Kommentar von Marcus Bachmann
17.06.2025
Drei Monate lang leitet Marcus Bachmann unsere Einsätze in Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Als die Kämpfe eskalieren und M23-Rebellen die Stadt Bukavu einnehmen, bleibt er mit einem kleinen Team zurück.

Karte DR Kongo - BukavuAls ich am 7. Jänner ins Flugzeug steige, weiß ich: Dieser Einsatz wird anders als erwartet. Es ist mein vierter in der Demokratischen Republik Kongo – aber der erste in Süd-Kivu, im Osten des Landes. Bei den Vorbereitungsgesprächen ist meine Aufgabe als Einsatzleiter für die nächsten drei Monate klar: Projekte konsolidieren, für Stabilität und Ruhe sorgen. Ich wollte in unsere Krankenhäuser in der Region reisen, Teams kennenlernen, Ordnung reinbringen. 

Dazu bin ich nie gekommen. Ich habe unsere Einsatzzentrale in der Stadt Bukavu nicht mehr verlassen. Vier Tage vor meiner Anreise beginnt die große Offensive der M23-Rebellen im Osten des Landes.

Eine kollektive Anspannung

In dem Moment, als ich von Ruanda aus die Grenze in die DR Kongo überquere und Bukavu betrete, ist sie sofort spürbar: Angst.

Keine laute, panische Angst – sondern eine, die sich wie ein schwerer Nebel auf die Straßen legt – lautlos, unsichtbar, aber überall präsent. Die Menschen sprechen von „La Psychose“.  Es ist keine medizinische Diagnose, sondern ein Gefühl. Eine permanente innere Alarmbereitschaft, die in dieser Region tief verwurzelt ist. Die Bevölkerung hier lebt seit Jahrzehnten mit Konflikten. Und sie weiß, was es bedeutet, wenn sich die Front nähert. 
 

Der Klang des Krieges

Bukavu liegt an einem See – und diese Wasseroberfläche trägt Geräusche. Als die Kämpfe weiter vorrücken, hören wir sie lange, bevor wir sie sehen. Dumpfes Grollen, Schüsse in der Ferne. Dann kommen sie näher. Immer näher. Bis der Lärm da ist. Und die Rebellen. 

Zu diesem Zeitpunkt bin ich nur noch mit einem Kernteam in der Stadt. Alle anderen haben Bukavu verlassen. Wir sind zu viert geblieben, um die lebensrettende Versorgung von Verwundeten und Verletzten zu koordinieren. Das erlaubt keinen Aufschub, da geht es um jede Minute. Wir arbeiten von unserem Haus aus, essen dort, schlafen dort. 
Über einen Monat habe ich stets meine Run-Away-Tasche bei mir. Fünf Kilo, gepackt mit dem Notwendigsten.  

Eigentlich ist es das Gewicht der ständigen Erinnerung: „Sei bereit. Jetzt. Jederzeit.“ Das macht etwas mit dir. 

Freitag, Samstag, Sonntag – der 14. bis 16. Februar – sind die schlimmsten Tage der Kämpfe. Da fällt die Stadt Bukavu an die Rebellen.
 

„Ich war mir sicher, wir würden nicht mehr davonkommen“

Drei Tage später sitzen wir zu viert mit Knäckebrot und Sardinendosen beim Abendessen als mein erfahrener Kollege aus der Zentralafrikanischen Republik sein Schweigen bricht: „Ich war mir sicher, wir würden diesen Samstag nicht mehr davonkommen.“ 

Wir nickten. Die Befürchtung, dass auch unser Haus gewaltsam gestürmt und wir angegriffen werden könnten, hatten wir alle. Wir alle haben dasselbe gedacht. Aber niemand hat es ausgesprochen, niemand konnte. Erst als die größte Gefahr vorbei war.
 

Hilfe im Ausnahmezustand

Drei Monate lang bin ich im Überlebensmodus und fokussiere mich nur auf das Wichtigste: das Team schützen, unsere medizinische Hilfe am Laufen halten. Als die Kämpfe schlimmer werden verlassen viele Organisationen das Land. Nur wir und das Rote Kreuz sind noch hier, um gemeinsam vier Krankenhäuser zu unterstützen, in denen wir Verwundete stabilisieren und weitertransportieren können. So haben wir es geschafft, Menschen weiterhin zu versorgen. 

Zwischen Wiedersehen und Abschied

Als mein Kollege Mulu eines Tages nicht zur Arbeit erscheint, kontaktiere ich seine Familie – er wurde von den Rebellen verhaftet und ist verletzt. Das bedeutet oft nichts Gutes. Ich beginne nachzuforschen. Tagelang telefonierte ich mich durch die Kommandostrukturen der M23, versuche alles, plädiere auf unsere medizinische Hilfe und tatsächlich: Er kommt frei. 
Ein paar Wochen später, an meinem letzten Tag, steht die Rückfahrt über die Grenze an. Und auf einmal steht Mulu vor dem Auto. Es ist sein erster Tag zurück und er will es sein, der mich fährt. Es ist seine stille Geste, Danke zu sagen. Und für mich ein sehr berührender Moment.
 

Der Anker sein – trotz Sturm

Wieder zu Hause zu sein und in der eigenen Normalität anzukommen ist schwer. Ich habe das Gefühl, Kolleg:innen zurückzulassen. Menschen, die ich durch Höhen und Tiefen begleitet habe. 
Eine zentrale Aufgabe als Einsatzleiter ist, was ich „Chief Motivational Officer“ nenne. Du bist der Kapitän, du bist für dein Team da, du bist verantwortlich – und du gehst als Letzter von Bord. Du musst ein Anker sein, vor allem dann, wenn alles herum ins Wanken gerät. 
Im Einsatz selbst muss ich funktionieren. Aber mit etwas Abstand widme ich mich meinen Emotionen. Denn humanitäre Arbeit funktioniert nicht ohne Empathie, ohne Leidenschaft, ohne Verletzlichkeit. 
 

Denn humanitäre Arbeit funktioniert nicht ohne Empathie, ohne Leidenschaft, ohne Verletzlichkeit. 

Die Stärke der Menschen

Was mich tief beeindruckt, ist die Solidarität der Menschen vor Ort. Wenn der Staat nicht funktioniert und internationale Hilfe ausbleibt, halten sie zusammen. Familien nehmen Geflüchtete bei sich auf, Menschen teilen ihr letztes Essen, helfen sich gegenseitig. Diese Zivilgesellschaft ist unglaublich, voller Mut und Zusammenhalt.


Das ist für mich der Kern humanitärer Hilfe: solidarisch zu handeln. Und genau dazu möchte ich mit meinen Erzählungen einladen. In einer Welt, die sich immer stärker polarisiert, braucht es unser Miteinander mehr denn je. 


Ich wünsche mir, dass wir hinschauen. Egal wie weit weg oder komplex eine Krise ist. Und dass wir füreinander da sind. Denn die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo brauchen unsere Unterstützung – und sie brauchen unsere Solidarität.
Danke, dass Sie diesen Weg mit uns gehen.
 

Kyeshero Hospital in Goma
Michel Lunanga