Palästinensische Autonomiegebiete: Ärzte ohne Grenzen fordert schnellere Impfungen nach starkem Anstieg von COVID-19-Fällen

24.03.2021
Hebron- Medical Activities
Hebron/Palästinensische Autonomiegebiete, am 23.02.2021 : Die Ärztin Aysha Halahleh in einem Patientengespräch im Dorf Masafer Yatta, wo Ärzte ohne Grenzen eine mobile Klinik betreibt.

Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) fordert schnellere Impfungen und weitere Maßnahmen zur Eindämmung des COVID-19-Virus in den Palästinensischen Autonomiegebieten. „Wir haben keine Betten mehr, keinen Platz und kein Personal, um schwer kranke Patientinnen und Patienten zu versorgen. Die Menschen sterben”, berichtet Juan Pablo Nahuel Sanchez, Intensivmediziner für Ärzte ohne Grenzen, über die Situation im Dura-Krankenhaus in Hebron. Die Zahl der COVID-19-Infektionen ist in den palästinensischen Autonomiegebieten auf dem höchsten Stand seit Beginn der Pandemie. Über 20.000 Patientinnen und Patienten sind derzeit in Behandlung – in einem Gesundheitssystem, das bereits vor der Pandemie instabil war. Sowohl die israelische Regierung als auch die palästinensischen Behörden müssen daher sofort ihre Anstrengungen verstärken, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dazu gehört auch eine Beschleunigung der Impfung. Bisher sind erst zwei Prozent der Bevölkerung im Westjordanland und Gaza geimpft.

Hebron ist eines der am stärksten betroffenen Gebiete des Westjordanlandes. Ärzte ohne Grenzen unterstützt das dortige Krankenhaus durch Trainings, unterstützt die Versorgung von Patientinnen und Patienten und informiert die lokale Bevölkerung über Maßnahmen zur Infektionsvermeidung. „In letzter Zeit ist der Anteil jüngerer Patientinnen und Patienten in der Klinik dramatisch angestiegen”, berichtet Projektkoordinatorin Katharina Lange. „Jeder dritte ist zwischen 25 und 64 Jahre alt.” Etwa 75 Prozent der COVID-19-Infektionen entfallen laut einer Genomanalyse des Gesundheitsministeriums bereits auf die Variante B117. Auch in Nablus im Norden des Westjordanlandes ist die Situation besorgniserregend. Das dortige Krankenhaus des palästinensischen Roten Kreuzes arbeitet über seinen Kapazitäten und wandelt nun seine Lungenstation zu einer reinen COVID-19-Station um.

Keine Bemühungen von Israel zur Erhöhung der Impfrate

Unterdessen hat die palästinensische Bevölkerung noch praktisch keinen Schutz durch Impfungen. „Wir sind sehr besorgt, dass die Impfungen so spät begonnen haben und so langsam vorangehen”, sagt Ely Sok, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Einerseits hat Israel so viele Impfdosen zur Verfügung, dass man eine Herdenimmunität anstrebt, und es gibt keine Bemühungen, die Impfraten in den palästinensischen Gebieten zu erhöhen. Andererseits ist es auch schwierig, von den palästinensischen Behörden klare Angaben zu erhalten, wie viele Impfdosen bereits angekommen sind und wie diese verteilt werden. Das Personal, das an vorderster Front gegen das Virus kämpft, und die Hochrisikogruppen haben bisher keine Chance auf Schutz.”

In den Palästinensischen Autonomiegebieten waren die Infektionszahlen im Februar gesunken. Seit Mitte März steigen sie jedoch wieder an. Das Team von Ärzte ohne Grenzen befürchtet eine dritte Welle, die die Leistungsfähigkeit des palästinensischen Gesundheitssystems vollends übersteigt.