Emails aus dem Einsatz20.08.2013

E-Mail aus Maban - Impfkampagne im Flüchtlingslager Batil

3 Kommentare

Der Osttiroler Marcus Bachmann ist Projektkoordinator im Flüchtlingslager Batil im Bezirk Maban im Südsudan. Er berichtet über eine Impfkampagne gegen Masern - im Original erschienen im aktuellen Ärzte ohne Grenzen Magazin DIAGNOSE:


Ohohohoh! – ruft meine Kollegin Charlotte, als geschätzte 1.000 Kinder und Jugendliche um die Wette auf unsere Impfstelle zulaufen. Nichts als ein dünnes Plastikabsperrband trennt uns von dem „Kindertsunami“, der mit atemberaubender Geschwindigkeit auf uns zu braust. Es ist Tag 3 unserer Masernimpfkampagne im Flüchtlingslager Batil. Nach einer Häufung von Masernerkrankungen haben wir beschlossen, alle Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren zu impfen. In dieser jungen Gesellschaft ist das fast die Hälfte der rund 38.000 Menschen, die hier seit über einem Jahr in Notunterkünften leben. In vier Impfstellen, die über das ganze Lager verteilt sind, impfen 20 Teams alle Kinder. Darunter sind auch die Teams von Charlotte.


Einsatz im Flüchtlingslager: Marcus Bachmann (im Bild rechts) mit zwei seiner KollegInnen.

Die Durchführung der Kampagne ist eine logistisch-medizinische Meisterleistung: In der Hitze müssen die Logistiker und Logistikerinnen den Impfstoff von der Herstellung in Europa bis zur Anwendung im abgeschiedenen südsudanesischen Bezirk Maban gekühlt lagern und transportieren. 2.000 Fläschchen mit dem Impfstoff müssen verdünnt, mehr als 19.000 Spritzen aufgezogen werden. Pro Team bereiten vier Kollegen und Kolleginnen die Spritzen für einen „Vaccinator“ vor, also für jene Person, die die Impfung durchführt. Ein anderer Kollege zählt die Kinder und ein weiterer markiert die kleinen Finger der Kids mit Tinte, damit wir sie nicht doppelt impfen. Und über 19.000 Mal müssen weinende Kinder beruhigt, getröstet oder ermuntert werden.

Wir haben alles unternommen, um möglichst viele Kinder zu impfen. Und nach dem zu urteilen, was da gerade auf uns zukommt, ist die Mobilisierung der Bevölkerung im wahrsten Sinn des Wortes sehr, sehr erfolgreich verlaufen. Es ist einer dieser magischen „MSF-Momente“, Augenblicke, die typisch für einen Ärzte ohne Grenzen-Einsatz sind: Mitten unter den Menschen, für die wir hier sind. Und mitten in einer Situation, für die ich keine vorgefertigte Lösung habe. Ein „Ohohohoh“-Moment mit ganz vielen Rufzeichen. Ich gehe auf die Kinder zu, die auf uns zu stürzen, hebe die Hand und sage "Stopp!" – und wie im Film passiert ein Freeze und die Menge steht still. Uff! Schließlich werden die Kinder nach und nach in Fünfergruppen zum Impfen vorgelassen. Am Ende dieses Tages hat allein Charlotte mit ihren Teams 1.851 Kinder geimpft.

Es sind Momente wie diese, die für die langen Tage in Batil entschädigen. Am Ende des Tages treffe ich mich mit den Teams, um den nächsten zu planen und vorzubereiten. Haben wir genug Impfstoff, genügend Spritzen und Kühl-Akkus? Es ist schon Mitternacht, wenn ich die Statistik und den Bericht für den Tag fertigstelle. Erleichtert drücke ich den "Senden"-Knopf meiner letzten E-Mail und schalte meinen Laptop aus.

Es geht hier nicht um Zahlen, es geht nicht um Statistiken, es geht um Menschen. Es geht um 19.561 Kinder, die nun vor Masern sicher sein werden. Das denke ich mir, wenn ich in der Dusche unter freiem Sternenhimmel den Staub des Tages loswerde.

Liebe Grüße aus dem Südsudan,
Marcus


Marcus Bachmann ist Experte für Qualitäts- und Prozessmanagement mit jahrelanger Berufserfahrung in der pharmazeutischen Industrie. Auf einen ersten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen als Logistiker und Administrator in der zentralasiatischen Republik Kirgisistan folgten weiter in der Demokratischen Republik Kongo und Bangladesch, wo er unter anderem die Hilfseinsätze nach Cholera-Ausbrüchen koordinierte.

Die "E-Mail aus Maban" und weitere Berichte aus unseren Einsatzgebieten finden Sie auch in unserem Magazin DIAGNOSE - die aktuelle Ausgabe 03/2013 ist ab sofort online abrufbar und im kostenlosen Abo zu bestellen via www.aerzte-ohne-grenzen.at/diagnose.

Kommentare

steffi
Tausendfachen - ach, was sag ich - Millionenfachen Dank !!!
Christian Schwarz
...und werden heuer 19.561 Kinder in Österreich gegen Masern ungeimpft bleiben, weil ...... Ja weil!?
hanna.spegel
Sehr geehrter Herr Schwarz, Ärzte ohne Grenzen ist eine Nothilfeorganisation, die dort medizinische Hilfe leistet, wo die Strukturen zusammengebrochen oder völlig unzureichend sind. Bitte um Verständnis, dass wir zur Situation in Ländern, in denen wir nicht arbeiten - also auch Österreich - keine Stellung beziehen. Vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen, Hanna Spegel Ärzte ohne Grenzen Österreich

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