Syrien

Syrien: „Der Tag, an dem mein Dorf bombardiert wurde“

Luftangriffe und Kämpfe bestimmen den Alltag in Syrien

Alia Mosa liegt in einem Krankenhausbett, in einem Spital in Nordsyrien. Ihre Füße sind in Bandagen eingewickelt. Sie ist wütend und verzweifelt, und sie will unbedingt ihre Geschichte erzählen. „Es war fünf Uhr morgens“, berichtet sie. „Sie beschossen uns mit Raketen, mein Haus wurde völlig zerstört. Vier meiner Kinder wurden getötet und ich selbst wurde verletzt. Nur eine meiner Töchter und mein Mann haben überlebt.“ Alia schwört, nie wieder nach Aleppo zurückzukehren – in die nordsyrische Stadt, in der sie bis vor wenigen Tagen gelebt hat. Sie möchte aber, dass die Welt Bescheid weiß: über die Luftangriffe, die ihre Familie zerstört haben.

Im Krankenhaus, das Ärzte ohne Grenzen in von der Opposition kontrolliertem Gebiet in der Provinz Aleppo unterhält, sind Geschichten wie jene von Alia keine Ausnahme. Auf den Krankenstationen, wo verwundete Zivilisten neben Kämpfern liegen, spiegelt sich die Situation außerhalb der Spitalsmauern. Die unterschiedlichsten Menschen aus ganz verschiedenen Gesellschaftsbereichen werden zu Opfern des Krieges.

Viele Babys werden zu früh geboren

So auch eine ältere Frau, die auf der gleichen Station wie Alia liegt. Sie erholt sich gerade von einem chirurgischen Eingriff. „Ich war in Aleppo, es gab Kämpfe. Ich war draußen unterwegs und wurde angeschossen“, berichtet Nora Aljassem. Ihr wurde in den Bauch geschossen, als sie eine Straße überquerte.

In Nordsyrien wird es immer schwieriger, Zugang zu medizinischer Versorgung zu bekommen. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Früher suchten Schwangere für die Geburt ein Krankenhaus auf; jetzt entbinden sie zuhause. Häufig werden die Babys zu früh geboren – schuld daran ist der Stress, den das Leben im Krieg verursacht. Für Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck ist es beinahe unmöglich geworden, die notwendigen Medikamente oder medizinische Betreuung zu finden. Sie sind die stillen Opfer des syrischen Konflikts.

4,25 Millionen Syrer sind aus ihrem Land vertrieben worden

In einer Region, wo Luftangriffe und bewaffnete Konflikte an der Tagesordnung sind, ist das Wort ‚Tayara‘ (arabisch für „Flugzeug“) in aller Munde. Rund 4,25 Millionen Syrer sind aus ihrem Land vertrieben worden, seit der Krieg vor mehr als zwei Jahren begann.

In der Provinz Aleppo an der türkischen Grenze leben 10.000 Syrer in einem Zeltlager und warten auf ihre Chance, die Grenze zu überqueren. In einem der Zelte denkt eine Gruppe von Syrern bei Linsensuppe und Rührei über die Zukunft nach.

„Vielleicht können wir in die Türkei gehen und Ruhe finden“, sagt Mustafa, während er ein Stück grüne Paprika in Salz tunkt. „Es wird besser sein als hier, kein Zweifel. Hier ist die Situation sehr schlecht.“ Er wendet sich an seine Nachbarin und fragt: „Was denken Sie, gnädige Frau?“ Sie antwortet: „Möge Gottes Wille geschehen.“

„Aber meinen Sie nicht“, fragt Mustafa, „dass die Türkei besser sein wird als das hier?“

„Natürlich wird es besser sein.“

Muhammads Ängste haben nicht erst mit dem Bürgerkrieg begonnen

Daneben sitzt Muhammad, er raucht und schweigt. Er kam in das Lager, nachdem er aus der Innenstadt von Aleppo geflohen war. Ein Luftangriff hatte die Schule seiner Kinder und das Haus seines Nachbarn zerstört. „Als ich hinausging, gab es eine Menge Staub und ich konnte nichts sehen“, erzählt Muhammad. „Ich machte mich auf die Suche nach meinen Kindern. Nachdem sich die Staubwolke gelegt hatte, fanden wir sie und brachten sie von dort weg.“ Mit aufgebrachter Stimme fügt er hinzu: „Sie zielen auf Zivilisten. Sie greifen Schulen, Bäckereien und Moscheen an.“

Muhammad ist nicht sein richtiger Name. Während es ihm nichts ausmacht, fotografiert zu werden, möchte er seinen Namen geheim halten. Seine Ängste haben nicht erst mit dem Bürgerkrieg begonnen, sondern schon vor 20 Jahren. Seit 1993 lebe er in Angst, sagt er. „Ich sprach mit ein paar Freunden – es war eine politische Diskussion", erinnert sich Muhammad. „Meine Äußerungen wurden gemeldet, und ich wurde für elf Jahre ins Gefängnis gesteckt.“

 Im Jahr 2004 kam er schließlich frei. „Elf Jahre“, wiederholt Muhammad, „elf Jahre, in denen ich meine Familie nicht sehen durfte, weil es mir die Regierung verboten hat. Elf Jahre für ein paar Worte.“

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