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Die Ergebnisse stimmen mit den konfliktbezogenen Zahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza überein. Im Vergleich zu den Schätzungen des Gesundheitsministeriums vor dem 7. Oktober 2023 war die Sterblichkeitsrate in der befragten Gruppe fünfmal höher. Bei Kindern unter fünf Jahren stieg die Sterblichkeit um das Zehnfache, bei Neugeborenen unter einem Monat war sie sechsmal so hoch.
Epicentre, die epidemiologische Forschungseinrichtung von Ärzte ohne Grenzen, hat diese retrospektive Mortalitätserhebung für den Zeitraum von Oktober 2023 bis März 2025 durchgeführt. Die Erhebung schloss 2.523 Personen (Mitarbeitende und deren Familienangehörige) mit ein. Mehr als zwei Prozent davon verstarben seit dem 7. Oktober 2023, und sieben Prozent wurden verletzt. Drei Viertel der Todesfälle waren auf Kriegsverletzungen zurückzuführen, die überwiegende Mehrheit davon auf Explosionen. Unter den Getöteten durch Explosionen in den Haushalten von Kolleg:innen waren 48 Prozent Kinder, 40 Prozent davon unter zehn Jahren.
Die Ergebnisse dieser Erhebung beziehen sich ausschließlich auf Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen und deren Familien und lassen sich nicht auf die gesamte Bevölkerung Gazas übertragen und können nicht als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung angenommen werden. Tatsächlich könnten medizinisches Personal und deren Familien – auch jene von Ärzte ohne Grenzen – tendenziell besseren Zugang zu medizinischer Versorgung haben als der Großteil der Bevölkerung.
Genozid direkt vor unseren Augen
„In Gaza werden Kinder getötet. Diese Missachtung von Kinderleben zeigt deutlich, dass der Krieg Israels in Gaza gegen alle Palästinenser:innen gerichtet ist“, sagt Amande Bazerolle, stellvertretende Leiterin der Notfallabteilung von Ärzte ohne Grenzen. „Die Verbündeten Israels müssen alles tun, um den Genozid zu stoppen, der sich direkt vor unseren Augen abspielt“, so Bazerolle weiter.
Die Erhebung von Ärzte ohne Grenzen ergab eine Sterblichkeitsrate von 0,41 Todesfällen pro 10.000 Personen pro Tag in Gaza. Bei Kindern unter fünf Jahren liegt dieser Wert mit 0,70 deutlich höher. In 20 Prozent der Haushalte von Ärzte ohne Grenzen wurde mindestens ein Mitglied durch eine Explosion oder einen Schuss verletzt.
Die Studie zeigt auch eine Zunahme der Zahl jener Todesfälle, die nicht direkt auf Kriegsverletzungen zurückzuführen sind. Zwei Drittel der Personen mit chronischen Erkrankungen erlebten zumindest eine Unterbrechung ihrer Behandlung.
Dies ist das Ergebnis der gezielten Zerstörung des Gesundheitssystems und der Lebensgrundlagen der gesamten Bevölkerung durch die israelische Armee.
Zusätzlich hat Israel medizinische Evakuierungen auf ein Minimum reduziert. Laut WHO benötigen über 10.000 Menschen dringend medizinische und chirurgische Versorgung, die innerhalb Gazas nicht möglich ist.
Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 25. Juni 2025 meldete das Gesundheitsministerium im Gazastreifen mindestens 56.156 getötete Palästinenser:innen und 132.239 Verletzte.
Hohe Verlässlichkeit der offiziellen Zahlen zu Todesfällen seit 7. Oktober
Die quantitativen Daten der Studie von Ärzte ohne Grenzen tragen dazu bei, das Ausmaß der Realität in Gaza sichtbar zu machen und bestätigen andere vorhandene Informationen – ein Punkt, den auch Studienkoordinator Wendelin Moser von Epicentre unterstreicht: „Als wir die Namen der aufgrund von Gewalt getöteten Personen aus unserer Erhebung mit der Liste kriegsbedingter Todesfälle des Gesundheitsministeriums in Gaza verglichen haben, ergab sich eine Übereinstimmung von fast 90 Prozent. Das zeigt die Verlässlichkeit der offiziellen Zahlen zu den Todesfällen seit dem 7. Oktober“, so Moser.
Die Studie liefert zudem eindeutige Daten über das Ausmaß der Zerstörung in den Haushalten der Familien von Ärzte ohne Grenzen: Nur zwei Prozent der befragten Haushalte blieben unbeschädigt. Zum Zeitpunkt der Erhebung waren 59 Prozent der Häuser vollständig zerstört, 39 Prozent teilweise beschädigt und 41 Prozent der Befragten lebten in Zelten.
Ärzte ohne Grenzen fordert die israelischen Behörden auf die genozidale Gewalt an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza zu beenden, die Blockade für Lebensmittel, Treibstoff, medizinische und humanitäre Hilfsgüter umgehend aufzuheben und ruft die Verbündeten Israels dazu auf, dringend notwendige medizinische Evakuierungen – insbesondere von Kindern – zu ermöglichen.