12.02.2026
Unsere Gynäkologin Valerie vom Hofe war auf Einsatz in Afghanistan. Sie erzählt über die großen Herausforderungen für unsere Kolleg:innen und Patient:innen.

Ich habe neun Wochen in der Stadt Khost im Osten von Afghanistan gearbeitet. Wir unterstützen dort eines der größten Geburtshilfe-Krankenhäuser des Landes - und sogar weltweit. 

Team in Afghanistan
privat
Valerie vom Hofe (ganz rechts im Bild) gemeinsam mit ihren Kolleginnen.

2.000 Geburten im Monat

Für mich als Gynäkologin war das sehr spannend, denn wir haben rund 2.000 Geburten im Monat begleitet. Das ist mehr als in einem mittelgroßen österreichischen Krankenhaus in einem ganzen Jahr.

Sehr viele Frauen kommen zu uns, weil sie hier entbinden wollen. Wir nehmen vor allem jene auf, bei denen Komplikationen zu erwarten sind. Unser Krankenhaus hat einen der höchsten Standards in der Region. Hier untersuchen wir auch auf Pathologien, also auf krankhafte Veränderungen im Körper. Und wir führen größere, komplexe Operationen durch.

Der Wert einer Frau

In Afghanistan haben wir viele Patientinnen, die mehrere Kinder bekommen. Manchmal würden wir medizinisch dringend von weiteren Schwangerschaften abraten, weil die Patientin Vorerkrankungen hat oder das Risiko einfach zu hoch ist.

Doch für viele Familien zählt vor allem, wie viele Kinder - und vor allem Söhne - eine Frau geboren hat. Das kann über ihren gesellschaftlichen Status entscheiden.

Was dazu kommt, ist, dass eine Frau nicht allein Entscheidungen treffen darf. Meist ist es die Schwiegermutter, die im Krankenhaus dabei ist. Sie entscheidet mit dem Ehemann oder einem anderen männlichen Familienmitglied für oder gegen eine Behandlung.

Khost Maternity Hospital 2025
Logan Turner/MSF
Drei der stationär aufgenommenen Frauen im Khost-Krankenhaus.

Blutvergiftung nach Geburt

Ein Erlebnis werde ich nie vergessen. Wir hatten eine junge Patientin, etwa 30 Jahre alt. Nach zehn Jahren Kinderwunsch ist sie endlich schwanger geworden. Sie hat ein Mädchen zur Welt gebracht.

Schon nach der Geburt hat sie geblutet, danach wurden Plazentareste aus der Gebärmutter entfernt. Doch nach einigen Tagen ist sie mit einer schweren Blutvergiftung wiedergekommen.

Im Ultraschall hat sich gezeigt, dass ein riesiger Teil der Plazenta in die hintere Gebärmutterwand eingewachsen war. In so einem Fall wäre eine Gebärmutterentfernung notwendig, um das Leben der Patientin nicht zu gefährden.

Operation abgelehnt – was nun?

Doch die Patientin und ihre Familie haben das abgelehnt, weil sie nur ein Kind hatte – und zwar eine Tochter. Für eine Operation benötigen wir aber die Zustimmung.

Wir haben nach einer Alternative gesucht. Es gibt aber noch keinen bisherigen Fall, wo bei einem derartigen Befund nur Antibiotika gegeben wurden. Wir haben es trotzdem versucht.

Sechs Wochen hat die Patientin eine hochdosierte Antibiotika-Therapie erhalten und die Entzündung ist abgeklungen. Auch das Plazentastück wurde deutlich kleiner, aber das hat nicht ausgereicht. 

Die antibiotische Therapie läuft derzeit weiter. Aber es sieht gut aus und das wäre ein toller Erfolg – für die Patientin und für uns.

Zu wenig Personal

Das Krankenhaus ist gut ausgestattet und wir haben genug Medikamente. Aber Personal wird immer knapper. In der Geburtshilfe dürfen in Afghanistan nur Frauen arbeiten – einer der wenigen Bereiche, in denen ihnen eine Arbeit gestattet ist. 

Khost Maternity Hospital 2025
Logan Turner/MSF
Nur Frauen behandeln Frauen.

Das Problem dabei: In den letzten Jahren haben die Regierungsverordnungen des Landes es immer schwieriger gemacht, als Frau eine Ausbildung zu machen. Daher kommen immer weniger Ärztinnen und Hebammen nach.

Bereits jetzt spüren wir die Auswirkungen auf unser Personal. Auf lange Sicht ist das ein riesiges Problem, das wir nicht so schnell lösen können.

Nur Frauen operieren Frauen

Was ich als positiv wahrgenommen habe, ist die ausschließlich weibliche Teambesetzung in der Gynäkologie und Geburtshilfe. 

In Österreich werden große Operationen noch immer - im Verhältnis zur Geschlechterverteilung im Team - öfter von Ärzten als von Ärztinnen vorgenommen. Das gibt es in Afghanistan in diesem Bereich nicht: Hier werden chirurgische Tätigkeiten ausschließlich von Oberärztinnen durchgeführt. 

Voneinander lernen

Tagtäglich habe ich mit lokalen Ärztinnen zusammengearbeitet. Wir konnten viel voneinander lernen. Durch die hohe Geburtenrate in Afghanistan gab es auch mehr spezielle Komplikationen, die wir behandelt haben. Und auch mehr große Operationen. 

In meinem neunwöchigen Einsatz habe ich drei Gebärmutterentfernungen nach einer Geburt mit schweren Blutungen erlebt – solche Operationen sind in Österreich selten. Das war für mich sehr spannend.

Khost Maternity Hospital 2025
Logan Turner/MSF
Auf der Intensivstation im Geburtenkrankenhaus.

Von Notfällen und Schmerzmitteln

Von diesem Einsatz habe ich mitgenommen, in Notfallsituationen Ruhe zu bewahren. 

Ich habe gelernt, eine andere Perspektive einzunehmen, beispielsweise zum Geburtsschmerz: Die Frauen in Afghanistan drücken diesen kaum aus und sind sehr zurückhaltend. Aber das heißt nicht, dass ihre Schmerzen weniger sind – das muss man bei der Gabe von Schmerzmitteln beachten.

Empowerment

In Afghanistan war ich rund um die Uhr auf Rufbereitschaft. Gerade auf der Intensivstation hat man eine sehr große Verantwortung. Das ist ein Dauerstress, den man unterschätzt. 

Wenn man wieder zuhause ist, kommt da viel wieder hoch. Das braucht etwas Zeit, bis man wieder gut in den Alltag einsteigen kann.

Gleichzeitig war es eine besondere Erfahrung, in einem reinen Frauenteam zu arbeiten. Ich habe mitbekommen, wie Frauen in Afghanistan ihre Fähigkeiten ausleben. Wie sie hochqualitative und lebensrettende Operationen durchführen. Und wie sie als Hebammen und Ärztinnen arbeiten, und selbst Geld für ihre Familie zu verdienen. Das habe ich als sehr bestärkend erlebt.