Ursula Wagner19.01.2015

Heute geht's ums Essen!

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Nachträglich frohe Weihnachten und ein wunderbares neues Jahr! Inshallah!

Weihnachtsstimmung ist bei mir heuer keine richtige aufgekommen, wohl wegen der sommerlichen Temperaturen. Andererseits bin ich hier inhaltlich wie äußerlich tagtäglich von der gesamten Entourage einer Krippe umgeben – sprich Schafe, Kamele, Esel...


Sonnenuntergangsfoto mit Eseln (von hinten) bei einem meiner wenigen Abendspaziergänge (c) Ursula Wagner/MSF

... einfachste Unterkünfte und nicht zuletzt unter diesen Bedingungen niederkommenden Frauen, von denen gefühlt jede zweite Mariam heißt.

Heute geht's ums Essen!

Dieser Blogbeitrag wird sich ums Essen drehen, wo doch die Feiertage daheim die Zeit des allgemeinen Überessens sind und sich erfahrungsgemäß so mancher Neujahrsvorsatz auf dieses Thema bezieht. Zudem wünschte eine Leserin, mehr aus meinem Arbeitsalltag zu erfahren, somit geht's nicht um Diskussionen im internationalen Team, wozu der rare Gouda verkocht werden darf oder wer die Nutella aufgegessen hat… sondern um lokale Themen, Sorgen und Nöte.

Am 1. Jänner isst man hier übrigens Huhn. Unser Fahrer war am letzten Tag des Jahres während unserer Arbeit auf der Suche nach einem preisgünstigen Henderl und ließ sich im Vorbeifahren die Angebote zeigen. Das zweite Henderl durfte dann in unseren Landrover einsteigen und landete sicher im Kochtopf.


Huhnkauf im Vorbeifahren am Weg ins Dorf (c) Ursula Wagner/MSF

Auch wenn mein Aktionsradius hier wegen der Sicherheitsrichtlinien etwas eingeschränkt ist, ist mein Arbeitsalltag sicher der bewegtste von allen im internationalen Team: Er spielt sich zwischen Büro, Supervision der Gesundheitsbildung im Krankenhaus und den Info-Sessions in umliegenden Dörfern ab. Im Krankenhaus hier arbeitet Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit den staatlichen Angestellten und konzentriert sich auf Geburtshilfe, Kinderheilkunde, die Intensivstation, HIV- und Tuberkulose-PatientInnen und das Intensive Therapeutic Feeding Center. Auf dieser Intensiv-Ernährungsstation landen schwer mangelernährte Babies und Kleinkinder mit den unterschiedlichen Ausprägungen dieser Erkrankung, von ausgehungert bis hin zu den mit typischen Ödemen am Körper und im Gesicht.

Mangelernährung = Mangel an Nahrung?

Bisher habe ich mich noch zu wenig in das komplexe Gebiet der Mangel- und Unterernährung vorgewagt, um die verschiedenen Faktoren und deren Zusammenspiel zu verstehen. Jedenfalls geht es viel weniger um Nahrung an sich, als man gemeinhin annehmen würde.

Der Tschad hat wie andere Staaten in der Sahelzone jährlich mit Nahrungsmittelknappheit und dadurch bedingter Unterernährung zu kämpfen, was zum Teil sicher mit der geographischen Lage und den klimatischen Bedingungen erklärbar ist. Für 2015 rechnet man mit 300.000 mangelernährten Kindern im Tschad, die medizinische Hilfe benötigen. Aber paradoxerweise gibt es mangelernährte Kinder auch in Gegenden wie der Salamat-Region im Südosten des Landes, wo ich arbeite: Diese stellt als Feuchtsavanne den Brotkorb des Landes dar. Hier gedeihen Sorghum, Mais, Reis, Okra, Tomaten, Bohnen und vieles mehr – und es ist gerade Erntezeit. Die Gegend im Bild unten ist in der Regenzeit komplett überschwemmt:


Frauen während der Erntezeit am Feld in der Nähe von Am Timan (c) Ursula Wagner/MSF

Doch trotz der Nahrungsmittel, die es also gibt, landen mangelernährte Kinder bei uns im Spital und in den Gesundheitszentren.

2014: 4.000 mangelernährte Kleinkinder behandelt

Insgesamt hat Ärzte ohne Grenzen letztes Jahr in der Salamat-Region über 4.000 mangelernährte Babies und Kleinkinder behandelt. Die kleinen PatientInnen werden mit therapeutischer Milch und Fertignahrung namens "plumpy nut" aufgepäppelt.

Erfunden wurde plumpy nut, so geht die Legende, vor bald 20 Jahren von einem Franzosen, der für die Behandlung von unterernährten Kindern mit einer Art Nutella experimentierte. Da diese Paste auf Haselnuss-Basis nicht so gut angenommen wurde, wie man denken möge, nahm er schließlich zwei Ingredienzen, die sich in Afrika großer Verbreitung erfreuen: Erdnüsse und Zucker. Das ganze wird mit Milchpulver zu einer Art Erdnussbutter vermischt, mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert und in kleine luft- und wasserdichte Einheiten verpackt. Diese Paste kann leicht herausgedrückt werden, selbst kleine Kinder kriegen das gut hin. Es muss nicht gekocht oder gekühlt werden, auch geöffnet ist die Paste haltbar. Diese hochkalorische Nahrung für unterernährte Kinder kann zudem ohne weitere Aufbereitung mit Wasser – das ja nicht immer in guter Qualität vorhanden ist – und auch zuhause verabreicht werden. Mit dieser Rezeptur revolutionierte plumpy nut die Behandlung von mangelernährten Kindern. Zwei Millionen Kinder werden jährlich mit plumpy nut versorgt und geheilt.


Eine Mutter verabreicht ihrem Kind plumpy nut im Spital von Am Timan (c) Ursula Wagner/MSF

Auf der Intensiv-Ernährungsstation haben wir PatientInnen mit unterschiedlichen Hintergründen und es sind auch verschiedene Faktoren, die Mangelernährung verursachen. So ist Elise, eine der drei Drillinge, die ich im vorigen Blogbeitrag vorgestellt habe, diese Woche ins Krankenhaus zurückgekehrt. Sie hat die Ziegenmilch, die sie zusätzlich zur Milch ihrer Tante bekam, nicht vertragen und Durchfall bekommen, womit sie stark abgemagert ist. Das kleine Wesen mit den großen Augen hat aber definitiv Lebenslust und verschlingt nun mit großem Appetit die therapeutische Milch, die eine andere Tante der Kleinen füttert. Elise ist mit ihrer Geschichte kein Einzelfall. Oft ist eine andere Erkrankung wie Durchfall, oder in einzelnen Fällen eine unbehandelte HIV-/Tuberkulose-Infektion, die Ursache dafür, dass ein Kind stark an Gewicht verliert.

Viele Faktoren belasten Familien und ihre Kinder

Es gibt aber noch eine Reihe anderer Faktoren, die zu Mangelernährung führen können. So sehen sich Familien manchmal gezwungen, das wenige, was sie dem Boden in mühseliger Handarbeit abringen können, am Markt zu verkaufen, um ihre Schulden für das Saatgut und Güter des täglichen Gebrauchs zu tilgen. So bleibt wenig für den Mittagstisch daheim.

Auch die Mehrfachbelastung der Mütter kann zu Mangelernährung beitragen. In manchen Fällen sind die Mütter extrem jung - denn in der Salamat-Region werden Mädchen am Land meist bereits mit 12 bis 15 Jahren verheiratet und müssen weit weg von ihrer Familie den Haushalt ihres Mannes schupfen. So haben sie oft niemanden, den sie bei Pflege und Ernährung ihrer Kinder um Rat fragen können. Die Kinder kommen zudem aufgrund fehlender Familienplanung sehr knapp nacheinander. Die Vernachlässigung – meist von einem Kind – geschieht dann aus einer Überforderung heraus. Oder die Kinder werden wegen der Arbeit auf den weit entfernten Feldern oft den ganzen Tag bei älteren Geschwistern zu Hause gelassen, die ihnen eventuell das Essen wegessen.

Nicht zu unterschätzen ist die psychologische Komponente - ein Mangel an Zuwendung begünstigt Mangelernährung. Schwer mangelernährte Kinder reagieren apathisch und bekommen damit möglicherweise noch weniger Aufmerksamkeit. Aufgrund der vielen Arbeit auf den Feldern warten die Eltern oft bis zum letzten Moment mit dem Krankenhaus, weil die Begleitperson als Arbeitskraft ausfällt. Denn es ist üblich, dass eine Begleitperson permanent bei der erkrankten Person ist, die Wäsche wäscht und sich zusätzlich zur Spitalskost ums Essen kümmert:


Begleitpersonen beim Wäsche waschen im Spital von Am Timan (c) Ursula Wagner/MSF


Unsere Köchinnen Khadidja und Mariam in der Spitalsküche (c) Ursula Wagner/MSF

Gesundheitsaufklärung für Familienmitglieder

Hier kommt die Arbeit meines Teams ins Spiel. Meine beiden Mitarbeiter im Spital sind hier angestellt, um Basisinformationen über verschiedene Themen, wie etwa Hygiene, zu verbreiten. Eine andere Aufgabe besteht darin, sich Zeit zu nehmen, mit den PatientInnen und Begleitpersonen zu reden und Fragen zu beantworten:


Idriss von unserem Team für Gesundheitsaufklärung erklärt den Begleitpersonen im Krankenhaus die Risiken bei der Geburt (c) Ursula Wagner/MSF

Da die Begleitpersonen 24 Stunden pro Tag - also rund um die Uhr - im Spital sind, stellen sie eine gute Zielgruppe für Gesundheitsbildung dar. Unter unseren PatientInnen sind viele NomadInnen und AnalphabetInnen, daher stellt die Gesundheitsbildung im Spital für sie eine der wenigen Möglichkeiten dar, an Informationen zu Gesundheitsthemen zu gelangen. Sie lauschen und diskutieren daher oft sehr interessiert. Es liegt an mir, diese Informationen inhaltlich und didaktisch zu verbessern und Struktur hinein zu bringen. Da ich Fotos von meiner Arbeit mache, zeige ich einen Folder von Ärzte ohne Grenzen her, um verständlich zu machen, wofür ich meine Aufnahmen verwenden möchte.


Frauen im Spital Am Timan studieren den Folder von Ärzte ohne Grenzen (c) Ursula Wagner/MSF

Auf der Ernährungsstation erklären meine MitarbeiterInnen den Müttern der mangelernährten Kinder die Therapie. Aber auch die Ursachen von Mangelernährung und die richtige und ausgewogene Ernährung nach der Entlassung aus dem Spital sind Themen. So bekommen die Mütter zu hören, dass ein Baby alle paar Stunden etwas zu essen braucht, und auch ein Kleinkind mehr als nur eine Mahlzeit am Tag.

Unsere Psychologin Elisa hat sich gemeinsam mit dem Team auch mit der Förderung der Mutter-Kind-Beziehung und der Stimulation der Kinder mithilfe von Spielen beschäftigt. Dies ist erfahrungsgemäß zentral, um den Appetit der kleinen PatientInnen am Leben zu wecken, daher ist die halbstündige Spieleinheit fixer Bestandteil im Spitalsalltag.


Bisherige Beiträge von Ursula Wagner lesen:

Drillinge in der Stadt der Zwillinge
Kulturelle Identität oder: Die Angst vorm weißen Haus

Dorfgeschichten

Bienvenue à Am Timan
Gedanken am Weg ins Projekt

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