Kommentar von
Marcus Bachmann
05.02.2026
Marcus Bachmann ist humanitärer Berater bei Ärzte ohne Grenzen Österreich und aktuell Einsatzleiter. Er kümmert sich um unseren Einsatz in den palästinensischen Autonomiegebieten.

Wie ist die Situation für die Menschen in Gaza aktuell?

Die Menschen im Gazastreifen sind weiterhin katastrophalen Bedingungen ausgesetzt. Seit Oktober gibt es eine Waffenruhe - doch die ist sehr, sehr brüchig. Am vergangenen Samstag haben wir den blutigsten Tag erlebt: 32 Menschen wurden bei einem israelischen Angriff getötet. Meine Kolleg:innen haben Dutzende Schwerverletzte behandelt.

Auch die Wasserversorgung ist praktisch komplett zerstört. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist aktuell davon abhängig, dass wir Wasser aufbereiten und mit Tankwägen transportieren. Damit wir weiterhin sauberes Wasser zur Verfügung stellen können brauchen wir Ersatzteile und Energie für Generatoren. Beides können wir gerade nicht in den Gazastreifen bringen.

Gleichzeitig verschlechtert sich die hygienische Situation. Krankheiten wie Cholera können sich schnell ausbreiten – eine Katastrophe für bereits geschwächte, schlecht ernährte Menschen, die auch psychologisch unter extremem Dauerstress stehen.  

Wie leben die Menschen im Gazastreifen?

Die Menschen sind den Elementen praktisch ungeschützt ausgesetzt. Manche haben Zelte, die aber nicht winterfest sind. Andere haben nicht mal Zelte zur Verfügung. Gleichzeitig erleben wir den kältesten Winter seit Jahren. Es gibt Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Dazu kommt ein starker Wind, der den notdürftigen Unterkünften zusetzt. Dadurch, dass es kein Abwassersystem mehr gibt, kommt es auch zu Überschwemmungen. Die Menschen sind nass und ihnen ist kalt.

Wir behandeln gerade extrem viele Kinder und ältere Menschen mit Unterkühlung und schweren Atemwegsinfektionen. Auch die Ernährungssituation ist schlecht. Gerade die verletzlichsten Menschen haben keinen Zugang zu Lebensmitteln. Auch wenn es auf den Märkten Essen gibt, können sich das viele Menschen finanziell nicht leisten.

Hilfe für die palästinensischen Gebiete und die vom Konflikt betroffenen Nachbarländer

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Gibt es medizinische Versorgung?

Das medizinische Versorgungssystem im Gazastreifen ist zusammengebrochen. Wir halten gemeinsam mit anderen Organisationen gerade mal eine Basisversorgung aufrecht. Es gibt tausende Menschen, die wir nicht passend behandeln können. Es braucht dringend mehr Hilfe, nicht weniger.

Aktuell warten 18.500 Menschen auf eine medizinische Evakuierung. Sie brauchen dringend eine Behandlung, die es im Gazastreifen nicht gibt. Dazu zählen Schwerkranke, Krebspatient:innen und Menschen mit chronischen oder angeborenen Krankheiten.

"Khader", Patients in Nasser in urgent need of medical evacuation "Khader", Patients in Nasser in urgent need of medical evacuation
Nour Alsaqqa/MSF
Der junge Khader hat eine Kohlenhydratintoleranz. Seit 2 Jahren bekommt er keine medizinische Spezialnahrung mehr. Seine Nieren sind dadurch schwer belastet, er leidet an Durchfall und kann weder die Schule besuchen, noch mit Freund:innen spielen. Er braucht dringend eine medizinische Evakuierung, damit er richtig behandelt werden kann.

Die teilweise Öffnung des Grenzübergangs in Rafah war ein Hoffnungsschimmer. In den ersten Tagen konnten aber nur zwölf Patient:innen den Gazastreifen verlassen. Zum Vergleich: in den letzten Monaten sind mehr als 1.000 Patient:innen gestorben, während sie auf die Evakuierung warten mussten.

Im Gazastreifen ist die Situation extrem gefährlich.

Es gibt kein voll funktionsfähiges Krankenhaus im Gazastreifen. Wir unterstützen bestehende Einrichtungen und helfen mit Feldspitälern oder mobilen Kliniken. Oft behandeln wir Patient:innen in Zelten, in denen sie nur durch eine dünne Zelthaut geschützt sind. Sie sind dadurch nach wie vor großen Gefahren ausgesetzt.

Auch für unser Personal ist die Situation gefährlich. Seit Oktober 2023 wurden 15 unserer Kolleg:innen getötet. Aktuell haben wir 41 internationale Mitarbeiter:innen und über 1.200 lokal Angestellte im Gazastreifen.

Worum geht es bei der Registrierung?

Die israelische Regierung hat uns und 36 weiteren Organisationen keine neue Lizenz zur Arbeit in den palästinensischen Autonomiegebieten gewährt. Wir sind jetzt noch in einer Übergangsphase und dürfen bis zum 1. März unsere Arbeit im Gazastreifen und Westjordanland fortsetzen.

Seit Monaten verhandeln wir intensiv, damit wir weiterhin lebensnotwendige Hilfe leisten können. Wir stehen jedoch vor einem unlösbaren Problem: Wir sollen Daten unserer Mitarbeiter:innen weitergeben – ohne Information der israelischen Regierung, was mit diesen Daten passiert. Dabei sehen wir den Schutz unserer Kolleg:innen gefährdet. Israel setzt uns massiv unter Druck, doch die Sicherheit unserer Mitarbeiter:innen ist uns ein wichtiges Anliegen.

MSF forced to suspend activities in Gaza City
MSF

Seit dem 1. Jänner können wir keine Hilfslieferungen mehr in den Gazastreifen oder das Westjordanland bringen. Es können auch keine Ärzt:innen, keine Expert:innen, mehr einreisen. Unsere Kolleg:innen vor Ort sind extrem belastet und erschöpft.

Dabei braucht es genau jetzt mehr Hilfe. Wir stehen dafür bereit.