20.10.2021

In den vergangenen sieben Jahren wurden Youmusa und seine Familie aufgrund andauernder Kämpfe in der Zentralafrikanischen Republik vier Mal vertrieben. Im Jahr 2016 kamen sie in der Nähe der Stadt Bambari im Süden des Landes an, wo sie sich in einem Lager für Vertriebene namens Elevage niederließen.

Youmusa dachte, dass seine Familie damit endlich in Sicherheit sei. Doch nach einer Phase relativer Ruhe brach Ende 2020 im Rahmen der nationalen Wahlen eine neue Welle der Gewalt über das Land herein. Als in Bambari Kämpfe ausbrachen, wurden alle 8.500 Bewohner:innen des Lagers am 5. Juni gewaltsam vertrieben. Alle Gebäude, darunter Moscheen, Geschäfte und eine von Ärzte ohne Grenzen eingerichtete Malariastation, wurden bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

CAR Bambari, August 2021
Lys Arango
Reste einer der acht zerstörten Moscheen im Bambari Camp.

Ständig auf der Flucht

Rund 250 Kilometer weiter nordöstlich, in Nzacko, wissen Jean-Marie* und Rose* ebenfalls, was es heißt, aufgrund der andauernden Gewalt fliehen zu müssen. Nzacko - wo ein Team von Ärzte ohne Grenzen stationiert ist - war in den letzten zehn Jahren regelmäßig mit Angriffen, Plünderungen, Erpressung und Zerstörung konfrontiert. Im Januar kam es im Anschluss an die Wahlen erneut zu Gewaltausbrüchen in der Stadt. 

Jean-Marie und Rose flohen zusammen mit den meisten der 15.000 Einwohner:innen Nzackos aus der Stadt. 

"Wir waren vier Monate lang im Wald", sagt Jean-Marie. "Wir hatten Mühe, Nahrung zu finden. Wir waren alle sehr schwach, vor allem die Kinder."

Jean-Marie, Rose und die anderen Tausenden Vertriebenen lebten unter prekären Bedingungen und hatten aufgrund der unsicheren Lage keinen Zugang zu humanitärer Hilfe.

Eine kritische Situation, die nun schon seit Jahren anhält.  

Msf in Nzacko, ZAR
Lys Arango
Die Einsatzwägen von Ärzte ohne Grenzen überqueren den Fluss mit der Seilfähre auf dem Weg nach Nzacko.
Msf in Nzacko, ZAR
Lys Arango
Mehrere Bäume versperren den Weg, die Einsatzkräfte entfernen sie mit Hilfe von Sägen.
Msf in Nzacko, ZAR
Lys Arango
Der Konvoi von Ärzte ohne Grenzen überquert den Fluss auf dem Weg zurück nach Bangassou

Viele Gebiete sind kaum zu erreichen

"Mit Ausnahme von Ärzte ohne Grenzen hatten seit 2017 nur wenige Organisationen Zugang zu Nzacko, obwohl die Situation dort wegen Mangelernährung und durch Wasser übertragene Krankheiten besorgniserregend ist", bestätigt Pelé Kotho-Gawe, Krankenpflegerin bei Ärzte ohne Grenzen. "Auch wenn unsere Aufenthalte kurz waren, wir haben es geschafft, dorthin zu gelangen. Aber mit dem Neubeginn der Kämpfe Anfang dieses Jahres wurde der Zugang zur Stadt unmöglich gemacht."

Als die Kämpfe aufhörten, kehrten Rose, Jean-Marie und die übrigen Einwohner:innen Nzackos nach und nach zurück. Im Juli 2021 war Ärzte ohne Grenzen die erste humanitäre Organisation, die in die Stadt zurückkehren konnte, um den Versorgungsbedarf zu beurteilen und das einzige bestehende Gesundheitszentrum vor Ort zu unterstützen.

Nzacko
MSF
Logistiker:innen von Ärzte ohne Grenzen installierten Solarpanele am Dach des Gesundheitszentrums von Nzacko, um Kühlung für Impfstoffe zu ermöglichen.

Gesundheitszentrum in Trümmern

"Als wir ankamen, fanden wir ein Gesundheitszentrum in Trümmern vor", sagt Pelé, der einige Tage zuvor die erste Reise von Ärzte ohne Grenzen geleitet hatte. "Die Apotheke war leer. Die Ausrüstung war nicht vorhanden oder unzureichend, und das Personal war nicht ausreichend geschult, um die Menschen angemessen zu versorgen, obwohl der Bedarf enorm war. Im Wald hatten Malaria und Mangelernährung ihren Tribut gefordert."    

Bei diesem ersten Besuch in Nzacko benötigten die Teams von Ärzte ohne Grenzen vier Tage, um die Apothekenregale wieder aufzufüllen, Schulungen für das lokale Gesundheitspersonal durchzuführen, medizinische Konsultationen durchzuführen und Sonnenpanele zu installieren, um den Strom für die Kühlung der Impfstoffe bereitzustellen.

All das ist Teil eines Wettlaufs gegen die Zeit, denn viele Patient:innen waren in zwei schlecht ausgestatteten Krankenstationen mit rissigen Wänden und engen Betten zusammengepfercht.

Rebeau

Wenn ich könnte, würde ich gerne mit den bewaffneten Gruppen sprechen und sie fragen, was sie davon haben, wenn sie so viel Schmerz verursachen.

Rebeau, Ehemann von Hawa und Vater von neun Kindern

Zurück in Bambari leben Youmousa und seine Familie, wie die meisten der Menschen, die das Lager Elevage verlassen mussten, auf dem Gelände der zentralen Moschee der Stadt, während andere bei einheimischen Familien untergebracht sind. Die Lebensbedingungen rund um die Moschee sind katastrophal. Die Menschen teilen sich kleine, überfüllte Zimmer, andere schlafen in behelfsmäßigen Unterkünften. Die Regenzeit verschlimmert die Situation noch.  

"Wenn ein Sturm aufzieht, kommt das Wasser von allen Seiten. Die Plane ist alt und hat Löcher, und der Boden besteht nur aus Dreck, so dass das Innere der Unterkunft ein einziges Chaos ist", sagt Yougouda. "Aber das Schlimmste für mich ist, dass ich mich nutzlos fühle, weil wir völlig von der humanitären Hilfe abhängig sind."

Yougouda
Lys Arango
Yougouda, 73, legt sich in seinem Zelt in der Zentralmoschee von Bambari nieder.

Leben in ständiger Angst

Die Menschen, die in dem Behelfslager leben, fühlen sich nicht sicher. Hawa und ihr Mann haben die Moschee seit ihrer Ankunft nicht mehr verlassen. Sie sagt, sie habe Angst, verhaftet zu werden, weil sie keine Personalausweise haben. Manchmal schicken sie ihre Kinder los, um Feuerholz und Lebensmittel zu suchen. Aber sie macht sich Sorgen um ihre acht kleinen Töchter.  

"Wenn sie die Moschee verlassen, mache ich mir Sorgen, dass ihnen etwas zustoßen könnte, dass sie vielleicht nicht mehr zurückkommen", sagt Hawa.

Ihr Ehemann Rebeau sagt, er könne vor lauter Sorgen kaum schlafen. Er fühlt sich schlecht, weil er nicht in der Lage ist, seine Familie zu ernähren und zu schützen. 

Hawa und ihre Kinder
Lys Arango
Hawa und ihre 9 Kinder schlafen im Klassenzimmer der Moschee, gemeinsam mit zwei weiteren Familien.

Über 50 Prozent auf humanitäre Hilfe angewiesen

Viele Zentralafrikaner:innen sind der grundlegendsten Versorgung beraubt. Nach Angaben der UNO ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen, und fast 1,4 Millionen Menschen sind Vertriebene oder Geflüchtete. Die Zentralafrikanische Republik ist nach wie vor eines der Länder mit der niedrigsten Lebenserwartung und der kritischsten Situation bezüglich Müttersterblichkeit, Mangelernährung und fehlendem Zugang zur Gesundheitsversorgung.  

Geburten in der Zentralafrikanischen Republik können gefährlich sein. In Nzacko steht Octavia, 33, kurz vor der Geburt ihres siebten Kindes. Die Wehen haben vor mehr als drei Stunden eingesetzt und sie fühlt sich schwach.

Octavia
Lys Arango
Eine Hebamme unterstützt Octavia in ihrer fünfstündigen Geburt.

"Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen, weil sie nichts mehr hat und ihre Kinder ernähren muss", erklärt Sylvie Grengbo, die Hebamme des Zentrums. "Das wird schwierig werden."

Solche Situationen der Erschöpfung und Mangelernährung können sowohl für die Mutter als auch für das Kind lebensbedrohlich sein. In den letzten Monaten ist die Müttersterblichkeit in der Region deutlich gestiegen.  

Zum Glück für Octavia werden unsere Teams mit Glukose und Misoprostol - einem Medikament, das die Wehen einleitet - helfen. Als Octavia wieder zu Kräften kommt, kann sie ihren Sohn nach fünf Stunden der Anstrengung endlich in die Arme nehmen. Es ist 17:30 Uhr, das Baby ist außer Gefahr. Sie ist es auch.

Nur der Teufelskreis der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik geht weiter.  

Mitte August kehrte Sallet vom Hüten seiner Kühe außerhalb von Bambari zurück, als ein bewaffneter Mann auf einem Motorrad plötzlich anhielt, auf ihn schoss und blutend am Boden zurückließ.

Einem Freund gelang es später, den jungen Mann in das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Krankenhaus in Bambari zu bringen, wo die Ärzt:innen eine Kugel aus seinem Unterleib entfernen und ihn stabilisieren konnten. Die Schäden an Sallets Wirbelsäule waren jedoch so schwer, dass unsere Teams ihn mit dem Flugzeug in die Hauptstadt Bangui bringen mussten, wo er von Spezialist:innen behandelt wurde.  

Sallet
Lys Arango
Ärzt:innen des Krankenhauses von Bambari bereiten Sallet auf seinen Flug nach Bangui vor, wo er weiter behandelt werden soll.
Friend of Sallet Abdoulay, 17
Lys Arango
Sallets bester Freund weint bei der Verabschiedung, als er zum Flughafen von Bangui gebracht wird. Während der anderthalb Wochen, die Sallet im Krankenhaus verbracht hat, hat sein Freund draußen geschlafen und so viel Zeit wie möglich an seiner Seite verbracht.

In vielen Dörfern und Städten in der Zentralafrikanischen Republik haben Jahre des Krieges und der Gewalt zu einer katastrophalen Situation für die Menschen geführt, denen sie hilflos ausgeliefert sind.

"Mein Traum ist es, einen Ort zu finden, an dem wir uns für immer niederlassen können, wo uns niemand hinauswerfen kann", sagt Rebeau in Bambari. "Ich würde gerne mit den bewaffneten Gruppen sprechen und sie fragen: Was haben sie davon, wenn sie so viel Leid verursachen?" 

 

*Namen wurden zum Schutz der Patient:innen geändert.

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