Südsudan

Südsudan: Ärzte ohne Grenzen verurteilt Angriffe auf Krankenhäuser und Patienten

Juba/Wien, am 26. Februar 2014. Bei den Kämpfen im Südsudan werden auch medizinische Einrichtungen zum Ziel von Gewalt und Zerstörung. Wie die internationale medizinische Organisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) berichtet, wurden Patienten in ihren Betten erschossen, ganze Krankenstationen niedergebrannt, medizinische Ausrüstung geplündert und sogar ein ganzes Krankenhaus dem Erdboden gleichgemacht. Durch die Angriffe wird hunderttausenden Menschen der Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt. Ärzte ohne Grenzen verurteilt die Übergriffe und ruft zu Respekt vor medizinischen Einrichtungen auf. 

„Die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Patienten geschehen vor dem Hintergrund brutaler Übergriffe auf Städte, Märkte und öffentliche Einrichtungen“, sagt Raphael Gorgeu, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „Diese Übergriffe zeugen von einem völligen Mangel an Respekt für medizinische Hilfe. Den Menschen wird dadurch lebensrettende Unterstützung verwehrt, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem sie diese am dringendsten brauchen.“

Krankenhaus geplündert, Stationen niedergebrannt

Am 22. Februar entdeckten Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen am Gelände des „Teaching Hospital“ in der Stadt Malakal im Bundesstaat Upper Nile mindestens 14 Leichen. Die Patienten gehörten zu einer Gruppe von 50 bis 75 Personen, die nicht aus dem Krankenhaus fliehen konnten, weil sie zu schwach oder zu alt waren. Bei mehreren Patienten ist davon auszugehen, dass sie in ihren Betten erschossen wurden. Einige Krankenstationen, darunter auch das therapeutische Ernährungszentrum für unterernährte Kinder, wurden niedergebrannt. Im ganzen Krankenhaus wurde geplündert.

Ärzte ohne Grenzen hat die am schwersten erkrankten Patienten zur Basis der Vereinten Nationen (UNMISS) in Malakal gebracht, darunter auch 13 Verletzte mit Schusswunden. Die Patienten berichteten, dass am 19. Februar Bewaffnete in das Krankenhaus eingedrungen waren und Menschen erschossen hatten, wenn diese ihnen kein Geld oder Mobiltelefone geben konnten. Später an dem Tag wären die Bewaffneten zurückgekommen und hätten Patienten in ihren Betten erschossen. Auch jene, die sich im Operationssaal versteckt hielten, seien erschossen worden. Frauen und Mädchen wären vergewaltigt worden, so die Zeugen.

Hunderttausende ohne Zugang zu medizinischer Versorgung

In der im Süden des Bundesstaates Unity gelegenen Stadt Leer wurde zwischen Ende Januar und Anfang Februar das gesamte Krankenhaus geplündert und zerstört, wodurch nun hunderttausende Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Nach wochenlangen Kämpfen in der Umgebung konnten Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen das Krankenhaus erstmals wieder besuchen. Sie fanden ein Schreckensszenario vor: Gebäude und Ausrüstungsgegenstände sind nur noch Schutt und Asche, Medikamenten-Ampullen wurden zerschmettert, sterile chirurgische Ausrüstung wurde zerstört und überall verteilt. Medikamente, Betten und andere Gegenstände wurden geplündert. Am gesamten Krankenhausgelände gibt es kein einziges Krankenbett mehr.

Das Krankenhaus in Leer, das vor 25 Jahren eröffnet wurde, war das einzige Referenzspital in der Region und hatte ein Einzugsgebiet von fast 300.000 Menschen. Allein im Jahr 2013 wurden mehr als 68.000 medizinische Behandlungen durchgeführt, rund 400 Patienten operiert und 2.100 Kinder gegen Mangelernährung behandelt. Zwischen dem 15. Dezember – als die Kämpfe im Südsudan ausbrachen – und 15. Januar wurden über 4.000 Menschen behandelt. Bis zur erzwungenen Schließung Ende Januar wurden an die 170 Operationen durchgeführt.

Bevölkerung lebt unter furchtbaren Bedingungen in Wäldern

„Die Bevölkerung ist vor den Kämpfen aus Leer geflohen und lebt nun unter furchtbaren Bedingungen in den Wäldern. Die Menschen trauen sich nicht, nach Hause zurückzukehren“, berichtet Sarah Maynard, die Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Leer. „Doch selbst wenn die Menschen morgen oder in einem Monat zurückkehren, würden sie nur Ruinen vorfinden und ohne Gesundheitsversorgung auskommen müssen. Das ist eine Katastrophe für die Bevölkerung.“

Auch 240 einheimische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen , die geflohen sind,  halten sich weiterhin im Busch versteckt . Sie bemühen sich, geflohene Patienten zu behandeln. Doch ihre Vorräte an medizinischem Material werden immer weniger. Sie berichten, dass sie Wundverbände mehrmals verwenden müssen. Der Gesundheitszustand vieler Vertriebener hat sich verschlechtert, weil sie gezwungen sind, schmutziges Wasser aus dem Fluss zu trinken und Wasserlilien zu essen. Ärzte ohne Grenzen setzt alles daran, den Vertriebenen Hilfe zu leisten und die Mitarbeiter mit medizinischem Material auszustatten.

Bedingungsloser Respekt vor medizinischen Einrichtungen gefordert

„Wir müssen ernsthaft überlegen, ob wir wieder im Krankenhaus in Leer arbeiten können“, sagt Einsatzleiter Raphael Gorgeu. „Einerseits wird es enorme Ressourcen erfordern. Andererseits wird eine Rückkehr auch davon abhängig sein, dass alle Konfliktparteien unseren medizinischen Einrichtungen, dem Personal und den Patienten bedingungslosen Respekt entgegenbringen. Nicht nur im Bundesstaat Unity, sondern im ganzen Land.“

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1983 im Gebiet der heutigen Republik Südsudan und betreibt aktuell 17 Hilfsprogramme in neun der zehn Bundesstaaten des Landes. Neben den regulären Hilfsprogramme in Agok, Aweil, Bentiu, Gogrial, Maban, Malakal, Nasir, Yambio, Lankien, Yuai, Pamat und Yida gibt es vier zusätzliche Not-Programme in Juba, Awerial, Malakal, Melut und Nimule. Ärzte ohne Grenzen reagiert auf Notsituationen wie massenhafte Vertreibungen, Flüchtlingsströme, Ernährungskrisen und dem verstärkten Auftreten von Krankheiten wie Masern, Malaria, akute Durchfallerkrankungen und Kala Azar. Zusätzlich leisten die Teams grundlegende und spezialisierte Gesundheitsversorgung. Ärzte ohne Grenzen versorgt zudem südsudanesische Flüchtlinge in Kenia, Uganda und Äthiopien. Derzeit sind im Südsudan 333 internationale und 3.330 einheimische Mitarbeiter für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

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