Kommentar von
Leo Ho
23.07.2026
Die Aufmerksamkeit für Gaza lässt nach, während sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert. Leo Ho verzichtet bewusst auf einen weiteren Meinungsbeitrag. Stattdessen schildert er, was unsere Teams vor Ort sehen.

Wen auch immer man fragt: Zum Nahost-Konflikt und insbesondere zu Gaza ist jede und jeder schnell mit einer Meinung zur Stelle. Keine Sorge, ich werde der Diskussion keinen weiteren Meinungsbeitrag hinzufügen. 

Damit ist den Betroffenen nicht geholfen – weder denen, die bei dem brutalen Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 verschleppt wurden, noch ihren Angehörigen und den Familien der Ermordeten. 

Ein meinungsstarker Kommentar wird nichts an der Situation der Menschen im Gazastreifen ändern. 

Diese hat sich seit der Erklärung eines Waffenstillstands, der diese Bezeichnung nicht verdient, in vielen Aspekten verschlimmert. Mehr als 1.000 Menschen wurden seither bei israelischen Militärangriffen getötet und über 3.400 verletzt. Das geschieht weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit. Das Interesse an dem verwüsteten Küstenstreifen ist abgeflaut.

Nasser Hospital in southern Gaza is overcrowded with patients
MSF
Die wenigen Krankenhäuser, die es noch gibt, sind überfüllt.

Was unsere Teams in Gaza sehen

Was jetzt folgt, sind Beobachtungen, die unsere Teams vor Ort in Gaza machen: Sie sehen Tausende Menschen mit amputierten Gliedmaßen, darunter viele Kinder. Sie behandeln akut mangelernährte Schwangere und Kinder. Sie berichten, wie Hautkrankheiten wie Krätze und andere parasitäre Infektionen sich durch unhygienische Lebensbedingungen in provisorischen Unterkünften und Zelten ausbreiten. 

Derzeit haben mehr als 1,3 Millionen Menschen kein festes Dach über dem Kopf. Die Wunden vieler Menschen heilen nicht, sie sind von Larven befallen oder haben sich durch Insektenbefall infiziert. Es fehlt an Wasser zum Waschen der Kleidung. 90 % der Wasser- und Sanitärinfrastruktur wurden teilweise gezielt zerstört. 

Die Menschen verletzen sich an offenen Feuerstellen oder mit kochendem Wasser, weil sie in ihren engen Zelten kochen müssen. Sie kommen mit schwersten Brandverletzungen in unsere Gesundheitseinrichtungen. Menstruierende Frauen isolieren sich sozial, weil ihnen Hygieneprodukte fehlen. Frauen kommen nach Kaiserschnitten wieder zur Behandlung, weil ihre Wunden sich erneut infizieren und entzünden. 

Eroding Dignity and Undignified Living Conditions
Motasem Abu Aser/MSF

Tausende Menschen warten auf eine Evakuierung, weil sie vor Ort nicht angemessen medizinisch versorgt werden können. Hier hat Österreich die Verantwortung, chronisch Kranke und schwer Verletzte aufzunehmen. Das Gesundheitssystem ist in der Lage dazu.

Der Weg führt über das humanitäre Völkerrecht

Wenn wir sehen, dass humanitäre Hilfe systematisch blockiert wird, wenn wir helfen wollen, aber daran gehindert werden, müssen wir die politischen Fragen hintanstellen und uns auf einige Grundregeln besinnen, die wir uns als Weltgemeinschaft gegeben haben.

Aus den Erfahrungen der Schlacht von Solferino sowie der beiden Weltkriege ist ein verbindliches internationales Regelwerk entstanden, das bis heute den Schutz von Menschen in bewaffneten Konflikten sicherstellen soll. 

Die Achtung dieser Regeln ist keine politische Position. 

Sie stellt den Mindeststandard der Menschlichkeit dar, den wir allen schulden, die in Kriegsgebieten leben müssen. 

Der Weg zu einer Lösung des Gaza-Konflikts führt über die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Erst wenn das geschieht, haben Meinungen wieder Platz.

Dieser Kommentar ist zuerst im Kurier erschienen. 

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