Jemen

Ärzte ohne Grenzen zieht Mitarbeiter wegen Luftangriffen aus sechs Kliniken im Jemen zurück

Sanaa/Wien, am 19. August 2016. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) zieht wegen willkürlicher Bombardierungen und unzuverlässiger Versicherungen der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus sechs Kliniken im Norden des Jemen zurück. Die Teams verließen Kliniken in Hajdan, Raseh, Saada und Jasnim in der Provinz Saada sowie in Abs und Hadscha in der Provinz Hadscha. Die abgezogenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind unter anderem Geburtshelfer, Kinderärzte, Chirurgen und Spezialisten für die Notaufnahme. In anderen Teilen Jemens setzen Teams der Organisation ihre medizinische Nothilfe fort.

Am Montag waren durch einen Luftangriff auf das Krankenhaus in Abs 19 Menschen getötet worden, darunter ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. 24 Personen wurden verletzt. Seit der Aussetzung der in Kuwait geführten Friedensgespräche zwischen den Kriegsparteien am 7. August hat die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition die Luftangriffe im Norden Jemens in verstärktem Umfang wieder aufgenommen. Der Angriff auf die Klinik in Abs war der vierte und tödlichste auf eine von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Gesundheitseinrichtung seit Beginn des Krieges. Im ganzen Land sind unzählige medizinische Einrichtungen angegriffen worden.

Unabhängige Untersuchung gefordert

In den vergangenen acht Monaten haben sich Vertreter und Vertreterinnen von Ärzte ohne Grenzen zweimal in Riad mit hochrangigen Offiziellen der Militärallianz getroffen, um Garantien zu erhalten, dass Angriffe auf Krankenhäuser gestoppt werden. Obwohl Ärzte ohne Grenzen systematisch die GPS-Koordinaten aller von ihr mit eigenen Mitarbeitern unterstützten Kliniken mitgeteilt hat, werden die Luftangriffe auf die Einrichtungen fortgesetzt. Vertreter der Militärallianz haben wiederholt erklärt, dass sie internationales Völkerrecht achten. Doch der neue Angriff zeigt, dass die Kontrollmechanismen zur Vermeidung von Angriffen auf Krankenhäuser versagen. Die Stellungnahme der von Saudi-Arabien geführten Koalition, dass der Angriff ein Fehler war, ist für Ärzte ohne Grenzen weder ausreichend noch tragfähig, um die medizinische Hilfe im Norden Jemens fortsetzen zu können.

Eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse ist notwendig. Allerdings wurden schon die Ergebnisse von Untersuchungen der Militärallianz zu vorherigen Angriffen auf unterstützte Einrichtungen nicht an Ärzte ohne Grenzen weitergegeben. „Der jüngste Vorfall zeigt, dass die derzeitigen Einsatzregeln und militärischen Prozesse Angriffe auf Kliniken nicht verhindern. Sie müssen geändert werden”, sagt Joan Tubau, Geschäftsführer der spanischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, die für den Einsatz in Abs verantwortlich ist. „Wir fordern, dass die von Saudi-Arabien geführte Militärallianz und ihre Unterstützer, insbesondere die USA, Frankreich und Großbritannien, unverzüglich Maßnahmen ergreifen, die den Schutz von Zivilisten erheblich verbessern.”

Sicherheit der Kliniken muss garantiert werden

Die sechs Krankenhäuser, aus denen Ärzte ohne Grenzen sich zurückgezogen hat, werden von Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums und Freiwilligen weiterbetrieben. Die Teams der Organisation werden sie weiterhin durch Medikamentenlieferungen unterstützen. Ärzte ohne Grenzen fordert von allen am Konflikt Beteiligen, die Sicherheit der Kliniken zu garantieren und ihnen zu ermöglichen, neutral und unparteilich medizinische Hilfe zu leisten.

Ärzte ohne Grenzen verurteilt, dass alle am Krieg beteiligten Parteien, unter anderen die von Saudi-Arabien geführte Allianz, die Huthi-Miliz und ihre Verbündeten, wahllos Angriffe ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung verüben. Ärzte ohne Grenzen erklärt den Familien der Getöteten des Angriffs auf die Klinik in Abs ihre Anteilnahme. Dass medizinisches Personal und kranke oder verletzte Menschen in einem Krankenhaus getötet werden, zeigt die Grausamkeit und Unmenschlichkeit des Krieges.

Vor der Evakuierung arbeitete Ärzte ohne Grenzen im Jemen in elf Krankenhäusern und Gesundheitszentren. 18 weitere Krankenhäuser in acht Provinzen (Aden, Al-Dhale, Tais, Saada, Amran, Hadscha, Ibb und Sanaa) wurden von der Hilfsorganisation unterstützt. Es arbeiteten mehr als 2.000 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Jemen, darunter 90 internationale.

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