Syrien

Vier Jahre Syrien-Konflikt: Medizinische Hilfe durch fehlenden Zugang zur Bevölkerung blockiert

Wien/Amman, am 11. März 2015 – Vier Jahre nach dem Beginn des Konflikts in Syrien haben Millionen Menschen keinen Zugang zu verzweifelt benötigter Hilfe. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) warnt, dass die Bevölkerung dringend eine massive Ausweitung der medizinischen Versorgung benötigt.

„Dieser Krieg ist durch brutale Gewalt geprägt, die weder zwischen Zivilisten und Kombattanten unterscheidet, noch den Schutz von Gesundheitspersonal und medizinischen Einrichtungen respektiert“, sagt Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. „Die Zahl der Todesopfer und das Leid der Zivilisten haben untragbare Ausmaße erreicht, doch die derzeit geleistete humanitäre Hilfe ist völlig unzureichend.“

Gesundheitseinrichtungen in Gefahr

Durch den vierjährigen Konflikt ist Syriens Gesundheitssystem zusammengebrochen. Der Zugang zu lebenswichtigen medizinischen Behandlungen ist inzwischen kaum noch möglich, weil medizinisches Material sowie qualifiziertes Personal fehlen und Gesundheitseinrichtungen angegriffen werden. Von den ehemals 2.500 Ärzten, die vor Ausbruch des Konflikts in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo tätig waren, sind in den heute noch funktionierenden Krankenhäusern der Stadt nicht einmal 100 übrig. Die anderen sind ins Ausland oder in andere Gebiete Syriens geflohen, wurden entführt oder getötet.

„Gemessen an der Not der Bevölkerung müsste unsere Organisation in Syrien einen der größten medizinischen Einsätze ihrer 44-jährigen Geschichte haben“, sagt Liu. „Aber das ist nicht möglich.“ Stattdessen musste Ärzte ohne Grenzen wegen der stetigen Verschlechterung der Sicherheitslage und der Entführung von Mitarbeitern durch den so genannten „Islamischen Staat“ (IS) im Januar 2014 die Hilfe stark einschränken. Die Mitarbeiter kamen zum Teil erst nach fünf Monaten wieder frei.

„Wir mussten nicht nur unsere Gesundheitseinrichtungen in den vom IS kontrollierten Gebieten schließen, auch die meisten internationalen Mitarbeiter haben Syrien verlassen. Wir konnten uns nicht länger darauf verlassen, dass ihnen nichts passiert“, so Liu. Auch in den von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten ist es Ärzte ohne Grenzen nicht möglich, medizinische Hilfsprogramme einzurichten.

Internationale humanitäre Hilfsaktion gefordert

In Gebieten, die weder von IS noch von der Regierung kontrolliert werden, betreibt Ärzte ohne Grenzen heute noch sechs Gesundheitseinrichtungen. Außerdem hat die Organisation ein Netzwerk aufgebaut, mit dem sie mehr als 100 medizinische Einrichtungen unterstützt – sowohl in von der Regierung als auch von der Opposition kontrollierten Gebieten. Dieses Netzwerk ermöglicht es den verbliebenen syrischen Ärzten und Pflegern, wenigstens ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung zur Verfügung zu stellen, oft unter extrem gefährlichen Bedingungen. Diese wichtige Unterstützung von medizinischen Einrichtungen ist aber nur an wenigen Orten möglich und wird den enormen Bedürfnissen in keiner Weise gerecht.

„Die Menschen in Syrien benötigen dringend eine gewaltige internationale humanitäre Hilfsaktion“, so Liu. „Ärzte ohne Grenzen ist bereit, mit allen Beteiligten des Konflikts zu sprechen, um sicherzustellen, dass die Hilfe die Zivilisten erreicht und dass die Helfer sicher und effektiv arbeiten können. Bis das möglich ist, sind die verbliebenen Netzwerke syrischer Ärzte und anderer Helfender die einzige Überlebenschance für viele. Wir können mehr tun, um das Leid der Syrer zu lindern - und sollten dies auch!“

Neben den Hilfsprogrammen, die Ärzte ohne Grenzen in Syrien betreibt, unterstützt die Hilfsorganisation auch syrische Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien und im Irak.
 

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