Österreich

Jahrespressekonferenz: Ärzte ohne Grenzen fordert rasche Ausweitung der Hilfe im Jemen

Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) hat heute in Wien dazu aufgerufen, die Hilfe für die Bevölkerung im Jemen deutlich auszuweiten. Bei der Vorstellung des Jahresberichts warnte Ärzte ohne Grenzen, dass derzeit zu wenig Hilfe bei den direkt Betroffenen des Konflikts ankommt. Besorgt zeigen wir uns über die zunehmende Kriminalisierung der Seenotrettung im Mittelmeer.

„Die Not der Menschen im Jemen ist unvorstellbar groß, doch die geleistete Hilfe reicht bei Weitem nicht aus, um den Bedarf abzudecken. Sie kommt derzeit auch nicht dort an, wo sie am dringendsten gebraucht wird“, warnte Margaretha Maleh, die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, bei der Jahrespressekonferenz der Organisation in Wien. Besonders alarmierend ist der Zusammenbruch des Gesundheitssystems: Mehr als die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen im Jemen sind außer Betrieb, weil sie bei Angriffen beschädigt wurden, kein Personal oder Medikamente mehr haben. „Vielerorts hat die Bevölkerung keinen Zugang mehr zu Gesundheitsversorgung, Menschen sterben an den Folgen von behandelbaren Verletzungen oder an vermeidbaren Krankheiten“, berichtet Maleh.

Unzureichende medizinische Versorgung im Jemen

Derzeit sind 1.600 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Jemen tätig, sie betreiben 13 medizinischen Einrichtungen und unterstützen 18 weitere Krankenhäuser und Kliniken. Seit dem Beginn des Konflikts haben die Teams mehr als 60.000 Kriegsverletzte behandelt. In mehreren Provinzen kämpfen sie gegen eine Cholera-Epidemie, die außer Kontrolle zu geraten droht – eine weitere Folge des Konflikts und der verheerenden humanitären Notlage. Als Sofort-Maßnahme hat Ärzte ohne Grenzen in fünf Spitälern Behandlungszentren eingerichtet, bisher hat die Organisation bereits über 1.670 Erkrankte versorgt.

„Gemessen an der Not der Menschen ist diese Hilfe bei Weitem nicht ausreichend. Mehr internationales Engagement ist das Gebot der Stunde, es gilt jetzt, eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern“, sagt Maleh. Ärzte ohne Grenzen appelliert an Regierungen und Hilfsorganisationen, deutlich mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um der Bevölkerung im Jemen beizustehen. Zugleich fordern wir die Konfliktparteien auf, die Behinderung von Hilfe zu beenden; immer wieder werden dringend benötigte Hilfslieferungen beschlagnahmt, verzögert oder umgeleitet. Seit dem Beginn des Konflikts 2015 wurden zahllose Krankenhäuser angegriffen, darunter auch vier Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen. „Im Jemen wie auch in Syrien muss der diplomatische Druck auf die Konfliktparteien erhöht werden, damit solche völkerrechtswidrigen Übergriffe auf geschützte Gesundheitseinrichtungen aufhören. Auch die österreichische Regierung muss ihren Einfluss geltend machen, damit Angriffe auf Krankenhäuser gestoppt werden“, so Maleh.

Forderung: Schaffung legaler Fluchtwege nach Europa

Mehr humanitäres Engagement fordern wir auch beim Umgang mit Flüchtlingen und Migranten, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Dazu sagt Mario Thaler, der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich: „Wir stellen besorgt fest, dass die Retter am Mittelmeer zunehmend kriminalisiert werden. Das lenkt vom eigentlichen Problem ab: Der Tatsache, dass die europäischen Entscheidungsträger es immer noch  nicht geschafft haben, den richtigen Umgang mit dem Thema Flucht zu finden, und die EU auch nicht für ausreichende Seenotrettung sorgt.“

Ärzte ohne Grenzen ist derzeit mit einem eigenen Rettungsschiff am Mittelmeer tätig und betreibt ein weiteres Schiff gemeinsam mit der Organisation SOS Méditerranée. Die Teams der beiden Schiffe haben seit Jahresbeginn – in enger Koordination mit der behördlichen Leitstelle für Seenotrettung in Rom – mehr als 8.000 Menschen aus Seenot gerettet. Die Geretteten weisen zunehmend Spuren von Misshandlungen auf, die meisten berichten von extremer Gewalt, willkürlicher Inhaftierung, Ausbeutung oder Entführungen in Libyen. „Die Situation in Libyen ist verheerend und stellt einen wesentlichen Fluchtgrund dar. Das wird bei der Debatte rund um die Seenotrettung jedoch kaum thematisiert“, sagt Thaler, und fügt hinzu: „Unser Rettungseinsatz ist nicht die Lösung des Problems, sie ist aber eine humanitäre Notwendigkeit, um Leben zu retten. Statt die Retter zu kritisieren, sollte jetzt an echten Lösungen gearbeitet werden. Dazu gehört die Schaffung legaler Fluchtwege nach Europa.“

Veröffentlichung Jahresbericht 2016

Über die Hilfe am Mittelmeer und im Jemen sowie in weiteren Krisengebieten informieren wir  im Jahresbericht, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Darin legen wir dar, welche Hilfsprogramme im vergangenen Jahr mit Spenden aus Österreich unterstützt wurden. Die österreichische Sektion hat 2016 insgesamt 19,2 Millionen Euro für die medizinische und humanitäre Nothilfe in 26 Ländern ausgegeben. Weitere 1,6 Millionen Euro flossen in die Vorbereitung und Unterstützung der Hilfseinsätze. Insgesamt spendeten im vergangenen Jahr 211.000 Privatpersonen und Unternehmen eine Gesamtsumme von 25,8 Millionen Euro für die Nothilfe von Ärzte ohne Grenzen.

„Dafür möchten wir uns im Namen unserer Patienten und Patientinnen bedanken. Ein besonderes Dankeschön möchte ich unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aussprechen, die über das Wiener Büro Hilfseinsätze in den Krisengebieten geleistet haben. Sie bilden das Rückgrat unserer humanitären Arbeit“, sagt Präsidentin Margaretha Maleh. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 144 Fachkräfte aus Österreich und Zentraleuropa auf Hilfseinsätze in 45 Ländern entsandt; zusammengerechnet betrug ihre Einsatzzeit rund 55 Jahre. Bei den Einsatzkräften handelt es sich um Vertreter und Vertreterinnen unterschiedlichster Berufsgruppen: 52 Prozent stammen aus medizinischen, 48 Prozent aus nichtmedizinischen Berufen.

Ärzte ohne Grenzen ist auf der Suche nach weiteren Einsatzkräften. Derzeit benötigt die Organisation insbesondere französischsprachige Allgemeinmediziner und Pflegefachkräfte, sowie Fachärzte der Gynäkologie, Anästhesie, Chirurgie und Pädiatrie (auch ohne Französischkenntnisse). Interessierte können sich hier informieren. 

Download des Jahresberichts

 

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