Süditalien: Gewaltausbrüche bringen Vernachlässigung und Ausbeutung von Migranten ans Licht

Durch die jüngste Gewalt in Kalabrien, Süditalien, kam das Leid der Migranten, die als Saisonarbeiter in der Region arbeiten, an die internationale Öffentlichkeit. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) verurteilt die anhaltende Vernachlässigung und Ausbeutung dieser verwundbaren Bevölkerungsgruppe.

Rom/Wien, 12. Jänner 2010. Nach den Gewaltausbrüchen gegen Migranten, die als Saison-Arbeiter in Kalabrien  arbeiten, sind die Orte, an denen seit November Tausende von ihnen lebten, nun völlig leer. Die meisten wurden von den italienischen Behörden in Asylzentren in anderen Teilen Süditaliens transferiert und mussten den Großteil ihrer Habseligkeiten zurück lassen. „Einige von ihnen wollten nicht weg, da sie für ihre Arbeit noch nicht bezahlt worden waren, andere fürchteten, verhaftet oder verschleppt zu werden“ erklärt Alessandra Tramontano, die medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Aber sie hatten so große Angst, dass sie dachten, sie hätten keine andere Wahl, als wegzugehen.“ Ärzte ohne Grenzen hat auch sieben Migranten besucht, die im Krankenhaus liegen, weil auf sie geschossen wurde oder weil sie geschlagen wurden.

„Die jüngsten Phasen der Gewalt und der Feindseligkeit sind ein extremes Symptom der chronischen Verwahrlosung, der diese Migranten in Italien ausgesetzt sind“ so Loris de Filippi, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen. „Sie sind zwar ein wesentlicher Bestandteil der Arbeitskraft in der italienischen Landwirtschaft, werden aber nur zu leicht ausgebeutet“, fügt er hinzu. Die Saison-Arbeiter in Süditalien haben extrem schwierige Lebensbedingungen: Oft leben sie in heruntergekommenen Häusern oder Fabriken und sind Regen und – im Winter - kaltem Wetter ausgesetzt. Diese Orte haben sehr schlechte sanitäre Einrichtungen, und der Zugang zu medizinischer Versorgung ist eingeschränkt. „Die meisten Krankheiten, die unser medizinisches Team behandelt, hängen mit ihren schrecklichen Lebens- und Arbeitsbedingungen zusammen, wie zum Beispiel Atemwegserkrankungen, Muskelschmerzen oder Magen-Darmentzündungen.“

Ärzte ohne Grenzen leistet seit 2003 in verschiedenen Regionen Süditaliens (Apulien, Kampanien, Kalabrien, Sizilien, Lazio und Basilicata) humanitäre Hilfe für diese Migranten. Das letzte Hilfsprojekt in Piana die Gioia Tauro startete erst im Dezember, als die Migranten für die Ernte-Saison zusammenkamen. Mit einer mobilen Klinik hat das MSF-Team die meisten Orte besucht, wo die Migranten lebten. Zwischen dem 21. und dem 23. Dezember hat Ärzte ohne Grenzen Hilfs-Kits mit Decken, Wassereimern und anderen Hilfsgütern verteilt, um das Leid der 2.000 Saison-Arbeiter im Winter zu lindern.

Seit Ärzte ohne Grenzen mit den Saisonarbeitern arbeitet, hat die Organisation immer wieder die erschütternden Lebensbedingungen angeprangert und die Behörden gedrängt, Maßnahmen zur Verbesserung der humanitären Situation von Migranten zu ergreifen. Mit zwei Berichten ("A Season in Hell", 2008 und “The fruits of hypocrisy", 2005), hat Ärzte ohne Grenzen die dramatischen Bedingungen aufgezeigt, unter denen Migranten leben, die das ganze Jahr auf den Bauernhöfen Süditaliens arbeiten. „Für die Tausenden Migranten, die auf italienischen Bauernhöfen arbeiten, hat sich seit 2003, als wir das Programm gestartet haben, wenig geändert.  Jahr für Jahr kehren unsere Teams in dieselben Gebiete zurück und sehen dieselben grauenhaften Bedingungen, die wir durch medizinische und humanitäre Hilfe zu erleichtern suchen. Es ist höchste Zeit, dass die italienischen Behörden Maßnahmen setzen, durch die die Lebensbedingungen dieser Arbeiter und ihr Zugang zu Gesundheitsversorgung verbessert werden und dafür zu sorgen, dass ihre Würde zu respektiert wird“, sagt Loris de Filippi.

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