Ärzte ohne Grenzen beendet Rettungseinsatz im zentralen Mittelmeer

05.01.2016
Nach acht Monaten auf hoher See ist die Bourbon Argos am 30. Dezember zum letzten Mal 2015 in den Hafen eingelaufen.
Bourbon Argos: Search and Rescue Operations, November 2015
Alessandro Penso
Medecins Sans Frontiers (MSF) Deputy project coordinator, Pierre, looks out for boats from the Bourbon Argos.

Nach acht Monaten auf hoher See, in denen 20.129 Menschen gerettet und über 120 Rettungseinsätze durchgeführt wurden, ist die Bourbon Argos, das letzte verbleibende Schiff von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) im zentralen Mittelmeer, am 30. Dezember zum letzten Mal 2015 in den Hafen zurückgekehrt. Da aufgrund der aktuellen Witterungsverhältnisse weniger Menschen das Mittelmeer überqueren, geht Ärzte ohne Grenzen davon aus, dass derzeit ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, um den bestehenden Bedarf zu decken. Die Organisation fordert aber die EU-Behörden neuerlich dazu auf, angemessene Ressourcen für Rettungseinsätze zur Verfügung zu stellen, um weitere Tragödien in den kommenden Monaten zu verhindern, wenn wieder mehr Menschen über das Mittelmeer kommen werden. 

„Keiner der Menschen, die wir von seeuntüchtigen Booten gerettet haben, hätte es ohne fremde Hilfe geschafft“, erklärt Stefano Argenziano, Projektleiter von Ärzte ohne Grenzen.

„Wir sind davon überzeugt, dass ambitionierte Seenotrettungseinsätze notwendig ist, um Leben zu retten, aber wir sind Ärzte und Seenotrettung sollte eigentlich nicht unser Job sein. Wir hoffen sehr, dass die Kapazitäten der EU 2016 ausreichen werden und unsere Boote nicht mehr gebraucht werden.“

Organisation bleibt in Einsatzbereitschaft

Trotz der Einstellung der Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im zentralen Mittelmeer bleibt die Organisation in Einsatzbereitschaft, sollte es der EU und ihren Mitgliedsstaaten nicht gelingen, die Leben Tausender Männer, Frauen und Kinder zu schützen, die voraussichtlich in den kommenden Monaten aus dem Norden Afrikas nach Europa fliehen.

Bereits im Mai 2015 – als das erste Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen auslief – betonte die Hilfsorganisation, dass permanente Rettungseinsätze nicht die Lösung für die Flucht über das Meer sind. Vielmehr handelte es sich um eine Akutmaßnahme, um den Verlust von Menschenleben zu vermeiden – eine Folge der restriktiven Grenzpolitik, die Schutzsuchende aufs Meer zwingt. Trotz der verstärkten Rettungsmaßnahmen war das vergangene Jahr das bisher tödlichste im Mittelmeer: Offiziell sind 3.771 Männer, Frauen und Kinder vor Europas Küsten ertrunken oder werden vermisst – die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher sein.

Politik muss legale und sichere Wege in die EU ermöglichen

„Es ist absolut notwendig, dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten Ressourcen zur Verfügung stellen, die innerhalb einer Stunde nach einem Notruf reagieren können. Rettungseinsätze können den Tod auf hoher See jedoch nicht gänzlich vermeiden“, sagt Brice de la Vigne, Leiter der Einsätze bei Ärzte ohne Grenzen. „Was dem Verlust von Menschenleben wirklich ein Ende bereiten würde, sowohl im zentralen Mittelmeer als auch in der Ägäis, ist die Umsetzung einer Politik, die legale und sichere Wege in die EU ermöglichen. Dadurch könnten Menschen auf Schlepper verzichten und müssten nicht mehr in übervolle Schlauchboote und Holzboote steigen um Europas Küsten zu erreichen.“

In der Ägäis ist Ärzte ohne Grenzen noch im Einsatz. Dort hat die Organisation mit Greenpeace Ende November eine gemeinsame Rettungsaktion für Flüchtlinge entlang der gefährlichen Seegrenze zwischen der Türkei und Griechenland gestartet.

2015 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen an Bord dreier Schiffe über 23.000 Menschen in Seenot geholfen. Sie wurden entweder direkt aus dem Wasser (20.129) oder von anderen Schiffen gerettet. Insgesamt wurden 120 Rettungseinsätze durchgeführt, über 80 Mal wurden Flüchtlinge in Italien sicher an Land gebracht.