Gatluak Sufarn arbeitet für Ärzte ohne Grenzen als Administrator in Bentiu, einem Lager für Binnenflüchtlinge im Südsudan. Er erzählt uns seine Geschichte.
09.03.2022

Ich wurde in Koch County, Unity State, im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits geboren. 

Nach der Vorschule spielten meine Freunde und ich unter den großen Bäumen. Unsere Aufgaben beschränkten sich darauf, die Kälber am Flussufer zu hüten, in die Kirche zu gehen, um Lieder zu üben und auf dem nahegelegenen Spielplatz zu spielen. 

Als mein Vater eine zweite Frau heiratete, zog ich zu ihnen nach Leer, einer Stadt im selben Bundesstaat. Mein älterer Bruder lebte mit meiner Mutter in Jaloh, dreißig Minuten zu Fuß entfernt. Sie hatten Rinder und Ziegen. An manchen Wochenenden nahm mich mein Vater auf seinem Fahrrad mit, um sie zu besuchen. 

Die Dinge liefen gut, bis eine Tragödie hereinbrach und der Krieg schließlich Leer erreichte. Es gab einen berühmten Slogan über die Soldaten: "Gor chak, gor kuan ka gor nyam te chang", was so viel heißt wie: "Ich will die Milch, das Essen und das Mädchen aus diesem Haus". 

Wir haben alles verloren, was wir nicht mitnehmen konnten, einschließlich des riesigen Radios meines Vaters. Leer wurde niedergebrannt und geplündert. Das war die erste Vertreibung, die ich erlebt habe. Im Alter von fünf Jahren. 

Nach der ersten Vertreibung 

Wir zogen nach Jaloh, aber in der Nähe befand sich ein Militärstützpunkt, und jeden Tag hörten wir das Rattern von Handfeuerwaffen. Es war an der Zeit, erneut umzuziehen. Wir brauchten über sechs Tage, um Ganyliel zu erreichen, unsere zweite Vertreibung. 

Im Jahr 2001 wurden wir erneut umgesiedelt, in ein Viehlager im Wald. Ich erinnere mich an das Leben dort, an das Hüten von Vieh, die Bienenjagd und den Fischfang. 

Im April desselben Jahres zogen meine Mutter, meine Schwester und ich in das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia. Mein Vater hatte gehört, dass es dort mehr Stabilität und eine gewisse Garantie für eine Ausbildung gab. Es sollte 14 Jahre dauern, bis ich zurückkehrte. 

Konflikt mit dem Sudan 

2011 kehrte ich nach Leer zurück, um Weihnachten mit der Familie zu verbringen. Die Schreinerei hatte geschlossen, aber es schien sich nicht viel verändert zu haben. Die Kinder spielten auf dem Spielplatz. Das Leben in Leer schien nun völlig stabil zu sein. 

Zwei Monate später war ich zurück nach Kenia, um mein Studium zu beginnen und kurz darauf flammte der Konflikt mit dem Sudan wieder auf. 

Die Grenzen unseres Staates waren der Brennpunkt. Die Regierung stellte die Ölförderung ein, während Kampfjets und Infanterie um die Kontrolle kämpften. 

Die Sparmaßnahmen führten dazu, dass ich in diesem Jahr kein Schulgeld erhielt. Ich verbrachte das Jahr, ohne die Möglichkeit zu studieren. Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich gab die Menschen auf und erwartete von niemandem mehr Hilfe. 

Als ich hörte, dass ein Ausbildungszentrum im Lager Kakuma neue Teilnehmer aufnahm, bewarb ich mich für einen einjährigen Kurs in Elektroinstallation. Ich wurde angenommen. Im Dezember 2013 machte ich meinen Abschluss und verkaufte noch am selben Tag mein Mountainbike, um die Heimreise zu bezahlen. Ich kam am Freitagabend in Juba an. 

Bürgerkrieg 

Am Samstag begann der Bürgerkrieg 2013. Ich hatte das Gefühl, dass das Leben aus allen Richtungen auf mich einstürmte. 

Auf allen Straßen waren Soldaten postiert. Beim kleinsten Anzeichen, dass man der Volksgruppe der Nuer angehörte, wurde man hingerichtet. In einigen Vierteln war die Jagd auf Nuer von Tür zu Tür in vollem Gange. Nach fünf Tagen im Versteck zogen wir in das UN-Gelände in Juba. 

Allein mit meinen Problemen 

Es dauerte ein Jahr, bis ich genug gespart hatte, um mich für ein Diplomstudium der Elektrotechnik und Elektronik einzuschreiben. Als ich den Kurs 22 Monate später beendete, wollte ich nicht mehr in mein Heimatland zurückkehren, da es zu viele negative Gefühle mit sich brachte. 

Aber ich konnte in dem Lager in Juba keine Arbeit finden. Im Februar war ich pleite und meine Freundin schwanger. Also zogen wir nach Bentiu, der größten Stadt im Bundesstaat Unity, wo es auch ein UN-Lager für den Schutz von Zivilisten gab. Unser Gepäck ging auf der Reise verloren, und keiner meiner Verwandten war da, um zu helfen. Wieder war ich mit meinen Problemen allein. 

Sie kam mit Glück 

Eine Woche später bekam ich eine Arbeit als Elektriker und meine Tochter wurde geboren. Sie kam mit Glück, wie ich meine. Von da an hatte ich einen weiteren Grund, mich nicht aufzugeben. 

Ich arbeitete zwei Jahre lang auf einem britischen Militärstützpunkt in Bentiu, bevor sich eine Stelle bei Ärzte ohne Grenzen ergab. Mein Job bei Ärzte ohne Grenzen wurde zu einer neuen Herausforderung, die ich annahm und die mir seither viel Spaß macht. 

Ärzte ohne Grenzen hat hier ein großes Krankenhaus, das kostenlose medizinische Versorgung anbietet, einschließlich Entbindungsstation und Notfallchirurgie. Ich bin der Supervisor für die Informations- und Kommunikationstechnologie und sorge dafür, dass alle Systeme, die das Team braucht, reibungslos funktionieren. 

Mein Leben jetzt 

Ich arbeite nicht nur für Ärzte ohne Grenzen, sondern habe hier in Bentiu auch eine Werkstatt und ein Berufsbildungszentrum eröffnet. Ich unterrichte abends nach der Arbeit. 

Im Moment habe ich sieben Schüler. Ich verlange 5000 SSP (12 USD) pro Monat: nicht genug, um Gewinn zu machen. Ich habe überlegt, die Kurse kostenlos anzubieten, aber es ist zu teuer, den Treibstoff für den Generator aus eigener Tasche zu bezahlen. Ich weiß nicht, warum ich nicht mehr verlange. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Ausbildung in Katukama umsonst erhalten habe. 

Die Zukunft 

Ich hoffe, dass ich eines Tages den Durchbruch schaffe. Neben meiner Arbeit für MSF möchte ich die Werkstatt als Forschungszentrum für Programmierung und als Ort für Bastler eröffnen, an dem sie sinnvolle Projekte durchführen können. Ein Ort, an dem demobilisierte Ex-Soldaten Trost und einen Weg ins zivile Leben finden können, und Jugendliche, die keine Chance auf Bildung hatten, können hier einige Fähigkeiten erwerben, die ihnen ein anständiges Leben ermöglichen. Aber all diese Dinge werden in der Zukunft kommen müssen. 

Jetzt fühle ich mich endlich wohl dabei, nach Leer zurückzukehren. Wir haben ein Datum vereinbart. Ich werde meine beiden Kinder und meine Frau mitnehmen. Ich werde meinen Vater zum ersten Mal seit acht Jahren wiedersehen. 

Dieser Blog von Gatluak Sufarn wurde auf Englisch hier veröffentlicht: 
https://blogs.msf.org/bloggers/gatluak/not-giving-how-i-survived-war-and-displacement 

Übersetzung: Marion Jaros-Nitsch