrachten und während dieser Zeit auf das Coronavirus getestet wurden:

„Der Test kam positiv zurück, und ich wurde mit meinem Baby auf die Isolierstation verlegt. Dort verbrachten wir 12 Tage. Ich hatte Angst, weil in unserer Gemeinde der Glaube herrscht, dass man mit COVID-19 sterben wird. Die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte waren sehr freundlich; sie unterstützten mich und schauten jeden Tag nach mir. Sie schienen keine Angst zu haben, sich mir zu nähern, obwohl ich ansteckend war. Dadurch fühlte ich mich weniger stigmatisiert.“

Die eingeschränkte Verfügbarkeit von Mobilfunknetzen in und um die Lager hat es unseren Teams erschwert, die Menschen über soziale Medien oder SMS-Nachrichten über COVID-19 zu informieren. Deshalb gehen unsere Teams in den Lagern und den benachbarten Dörfern von Haus zu Haus. So soll vermieden werden, dass es zu Menschenansammlungen kommt.

Die COVID-19-bedingten Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den Lagern haben den Zugang zur Gesundheitsversorgung weiter erschwert. Patientinnen und Patienten mit „nicht sichtbaren“ Krankheiten wie psychischen Störungen oder nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes haben dadurch größere Schwierigkeiten, ihre Krankheit nachzuweisen und zu medizinischen Einrichtungen zu gelangen.

Düstere Aussichten für Rohingya in der ganzen Region

Auch in Myanmar und Malaysia beobachten unsere Teams bei ihrer Arbeit mit der Rohingya-Bevölkerung, welche Auswirkungen ein Leben in Ungewissheit auf die Menschen hat.

Die Rohingya, die noch im Bundestaat Rakhine in Myanmar leben, sind dort weiterhin Diskriminierung und Segregation ausgesetzt. Insbesondere ihre Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt – und dadurch auch ihr Zugang zu medizinischer Versorgung.

In Malaysia suchen viele der dort lebenden Rohingya nur im Notfall oder gar keine medizinische Hilfe auf. Sie befürchten, sie könnten den Einwanderungsbehörden gemeldet und verhaftet werden. Da ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, könnten sich die meisten von ihnen aber ohnehin keine medizinische Versorgung leisten. Malaysia gehört zu den Ländern, die besonders viele Rohingya außerhalb von Myanmar beherbergen.

In den letzten Monaten haben Staaten in Südostasien aus Angst vor der COVID-19-Pandemie auch wiederholt Boote mit Hunderten von Menschen, die aus den Camps in Bangladesch geflüchtet sind, daran gehindert, an Land zu gehen.

Alan Pereira, unser Einsatzleiter in Bangladesch, berichtet:

„Die COVID-19-Pandemie hat die heikle Situation der geflüchteten Rohingya noch weiter verschärft. Da sie keinen Rechtsstatus haben und es keine längerfristigen und nachhaltigen Lösungen gibt, ist ihre Zukunft unsicherer denn je. In einer Zeit, in der viele Menschen auf der ganzen Welt erleben, dass ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, sie ihre Pläne aufschieben müssen und ihre Lebensgrundlage ins Wanken gerät, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass dies seit Generationen die Lebensrealität der Rohingya ist.“

Unsere Hilfe in Cox’s Bazar

Ärzte ohne Grenzen betreibt in Cox’s Bazar 10 Krankenhäuser und Gesundheitszentren. Unsere Aktivitäten umfassen unter anderem folgende Bereiche: Notfall- und Intensivversorgung, Kinderheilkunde, Geburtshilfe, sexuelle und reproduktive Gesundheit, die Betreuung von Überlebenden von sexualisierter Gewalt und die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit nicht übertragbaren Erkrankungen.

Im ersten Halbjahr 2020 hat unser Team:

  • fast 173.000 ambulante Behandlungen und Notfallbehandlungen durchgeführt
  • mehr als 9.100 Personen zur stationären Betreuung aufgenommen
  • mehr als 22.600 Untersuchungen zur Schwangerschaftsvorsorge gemacht
  • bei mehr als 2.000 Entbindungen geholfen
  • mehr als 14.250 psychologische Einzelberatungen durchgeführt

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