Österreich

Ärzte ohne Grenzen unterstützt psychologische Hilfe für Geflüchtete in Wien

Krieg und Folter hinterlassen tiefe Spuren in den Seelen der Betroffenen. Viele Menschen, die nach Österreich geflüchtet sind, haben Traumatisches erlebt und benötigen dringend professionelle Hilfe. Seit Dezember unterstützt Ärzte ohne Grenzen Österreich Hemayat, ein Betreuungszentrum für Kriegs- und Folterüberlebende in Wien. Dadurch wurde das therapeutische Hilfsangebot für Betroffene deutlich ausgeweitet – die Nachfrage ist nach wie vor groß.

Im Jahr 2016 hat Hemayat insgesamt 1.044 Überlebende von Krieg und Folter aus 53 Ländern psychotherapeutisch, psychologisch und medizinisch betreut. Der Bedarf an professioneller Hilfe für Betroffene wird immer größer. Im ersten Halbjahr 2017 suchten mehr traumatisierte Menschen als je zuvor das Betreuungszentrum auf: Alleine von Jänner bis Mai registrierte der Verein 381 Neuanmeldungen.

Durch die Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen konnte Hemayat sein Hilfsangebot deutlich ausweiten. Seit 2016 wird der Verein mit insgesamt 450.000 Euro auf drei Jahre finanziell unterstützt. Dadurch konnten bereits neue Therapieräume eingerichtet und zusätzliche Betreuungsplätze für Geflüchtete geschaffen werden. Von Jänner bis Mai 2017 leistet Hemayat 53 Prozent mehr therapeutische Betreuungsstunden als im Vorjahreszeitraum. „Ich möchte nicht wissen, wie unsere Wartelisten jetzt ausschauen würden, hätten wir nicht die Möglichkeit gehabt, mehr zu arbeiten. Das ist sicher ein großer Erfolg, der durch diese Kooperation zu Stande kam“,  betont Nora Ramirez Castillo, Psychologin bei Hemayat.

Nach wie vor besteht Handlungsbedarf

Trotz der Erhöhung der Kapazitäten stehen aktuell 478 Menschen auf der Warteliste, darunter 55 Minderjährige. Im Bereich der psychologischen Hilfe für Geflüchtete in Österreich gibt es immer noch große Lücken. Es mangelt an öffentlichen Angeboten und Geldern.  Österreichweit fehlt es an Dolmetschern und Dolmetscherinnen im Gesundheits- und Sozialsystem. Darüber hinaus gibt es Defizite in der psychosozialen Begleitung, vor allem für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Bestehende Organisationen wie Hemayat sind überlastet.

Wie wichtig professionelle  Hilfe für Geflüchtete ist, hat Ärzte ohne Grenzen selbst im Rahmen medizinischer und psychologischer Hilfsprogramme erlebt. Viele Menschen, die in ihrem Herkunftsland oder entlang der Fluchtrouten extreme Gewalt erlebt haben, leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Viele haben Schlafstörungen, Albträume, Flashbacks, Depressionen und  psychosomatische Schmerzen. Werden Betroffene nicht zeitnah behandelt, chronifizieren sich ihre Symptome. Es drohen Langzeitfolgen.

„Ich konnte manchmal drei bis vier Tage nicht schlafen;  am Anfang kam ich zur Therapie und habe dort nur geschlafen! Ich habe mich sicher genug gefühlt, um zu schlafen“ (Aman, 24 Jahre, Iran, Patient bei Hemayat)

Bei Hemayat arbeitet ein erfahrendes Team – bestehend aus Ärzten, Psychologinnen, Psychotherapeuten und Dolmetscherinnen – kontinuierlich daran, die Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und soziale Kompetenz der Patienten und Patientinnen wiederherzustellen. Denn nur so gelingt ein normales Alltagsleben und eine erfolgreiche Integration der Geflüchteten in Österreich.

 „Von den Menschen, vom System kriegst du ständig das Gefühl, dass du nichts bist. Dann kommst du zu Hemayat und plötzlich hast du das Gefühl, dass du ein Mensch bist – am Anfang hat mich das verwirrt.“  (Aman, 24 Jahre, Iran, Patient bei Hemayat)

In den weltweiten Hilfsprogrammen leistet Ärzte ohne Grenzen psychologische Hilfe. Seit Dezember 2016 unterstützt die Organisation Hemayat, um sicherzustellen, dass mehr therapeutische Unterstützung für Geflüchtete in  Österreich angeboten wird. Ein weiteres Anliegen ist es, die Öffentlichkeit für die Bedürfnisse der Betroffenen zu sensibilisieren und die Lücken in der Versorgung zu thematisieren.

Sie wollen mehr über die Arbeit von Hemayat erfahren? Die Psychologin Nora Ramirez Castillo gibt einen Einblick.

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Die Psychologin Dr. Nora Ramirez Castillo arbeitet mit traumatisierten Geflüchteten im Betreuungszentrum Hemayat. Ihr Fazit: Im Bereich der psychosozialen Hilfe besteht weiterhin Handlungsbedarf.

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