Für ein Baby, das mit nur 26 Wochen in einer abgelegenen Entbindungsstation geboren wird, stehen die Chancen schlecht. Die Hebamme Priscilla berichtet aus dem Südsudan.
15.09.2021

Ich erinnere mich an den Tag, als die Frau in unsere Entbindungsstation in Lankien, Südsudan, eingeliefert wurde. 

Ihre Fruchtblase war geplatzt und sie hatte Wehen. Obwohl sie im sechsten Monat schwanger war, hatte sie keine Schwangerschaftsvorsorge in Anspruch genommen, da sie so weit vom Krankenhaus entfernt wohnte.  Nur im Fall von ernsthaften Komplikationen hätten die Menschen in ihrem Dorf sie ins Krankenhaus gebracht. 

Viele Frauen in ihrem Dorf brachten ihre Babys zu Hause zur Welt, unterstützt von erfahrenen, aber nicht ausgebildeten traditionellen Geburtshelfer:innen. Doch dieses Mal entschied sie sich, ins Krankenhaus zu kommen, weil die Geburt zu lange dauerte. 

Sie wollte ihr Baby nicht sehen, weil sie sicher war, dass es bereits tot war.

Sie und ihr Mann hatten fünf Jahre lang darum gekämpft, ein Kind zu bekommen, aber sie hatte nur Fehlgeburten, immer zum gleichen Zeitpunkt in ihrer Schwangerschaft. Als sie in unserem Krankenhaus ankam, hatten ihre Wehen bereits lange gedauert. Sie war sehr besorgt. "Vielleicht werde ich nie ein Kind bekommen", sagte sie. 

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Lauren King
Eingangsbereich des Krankenhauses in Malakal, Südsudan

Die Chance zu überleben

Sie brachte ein extrem frühgeborenes Mädchen zur Welt. Das Baby wog nur 780 Gramm und schnappte unregelmäßig nach Luft, nachdem es mehrere Stunden lang im Geburtskanal feststeckte. Die Kleine hatte kaum eine Überlebenschance.  

Ich hob sie auf, trocknete sie gründlich ab, klemmte und durchtrennte die Nabelschnur, wickelte sie sorgfältig und warm ein, legte sie auf den Wiederbelebungstisch und gab ihr Sauerstoff. 

Nachdem das Neugeborene untersucht worden war, ging ich zurück, um nach der Mutter zu sehen, die inzwischen zu bluten begonnen hatte. Wir brachten die Blutung unter Kontrolle und verlegten sie zur Beobachtung auf die Entbindungsstation. 

Leider wollte sie ihr Baby nicht sehen, weil sie sich sicher war, dass es bereits tot war und dass ihre Familie es abgeholt hatte, um es zu beerdigen. 

"Sie sieht mich an"

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Mutter in Sicherheit war, bat ich eine der Hebammen, dorthin zurückzugehen, wo das Baby versorgt wurde, um seinen Zustand zu überprüfen. Als die Hebamme sie sah, schrie sie: "Oh mein Gott, sieh dir dieses Baby an, es schaut mich mit großen Augen an." Ich war schockiert. "Lebt sie?" fragte ich. Die Hebamme antwortete: "Sie sieht mich an ... also lebt sie!" 

Ich verabreichte ihr intravenös Flüssigkeit und auch Antibiotika, da ihre Mutter zu Hause bereits seit mehr als 24 Stunden in den Wehen lag. Ich deckte sie mit einer Wärmedecke zu und erstellte auch für sie ein Beobachtungs- und Behandlungsprotokoll. 

Nun war es an der Zeit, die Mutter über ihr Baby zu informieren. Doch bevor ich ihr das Neugeborene übergeben konnte, führten wir ein langes Gespräch. Wir sprachen über den Zustand des Babys und darüber, dass es vielleicht nicht überleben würde. 

Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, wie das Baby am besten behandelt werden sollte - wir hatten weder einen Brutkasten noch eine richtige Intensivstation für Neugeborene. Sie musste also auf der Station mit anderen Müttern und Babys um sie herum sein. Wir sorgten dafür, dass ihr Bett an einem gut beleuchteten und gut belüfteten Ort stand. Alle, das gesamte Personal und die ganze Familie, mussten für dieses Baby zusammenarbeiten. 

Nach und nach

Mehrere Wochen lang ging es mit dem Zustand des Babys auf und ab. Nach der vierten Woche nahm sie langsam an Gewicht zu. Sie weinte und reagierte auf Dinge wie Hunger oder Nässe. Es schien, als würden wir Fortschritte machen. 

Alle, das gesamte Personal und die ganze Familie, mussten für dieses Baby zusammenarbeiten.

Aber dann, einige Tage später, als wir nach ihr sahen, reagierte sie nicht und schnappte nach Luft. Als ich sie berührte, fühlte sie sich sehr kalt an, und ich dachte, sie würde sterben. Ich brachte sie sofort in den Wiederbelebungsraum und begann, sie zu behandeln. Es ging ihr besser, aber sie war jetzt viel schwächer. 

Sie hatte weiterhin diese Anfälle, so dass wir sie mit mehr Infusionsflüssigkeit und Antibiotika behandelten. Nach und nach ging es ihr jedoch besser. Als sie vollständig stabilisiert war, bat ich die Mutter, ihr Baby an ihren Oberkörper zu halten. Wir nennen das 'Känguru-Mutter-Pflege'. Sie begann zu stillen, und wir überwachten das Gewicht des Babys weiterhin regelmäßig. 

Nach zweieinhalb Monaten Krankenhausaufenthalt wog das Baby zwei Kilo und war endlich gesund genug, um nach Hause zu gehen. 

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Adrienne Surprenant
Amiira Mawien (Alter unbekannt), hält ihren 3-jährigen Sohn Adeng Mawien im von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Aweil State Hospital

Ein Wunder

Niemand hatte je gesehen, dass ein so zerbrechliches, frühgeborenes Baby an einem so abgelegenen Ort überlebt hatte. Die leitende Hebamme der Einrichtung sagte: "Es hat in der Vergangenheit Wunder in der Medizin gegeben, und dies könnte eines davon sein." 

Die Familie und die Gemeinde im Dorf Lankien waren an dem Tag, an dem das Baby entlassen wurde, sehr glücklich. Alle kamen, um das Kind mit nach Hause zu nehmen, und die Mutter bringt das Kind weiterhin zu Kontrolluntersuchungen in die Entbindungsstation. Es geht ihr sehr gut. 

Meine Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen hat mich gelehrt, dass wir mit Teamwork auch mit begrenzten Mitteln eine hochwertige und umfassende Gesundheitsversorgung bieten können. Wir können Leben retten. 

Und dies war sicherlich ein großes Wunder. Ein Baby, das in der 26. Woche geboren wurde und nur 780 Gramm wog, hat irgendwie überlebt. Sie lebt, sie lächelt und es geht ihr gut. 

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