08.05.2026
Am 17. April wurde ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon angekündigt, der später um drei weitere Wochen verlängert wurde. Doch die Angriffe der israelischen Streitkräfte im Südlibanon dauern an. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden zwischen der Ankündigung des Waffenstillstands und dem 4. Mai 385 Menschen getötet und weitere 685 verletzt. Teams von Ärzte ohne Grenzen unterstützen Krankenhäuser im Südlibanon, die weiterhin Verletzte aufnehmen.

Die Hilfsorganisation sorgt mit mobilen Kliniken für Gesundheitsversorgung in entlegenen Gemeinden, schult Ersthelfer:innen und stellt zusätzliches Material zur Verfügung.

„Seit Beginn des sogenannten Waffenstillstands haben wir zahlreiche schwere Verletzungen gesehen“, sagt Thienminh Dinh, eine Notfallmedizinerin von Ärzte ohne Grenzen, die im Krankenhaus Qana und dem Krankenhaus Jabal Amel arbeitet. Beide Einrichtungen liegen im Bezirk Sour/Tyre.

Vier Mitglieder einer Familie verletzt

„In einer Familie gab es ein Kleinkind mit Gesichtsverletzungen, seine vierjährige Schwester mit offenen Schädelbrüchen, Knochenbrüchen und Prellungen an der Lunge. Der Vater hatte unterschiedliche Verletzungen, und die Mutter war unter den Trümmern ihres Hauses eingeschlossen gewesen. Die medizinischen Teams in beiden Krankenhäusern arbeiten rund um die Uhr, um Patient:innen zu behandeln. Die Verletzungen reichen von kleineren Wunden bis hin zu solchen, die komplexe Operationen erfordern“, sagt Dinh. Zwischen dem 18. April und dem 3. Mai wurden 173 verletzte Patient:innen in das Krankenhaus Jabal Amel eingeliefert, 145 Menschen starben an ihren Verletzungen.

Nabatiyeh: 26 Personen tot in Krankenhäuser eingeliefert

Nur wenige Kilometer entfernt beobachten Teams von Ärzte ohne Grenzen eine ähnliche Situation in den beiden Krankenhäusern, die die Hilfsorganisation im Bezirk Nabatiyeh unterstützt. Zwischen dem 26. April und dem 3. Mai nahmen diese Krankenhäuser 65 Verletzte auf, darunter zwei Patient:innen, die später an ihren Verletzungen starben, sowie 26 Personen, die bereits tot eingeliefert wurden.

Krankentransporte dauern oftmals zu lange

Trotz aufgestockter Kapazitäten für Notfallversorgung und Krankentransporte kommen Patient:innen aufgrund der unsicheren Lage und langer Transportwege weiterhin verspätet oder in kritischem Zustand an. In einigen Fällen sind Krankentransporte zwischen Krankenhäusern wegen mangelnder Sicherheit auf den Straßen schwierig. Dennoch haben medizinische Teams oft keine andere Wahl, als Patient:innen an andere Einrichtungen zu überweisen, da es an notwendigen medizinischen Materialien wie etwa Blutkonserven fehlt. So starben in der vergangenen Woche zwei schwer verletzte Patient:innen, die viel Blut verloren hatten, während des Transports in ein anderes Krankenhaus.

Schichten bis zu 36 Stunden

Aufgrund des hohen Bedarfs sind medizinische Teams im Südlibanon gezwungen, bis zu 36 Stunden am Stück zu arbeiten. Ärzte ohne Grenzen passt die Einsätze laufend an, um das Personal, das durch mehr als zwei Monate andauernder Angriffe erschöpft ist, weiterhin zu unterstützen. Teams von Ärzte ohne Grenzen übernehmen Nachtschichten im Krankenhaus Qana in Sour/Tyre sowie im Krankenhaus Najdeh Al-Shaabiyeh in Nabatiyeh.

Psychische Gesundheit der Menschen verschlechtert sich

„Wir trauen diesem Waffenstillstand nicht. Er hat uns alle Hoffnung genommen“, sagt Samia*, eine vertriebene Frau aus dem Süden, die jetzt in einer Stadt im Bezirk Chouf lebt. Sie kehrte unmittelbar nach der Ankündigung des Waffenstillstands nach Hause zurück, nur um festzustellen, dass ihr Haus schwer beschädigt war. „Wenn es mir vor dem Waffenstillstand schon schlecht ging, geht es mir jetzt hundertmal schlechter.“

„Eine aus Syrien geflüchtete Frau, die bei einem Luftangriff vor einigen Wochen beide Beine verloren hat, ist mit der Nachricht aufgewacht, dass ihr achtjähriger Sohn bei einem Angriff getötet worden ist, während ihre Tochter durch Splitterverletzungen Darmdurchbrüche erlitten hat“, sagt Thienminh Dinh. „Wie soll eine Mutter mit dieser neuen Realität zurechtkommen?“

Um dem steigenden Bedarf an psychologischer Betreuung zu begegnen, weitet Ärzte ohne Grenzen im Süden des Libanon das Angebot mobiler Kliniken aus. So haben auch Familien, die nach der Ankündigung des Waffenstillstands in abgelegenere Gemeinden zurückgekehrt sind, Zugang zu Gesundheitsversorgung und mentaler Unterstützung.


*Name geändert, um die Identität zu schützen.
 

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer