Kommentar von
Christoph Friedl
17.09.2026
Christoph Friedl leitet ein Ebola-Behandlungszentrum in Beni im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Hier erzählt er, wie nah Verlust und Hoffnung an einem einzigen Tag beieinanderliegen.

Vor zwei Tagen bringt die Ambulanz einen jungen Mann zu uns, schon schwer krank. Es ist absehbar: Er wird sterben. Seine junge Frau weint verzweifelt. Früh am nächsten Morgen kommt sie wieder, ein Priester spendet die Krankensalbung und spricht einen letzten Abschied. Als ihr Mann stirbt, bricht sie ohnmächtig zusammen.

Solche Momente zerreißen einem das Herz.

Am selben Tag entlassen wir zum ersten Mal einen bestätigten Fall als geheilt: symptomfrei, mit negativem Laborergebnis. Im Kongo wird das groß gefeiert. Fernsehen und Radio kommen, es gibt Ansprachen, eine Runde Coca-Cola – und getanzt wird auch. Wer unser Spital gesund verlässt, bekommt ein kleines Paket mit: frische Kleidung, Flip-Flops, Hygieneartikel für die ersten Tage zu Hause.  

So nah liegen Leid und Freude hier beisammen, Tag für Tag. 

Hier stehe ich – mitten in einer Ebola-Epidemie

Ich bin Christoph Friedl und leite für Ärzte ohne Grenzen ein Ebola-Projekt in Beni, einer mittelgroßen Stadt in der Region Nord-Kivu. Wir betreiben ein Ebola-Behandlungszentrum: Zu uns kommen Verdachtsfälle. Das sind Menschen mit mindestens drei typischen Symptomen, die auf ihr Laborergebnis warten. Bestätigt das Labor die Infektion, verlegen wir sie in den Trakt für bestätigte Fälle. Ist der Test negativ, dürfen sie wieder nach Hause. 

Damit die Patient:innen nicht isoliert daliegen, haben wir das Zentrum bewusst offen gestaltet: Besucher:innen kommen bis auf zwei Meter an die isolierten Personen heran, Fenster zeigen nach innen, sodass unsere Ärzt:innen und Pflegekräfte mit den Kranken sprechen können. Das ist besser für die Psyche – und die entscheidet im Krankheitsverlauf oft mit. 

Ein Ausbruch, der nicht abflaut

Die Lage ist angespannt. Das Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen, die Kontaktnachverfolgung ist schwierig, und viele Menschen wissen nicht, wie sie sich schützen können. Dazu kommen Zweifel und Mythen: Manche glauben, Ebola existiere gar nicht oder sei von Fremden gebracht worden. Wenn nicht alle an einem Strang ziehen, wird es gefährlich.

Und der Ausbruch selbst lässt uns keine Ruhe. Die Kurve zeigt noch nicht nach unten, immer wieder tauchen neue Herde auf, und gegen diese Art des Virus gibt es keinen Impfstoff. Ein Ende ist schwer abzuschätzen.  

Das Misstrauen und die Wucht des Ausbruchs zusammen machen die Situation so dramatisch. 

Wo alle Fäden zusammenlaufen

Christoph Friedl im Ebola Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Christoph Friedl / MSF
Mein Arbeitsplatz im Büro

Ich bin seit 2017 mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz – im Irak, im Südsudan, im Sudan, in Indien, in Bangladesch, in Haiti und schon einmal in der Demokratischen Republik Kongo. Jeder Einsatz ist anders, und genau das macht die Arbeit für mich so spannend und bereichernd. 

Als Projektkoordinator trage ich die Verantwortung für verschiedene Bereiche: Personal, Medizin, Logistik und Sicherheit. 

Ich bin die Stelle, wo alles zusammenläuft und von der aus klar sein muss, was wir leisten können und was nicht. Mein Arbeitstag beginnt hier um 5:30 Uhr und meine Arbeitswoche geht von Montag bis Sonntag. Manchmal scherzen wir, dass jeder Tag ein Dienstag ist – egal, ob Sonntag, Freitag oder Montag. 

Das Schlimmste ist die unsichtbare Gefahr

Die Sorge vor einer Ansteckung ist allgegenwärtig. Wir sind erfahren und sehr vorsichtig, halten strenge Infektionsschutzmaßnahmen ein – und trotzdem spüren wir: Es kann uns alle treffen. Mit einer sichtbaren Gefahr komme ich leichter zurecht als mit einem unsichtbaren Virus. 

Christoph Friedl im Ebola Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Christoph Friedl / MSF
Das Ebola-Behandlungszentrum bei Sonnenuntergang

Deshalb gilt bei uns eine klare „No-Touch-Regel“: kein Händeschütteln, keine Umarmung, keine Hand auf der Schulter. Das schützt – aber es zehrt auch, weil es das Miteinander verändert. 

Ohne das Team läuft nichts

Den größten Teil unserer Arbeit tragen meine Kolleg:innen vor Ort – vom Wachpersonal bis zu Ärzt:innen, Pflegekräften, Hygieneteams und den Fachleuten für Wasser- und Sanitärversorgung. Für sie geht es hier um ihre eigenen Familien, ihre Kinder, ihre Angehörigen. Ihre Sorgen sind anders als unsere, die wir von außen kommen.

Und oft fehlt das Nötigste: Ein Leiter eines Gesundheitsamtes außerhalb von Beni kann nicht telefonieren, weil das Geld für die Rechnung fehlt. Am Abend bleibt es dunkel, weil der Generator keinen Treibstoff hat. Das Labor ist überlastet. Diese Anspannung spüren wir alle – und trotzdem gehen wir gut miteinander um. 

Christoph Friedl im Ebola Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Christoph Friedl / MSF
Die Herausforderungen, die dieser Ebola-Ausbruch bringt, schaffen wir nur gemeinsam als Team.

Warum ich immer wiederkomme

Von Beruf bin ich klinischer und Gesundheitspsychologe. Dass die mentale Gesundheit heute fest zur Ebola-Hilfe gehört – für Patient:innen, Familien und uns im Team – ist sehr erfreulich. Oft sind es Kleinigkeiten: am Abend zusammensitzen, nachfragen, wenn sich jemand zurückzieht, einander sagen „schön, dass du da bist“. 

Ärzte ohne Grenzen hat mich mit Anfang 20 gepackt – vor allem die Idee, dort zu helfen, wo es wenig Hilfe gibt und wo Menschen oft vergessen werden. 

Seit fast zehn Jahren mache ich das. Was man mitbringen sollte? Neugier, Offenheit, Know-how und die Bereitschaft, in schwierigen Situationen schnell gute Entscheidungen zu treffen. Für mich ist es diese Intensität und das Miteinander – das Gefühl, gemeinsam etwas zu bewirken.

Mein Einsatz hier dauert drei Monate. Ende Oktober, Anfang November bin ich zurück in Österreich – pünktlich zu Allerheiligen. Dann gönne ich mir einen Striezel, blicke zurück und verschnaufe ein wenig. 

Helfen Sie jetzt!