Bangladesch

Bangladesch: Gefährlicher Diphterie-Ausbruch verschärft Notlage der geflohenen Rohingya

In den Lagern der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch ist die Infektionskrankheit Diphtherie ausgebrochen. Mehr als 3.000 Verdachtsfälle wurden laut WHO bis zum Jahreswechsel registriert. Allein die Teams von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) haben bis zum 21. Dezember mehr als 2.000 Patienten und Patientinnen behandelt. Die Zahl der Verdachtsfälle steigt täglich. Die Mehrzahl der Patienten und Patientinnen ist zwischen 5 und 14 Jahren alt.

„Dieser Diphterie-Ausbruch kommt für die Menschen zusätzlich zu einem Masernausbruch und zu ihrer ohnehin immensen Notlage mit enormen Gesundheitsbelastungen“, sagt Pavlos Kolovos, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Bangladesch. „Die Menschen waren schon zuvor sehr verletzlich, nur wenige von ihnen sind geimpft. Jetzt leben sie unter schlechten hygienischen Bedingungen in einem extrem dicht besiedelten Lager mit prekärer Wasserversorgung. Solange diese Probleme nicht gelöst sind, werden wir weitere Krankheitsausbrüche erleben – nicht nur von Diphterie.“

In den meisten Teilen der Welt ist Diphterie aufgrund steigender Impfraten inzwischen ausgerottet. Die bakterielle Infektionskrankheit führt oft zur Bildung einer klebrigen grau-weißen Membran im Hals oder in der Nase und somit zu Atembeschwerden. Wenn die Patienten und Patientinnen nicht früh mit dem Diphterie-Antitoxin (DAT) behandelt werden, zirkuliert das Gift im Körper und kann das Nervensystem, das Herz und die Nieren noch Wochen nach der eigentlichen Erholung schädigen. Werden die Patienten und Patientinnen nicht behandelt, ist die Sterblichkeitsrate hoch.

Gesundheitsnotstand droht

Ein großes Problem ist, dass es viel zu wenige Bestände des Antitoxins gibt – derzeit gibt es weltweit nur 5.000 Ampullen. Da nur eine sehr kleine Menge des Mittels im Dezember in Bangladesch eingetroffen ist, droht ein öffentlicher Gesundheitsnotstand. „Es gibt nicht genug Arzneimittel, um all unsere Patienten zu behandeln. Aber alle benötigen die Medizin. Wir sind gezwungen, sehr schwierige Entscheidungen zu treffen“, sagt Crystal van Leeuwen, medizinische Leiterin der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Amsterdam.

Ärzte ohne Grenzen hat auf die rasche Ausbreitung der Diphtherie reagiert, indem eine stationäre Mutter-Kind-Einrichtung im provisorischen Lager Balukhali und eine stationäre Einrichtung in der Nähe von Moynarghona in Diphtherie-Behandlungszentren umgewandelt wurden. Zudem hat Ärzte ohne Grenzen ein Behandlungszentrum in Rubber Garden eingerichtet, wo früher ein Transitzentrum für Neuankömmlinge war. Die Gesamtkapazität dieser Behandlungszentren liegt mittlerweile bei gut 400 Betten. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen suchen und behandeln auch aktiv Personen, die mit Erkrankten in Kontakt waren. Sobald ein Fall identifiziert ist, besucht ein Team die Familie, gibt den Angehörigen Antibiotika und durchsucht das Gebiet nach möglichen weiteren Erkrankten.

Um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen, ist es von größter Wichtigkeit, die Menschen in möglichst kurzer Zeit zu impfen. Das Ministerium für Gesundheit und Familienhilfe hat mit Unterstützung anderer Organisationen eine Massenimpfkampagne gestartet. Ärzte ohne Grenzen hat zur Unterstützung Anlaufstellen in ihren Gesundheitsposten eingerichtet. Doch die Kampagne bleibt eine Herausforderung, denn eine ungeimpfte Person ist erst geschützt, wenn ihr im Abstand von vier Wochen mindestens zwei Impfungen verabreicht wurden. Die Menschen vor Ort wissen meistens wenig bis gar nichts über den Nutzen von Impfstoffen und haben vor weniger als einem Monat bereits an einer Masernimpfkampagne teilgenommen. Viele verstehen nicht, warum nun weitere Impfungen nötig sind. Für eine gute Durchimpfung muss es gelingen, die Menschen zu informieren und zu überzeugen.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1985 in Bangladesch. Seit 2009 betreibt die Hilfsorganisation nahe des behelfsmäßigen Lagers Kutupalong in Cox’s Bazar zwei medizinische Einrichtungen für geflüchtete Rohingya und die lokale Gemeinschaft. Als Reaktion auf den Zustrom von Flüchtlingen in Cox's Bazar hat Ärzte ohne Grenzen die Präsenz in der Region erheblich ausgeweitet, insbesondere in den Bereichen Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und medizinische Versorgung der Flüchtlinge.

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