Gabriele Dopler28.07.2016

Ein "wiederbelebtes" Spital im Kriegsgebiet

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Gabi Dopler aus Oberösterreich ist Administatorin im Bereich Finanz- und Personalwesen. Sie war im Vorjahr erstmals mit Ärzte ohne Grenzen in Kenia tätig und arbeitet heuer in einem Krankenhaus im Jemen. Aufgrund der anhaltenden Gewalt und der schlechten Sicherheitslage ist dort für die Menschen medizinische Versorgung oft nur sehr schwer erreichbar. Deshalb verstärken wir laufend unsere Hilfe, versorgen Verletzte, führen lebensrettende chirurgische Eingriffe durch, unterstützen Krankenhäuser und stellen Trinkwasser und Hilfsgüter für Vertriebene zur Verfügung.

Nach drei Monaten im Konfliktgebiet hat Gabi nun ihren Einsatz verlängert und berichtet via Email im Rückblick von der Arbeit in einem Spital:

26. April, 21:15 Uhr

Wahnsinn, wie die Zeit vergeht... genau vor vier Wochen bin ich im Projekt gelandet! So sah der Jemen bei meiner Ankunft im März 2016 aus:

Nach der Übergabe von meinem Vorgänger und der ganzen Reise brennt man natürlich darauf, richtig los zu starten! Und da ist erst mal eine kurze Erklärung nötig - was ist nun „das Projekt“?

Doch erst einmal von vorne: 2015 eskalierte der Bürgerkrieg im Jemen, die Menschen leiden unter der Gewalt und dem Mangel an Hilfe. Zwischen den Provinzen Taiz und Ibb im Südwesten des Landes verläuft eine der Frontlinien. Dort hat Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden ein Spital „wiederbelebt“, um die medizinische Versorgung für rund 500.000 Menschen sicherzustellen. Innerhalb kürzester Zeit wurden alle Abteilungen funktionstüchtig gemacht: Akut- und Erstversorgung, Operationssaal und Bettenstation. Anfang 2016 wurde der Betrieb wieder vollständig aufgenommen – heute werden hier pro Monat rund 600 Notfälle versorgt, 120 lebensrettende Operationen durchgeführt und mehr als 100 akute Fälle stationär versorgt.

An dieser Stelle einen großen Respekt an meinen Vorgänger und das ganze Team, sie haben innerhalb von wenigen Wochen neues Personal rekrutiert und die Basis für alles weitere geschaffen.

Und hier kommt auch schon mein Job ins Spiel: Einerseits stellen wir laufend neue Mitarbeiter ein – derzeit zum Beispiel suchen wir einen Assistenten im Personalbereich, darauf freue ich mich schon riesig. Außerdem fokussieren wir darauf, alle Prozesse in geregelte Bahnen zu lenken und die Abläufe zu festigen. Natürlich ist auch noch vieles vom Beginn des Projektes zum Checken: Sind alle Personaldokumente angelegt, wurden alle bezahlt, haben wir alle Unterlagen, wer hat Anspruch auf die Gesundheitsversorgung, die Ärzte ohne Grenzen allen MitarbeiterInnen bietet, und wie funktioniert die Bezahlung? Wie werden Arbeitszeiten, Mittagspause und Nachtschichten geregelt? Wie man sieht, ist mein Job ziemlich abwechslungsreich und das macht das Arbeiten sehr spannend!

So abwechslungsreich der Arbeitsinhalt ist, so abwechslungsreich ist es auch im Büro… Von der Unterbringung aller Teams bis zu überfüllten Schreibtischen und einem enormen Lärmpegel. Und natürlich viele Leute, die hier ein und aus gehen… dabei lernt man den Großteil des Personals kennen, erfährt Neuigkeiten und lernt natürlich viel mehr über die Gepflogenheiten, die Kultur und das Land. Ich kann sagen, dass ich von Anfang an vom Willkommen der jemenitischen Kolleginnen und Kollegen beeindruckt bin – Offenheit, Freundlichkeit und Respekt sind Werte, die mir hier tagtäglich begegnen.

Etwas ungewohnt war es auch anfangs für mich, dass der Freitag jetzt der neue ‚Sonntag‘ ist – das heißt, unsere Arbeitswoche ist von Samstag bis Donnerstag, Freitag ist frei! Weil ich jedoch meist auch am Freitag – zumindest ein wenig – am Arbeiten war, habe ich mir spontanerweise letzten Freitag mal ein ‚neues‘ Büro eingerichtet:

Hier kann ich – fast – frei von Abaya & Hijab zu arbeiten. Denn hier im Projekt tragen wir, sobald wir ins Freie gehen, immer das schwarze lange Gewand (= Abaya) und ein Kopftuch (= Hijab). Das ist eine freiwillige Entscheidung von Ärzte ohne Grenzen und den MitarbeiterInnen, um uns an die kulturellen Gegebenheiten anzupassen. Anfangs etwas ungewöhnlich, aber es wird schnell zur Gewohnheit.

Also wie ihr seht, gefällt es mir hier im Jemen wirklich sehr gut: das Team – sowohl die einheimischen als auch die internationalen KollegInnen – ist super, die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und macht – auch wenn man morgens bis abends voll damit ist – noch viel Spaß. Und wenn wir abends auf der Dachterrasse stehen und der Wind bläst, gefällt mir auch das Wetter ;-) Heiß aber trocken!

18. Juni, 07:24 Uhr

Gerade noch denke ich mir: Ich bin ja noch gar nicht so lange im Projekt, gerade erst vor wenigen Wochen angekommen! Aber dann kommt der Blick auf den Kalender und der sagt: Ich bin schon fast drei Monate in Jemen, meine Zeit hier ist somit schon fast um... Und da kommt gleich meine größte Neuigkeit: Ich werde dem Projekt länger treu bleiben und verlängere meinen Einsatz :-)

Hier hat sich die letzten Wochen so einiges verändert, mein Team für den Bereich Finanz & Personalmanagement hat gerade vor wenigen Tagen gesagt: Wow, wir sind jetzt schon richtig gut organisiert... Naja, wir sind noch nicht am Ziel, aber der Fortschritt und die Veränderungen der letzten Wochen und Monate sind wirklich großartig! Das ganze Team hier leistet wirklich tolle Arbeit! Und: Vor zwei Wochen sind wir endlich von einem absolut überfüllten Büro in neue Räumlichkeiten übersiedelt – mit mehr Platz und sogar Trennwänden UND einem Besprechungsraum! Und ich habe endlich wieder einen eigenen Schreibtisch zum Arbeiten.

Auch im Krankenhaus spürt man allerhand Veränderungen: Viel Energie, Zeit und Teamwork wurde aufgewendet, und jetzt sieht man immer besser, dass die Abläufe und die tagtägliche Arbeit immer besser funktionieren! Es ist schon richtig spannend und schön, als Teil des Teams den Fortschritt zu sehen.

Also ich kann nur sagen: Die Arbeit hier ist und bleibt spannend - und mir gefällt es nach wie vor sehr gut! Allerdings freue ich mich jetzt dann wirklich darauf, im Juli alle Lieben zu Hause wieder mal zu sehen :-)

Alles Liebe,
Gabi

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