10.08.2021

Wissenswertes zu unserer Hilfe vor Ort

Wir würden niemals Mittel der österreichischen Bundesregierung oder einer anderen Regierung für unsere Arbeit in Afghanistan akzeptieren. Wir sind global zu 97,2 Prozent aus privaten Spenden finanziert, in Österreich sogar zu 100 Prozent. Wir akzeptieren keine Gelder von Regierungen, denn nur so können wir unsere Unabhängigkeit glaubwürdig wahren und vor Ort klar machen, dass wir nicht die politische Agenda eines bestimmten Geberlandes umsetzen. 
 
Helfer:innen in Kriegsgebieten, die von Regierungen finanziert werden, können von den Kriegsparteien als parteiisch wahrgenommen werden; das kann zur Folge haben, dass der Zugang zur Bevölkerung verwehrt wird. Deshalb können Regierungsgelder humanitäre Hilfe sogar erschweren.

Nur durch unsere gelebte Neutralität, Unparteilichkeit und strikte Unabhängigkeit. Das bedeutet konkret, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen – weder durch die USA, Europa noch durch die Taliban. Vielmehr machen wir allen Kriegsparteien gegenüber glasklar: Das Einzige, das für uns zählt, sind die medizinischen Bedürfnisse, und dass die Sicherheit unserer Teams gewährleistet ist.

Unser Schutz ist Akzeptanz, und die erlangen wir durch die strikte Einhaltung der humanitären Prinzipien: Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität. Nur dadurch ist Kriegsparteien klarzumachen, dass wir als medizinische Nothelfer:innen außerhalb des Konflikts stehen. Konkret heißt das, dass wir mit allen Konfliktparteien verhandeln, Gelder von Regierungen ablehnen und nur private Spenden annehmen, uns klar identifizieren, um nicht mit anderen Gruppen verwechselt zu werden, und unsere Krankenhäuser zu waffenfreien Zonen machen. Wer auch immer in eine unserer Kliniken oder ein Spital kommt, muss die Waffe an der Tür lassen. Wir akzeptieren auch keinen bewaffneten Schutz.

(aktualisiert am: 30.08.21)

Trotz der enorm herausfordernden Situation für unsere 2300 Mitarbeiter:innen in Afghanistan führen wir die medizinische Hilfe in den fünf Regionen Herat, Kadarhar, Khost, Kundus und Lashkar Gah aktuell weiter und sind für unsere Patient:innen im Einsatz. 

Unsere Teams führen Arbeit fort

Wieso wir unsere Arbeit in Afghanistan weiterführen können, während sich andere zurückziehen, liegt vor allem an unseren humanitären Prinzipien: Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. 

"Unsere Teams orientieren sich rein am medizinischen Bedarf. Wir würden niemals eine:n Patient:in abweisen, sei es ein verwunderter Regierungssoldat, ein Taliban-Kämpfer, eine schwangere Frau, ein Autounfallopfer. Wir arbeiten nach medizinischer Ethik, nicht danach, wer als Kriminelle:r, Terrorist:in, Soldat:in oder Politiker:in gilt. Nur so können wir überhaupt in Konflikten arbeiten."

- Laura Leyser, Geschäftsführerin Ärzte ohne Grenzen Österreich

Immer mehr Menschen suchen unsere Hilfe

Zuletzt stieg die Zahl der Patient:innen in unseren Krankenhäusern und Kliniken wieder an. Vielerorts haben sich die Kampfhandlungen etwas beruhigt. Verletzte und kranke Menschen, die während der Kämpfe, nicht ins Krankenhaus kommen konnten, suchen jetzt medizinische Hilfe. Unter den Patient:innen sind nach wie vor viele Kriegsverletzte.

Ein weiterer Grund für den starken Anstieg der Patient:innen: ein erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung. Das afghanische Gesundheitssystem ist überlastet. Vielen Klinken und Krankenhäusern fehlt es an Ressourcen, Kapazitäten und Personal. 

 

Unsicherheit bei schwangeren Frauen

Um dem großen Bedarf an medizinischer Hilfe nachzukommen, haben wir in unserer Geburtsklinik in Khost die Aufnahmekriterien für Patient:innen geändert.

 

Die Unsicherheit der Menschen ist groß, insbesondere bei schwangere Frauen. Sie versuchen Geld zu sparen und da wir unsere Dienste kostenlos anbieten, kommen viele Schwangere in unsere Klinik.

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Khost

Zuvor wurden in der Klinik nur Risikoschwangerschaften betreut. Aufgrund der aktuellen Situation stehen allen schwangeren Frauen die Kliniktüren offen. 

An der Grenze

In Lashkar Gah, wo die Kämpfe besonders heftig ausfielen, erleben unsere Teams einen Ansturm auf das, von uns unterstützte, Boost Krankenhaus. 

"Wir haben bereits mehr Patient:innen in unserem Krankenhaus als wir Betten haben", erzählt ein Mitarbeiter. "Je mehr Patient:innen wir in der Notaufnahme aufnehmen, desto größer ist das Problem, Platz für sie im Krankenhaus zu finden."

Innerhalb einer Woche im August wurden 3600 Behandlungen von unseren Teams durchgeführt und 415 Patient:innen stationär aufgenommen. 

Die Folgen der Gewalt

Seit Mai kämpften die afghanische Armee und die Taliban vermehrt um und in den Provinzhauptstädten. Die Gewalt breitete sich im ganzen Land aus. Unsere Teams leisteten Nothilfe inmitten der Kämpfe. 

Die Zahl, der durch Kugeln und Explosionen Getöteten und Verwundeten, stieg täglich. Gleichzeitig mussten immer mehr Menschen ihre Häuser verlassen. Zugang zu medizinischer Versorgung ist nach wie vor für große Teile der Bevölkerung schwer oder gar nicht möglich. 

In drei Gebieten, in denen unsere Teams tätig sind, in Lashkar Gah und Kandahar im Süden sowie in Kundus im Norden des Landes, wurde besonders brutal gekämpft und diese Folgen waren besonders deutlich zu spüren. Aber auch um die Stadt Herat, in der sich ebenfalls ein Projekt von Ärzte ohne Grenzen befindet, sah man das Ausmaß der Gewalt.

Medizinische Einrichtungen an der Front

Kunduz Emergency Trauma Unit
Stig Walravens/MSF
Das Team behandelt einen Patienten mit einem komplizierten Knochenbruch nach einer Bombenexplosion.

In Lashkar Gah, wo unsere Teams das Boost-Krankenhaus unterstützen, fanden besonders heftige Kämpfe statt. Am 9. August explodierte eine Rakete auf dem Gelände des Krankenhauses, ganz in der Nähe der Notaufnahme. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. 

Der Lärm der Kämpfe, der von der Straße ins Krankenhaus gelangt, war erschütternd. Unsere Teams behandelten Patient:innen, während in unmittelbarer Nähe Granaten-, Raketen- und Luftangriffe stattfinden. Die zusätzlichen Belastungen, denen sowohl Patient:innen als das Personal ausgesetzt sind, waren enorm. Trotz der sich verschlechternden Situation konnten alle Abteilungen des Krankenhauses offen gehalten werden. 

In der ersten August Woche kamen so viele Kriegsverletzte in unser Krankenhaus, dass an einem Tag bis zu 20 Operationen durchgeführt wurden. 

Lebensgefährlicher Weg ins Krankenhaus

In einem Land mit einem schlecht funktionierenden Gesundheitssystem wird der Zugang der Menschen zur medizinischen Versorgung durch die Gewalt erheblich erschwert. 

Wegen der schweren Kämpfe konnten viele Menschen ihre Häuser nicht verlassen, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Viele von ihnen kamen erst, wenn ihr Zustand kritisch war.

Wir sahen, dass die Zahl der Patient:innen in unseren Notaufnahmen, im COVID-19-Behandlungszentrum oder in unseren Ambulanzen abnimmt, wenn die Gewalt zunimmt. 
 

Operating Theatre | Boost Hospital - Lashkar Gah
Tom Casey/MSF
Wegen der Kämpfe kommen viele erst ins Krankenhaus, wenn ihr Zustand sehr schlecht ist.

Hunderttausende aus ihren Häusern vertrieben

Der gewaltsame Konflikt hat bereits Hunderttausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Einige haben sich in städtischen Gebieten in Sicherheit gebracht und leben in informellen Siedlungen, die kaum Zugang zu grundlegenden Dingen wie Nahrung, Unterkunft und medizinischer Versorgung bieten. 

MSF IDP activities in Kunduz July 2021
Prue Coakley/MSF
Unsere Klinik in Kundus

In der Stadt Kandahar richteten wir eine provisorische Klinik ein, für die medizinische Versorgung von Kindern unter fünf Jahren im Haji-Lager, einer informellen Siedlung, in der derzeit rund 500 Vertriebene leben. Auch den Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranalgen haben unsere Teams sichergestellt. Die meisten Kinder wurden wegen Atemwegserkrankungen, Durchfall oder Anämien behandelt. 

Mittlerweile haben die meisten Menschen das Lager wieder verlassen. Deswegen haben wir unsere Tätigkeiten in der Klinik vorerst beendet. 

Wir bleiben in Afghanistan


 

Für die Menschen in Afghanistan und auch das medizinische Personal vor Ort gab es in den letzten Monaten kaum eine ruhige Minute. Umso wichtiger ist es gerade jetzt, dass die medizinische Versorgung aufrecht erhalten wird.

Deswegen werden unsere Teams in Afghanistan ihre Arbeit fortführen und jeden Menschen behandeln, der medizinische Hilfe braucht.

 

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