D. R. Kongo

"Schwere, aber behandelbare Krankheit" - Neue Strategien gegen Ebola in DR Kongo

UPDATE 19.11.2020: Am 18.11.2020 hat der kongolesische Gesundheitsminister tatsächlich das Ende der elften Ebola-Epidemie verkündet. Wir sind überglücklich und danken allen MitarbeiterInnen, die dazu beigetragen haben.

Während wir hier in Österreich tagtäglich mit den Auswirkungen des Coronavirus konfrontiert sind, plagt die Demokratische Republik Kongo (DRC) neben COVID-19 der erneute Ausbruch einer weiteren Ebola-Epidemie. Nach dem zehnten Ausbruch, der zwischen 2018 und Anfang 2020 den östlichen Teil des Landes traf und zum größten in der Geschichte des Landes wurde, folgt nun der elfte Ausbruch. Diesmal ist die Provinz Équateur im Westen des Landes betroffen. Anders als sein Vorgänger, verläuft dieser Ebola-Ausbruch mit geringerer Intensität, kleineren Clustern und niedrigerer Gesamtmortalität. 

Guyguy Manangama, der die Ebola-Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen leitet, beschreibt in diesem Interview die Situation nach einem Besuch in der Provinz Équateur. Außerdem erklärt er, wie bei dieser Ebola-Reaktion Erfahrungen von früheren Ausbrüchen helfen konnten.  

Wie ist der aktuelle Stand der Ebola-Epidemie in der Provinz Équateur?

Der elfte Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wurde am 1. Juni 2020 ausgerufen. Seitdem sind 130 Menschen krank geworden und 55 sind an der Krankheit gestorben. Die ersten Fälle wurden in der Stadt Mbandaka, dem Verwaltungszentrum von Équateur, gemeldet, bevor kleine Cluster in den periphereren Bezirken auftraten. Seitdem schreitet der Ausbruch nur langsam voran. Obwohl die Situation unter Kontrolle zu sein scheint, zeigt die Erfahrung, dass immer noch neue Cluster auftreten können.

Gleichzeitig beobachten wir im Vergleich zum zehnten Ebola-Ausbruch, der den Osten des Landes zwischen 2018 und 2020 heimgesucht hat, eine signifikant geringere Viruslast und Mortalität. Die Mortalität ist heute mit 43 Prozent immer noch hoch, liegt aber unter den 67 Prozent haben wir während des Ausbruchs in den Provinzen Nord-Kivu und Ituri gesehen.

Eine mögliche Erklärung ist, dass unter den Menschen in der Provinz Équateur eine natürliche Immunität besteht, da in dieser Region bereits Ebola-Ausbrüche aufgetreten sind - zuletzt im Jahr 2018. Es ist dann möglich, dass einige Menschen zuvor eine geringe Exposition gegenüber dem Virus erfahren haben und auf irgendeine Weise immun sind.

Dies ist nur eine Hypothese, die auf Beobachtungen basiert. Zum besseren Verständnis sind weitere Analysen erforderlich. Heute profitieren wir auch von den wissenschaftlichen Fortschritten der letzten Jahre. Außerdem gibt es einen Impfstoff und Behandlungsmöglichkeiten, die sich in klinischen Studien bereits als wirksam erwiesen haben.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen dem zehnten und elften Ausbruch und wie wirken sie sich auf die medizinischen Aktivitäten aus?

Die vorherige Epidemie war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, einschließlich der Tatsache, dass sie in einem Gebiet stattfand, das die Krankheit noch nie zuvor gesehen hatte und obendrein ein Konfliktgebiet war. Der derzeitige Ausbruch ist ganz anders. Wir sehen keine großen städtischen Cluster, sondern sporadische Fälle, die sich nicht linear zu verbreiten scheinen. Ohne große Fernstraßen bewegen sich die Gemeinden beispielsweise auf den gewundenen Wasserstraßen des Gebiets von einem Dorf zum anderen. Infolgedessen sind die Ebola-Fälle über ein weites Gebiet verteilt.

Was ist mit den neuen Instrumenten, die während des letzten Ausbruchs im Osten des Landes entwickelt wurden, wie Impfstoff und Behandlungstherapien? Welche Rolle spielen sie bei der Reaktion auf den aktuellen Ausbruch?

Der Impfstoff wurde zu Beginn des aktuellen Ausbruchs eingesetzt und hat möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Verringerung der Ausbreitung des Virus gespielt. Die Strategie basiert auf der Impfung von Menschen, die direkten oder indirekten Kontakt zu Kranken hatten. In ländlichen und dünn besiedelten Gebieten ist es jedoch häufig zweckmäßiger und wirksamer, die gesamte Gemeinschaft zu impfen, was de facto zu einem höheren Schutzniveau führt. Nach einigen Verzögerungen wurden die neuen Behandlungen auch in Behandlungszentren eingeführt.

Heute ermöglichen diese Instrumente eine radikale Änderung des Ansatzes. Während die Begrenzung der Ausbreitung des Ebola-Virus ein sehr wichtiges Ziel für die Reaktion bleibt, konzentrieren sich die Bemühungen nun zunehmend auf die Patientenversorgung und Genesung.
Bisher konnten wir kaum mehr tun, als die Kranken zu isolieren und sie mit symptomatischen Behandlungen zu versorgen - zum Beispiel gegen Fieber oder Dehydration. Wenn wir Heilbehandlungen zur Verfügung haben, können die Patientin und die Qualität der Versorgung im Mittelpunkt stehen.

Bei der Postexpositionsprophylaxe sind weitere Fortschritte zu verzeichnen. Dies umfasst die Verabreichung von monoklonalen Antikörpern an Personen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu erkranken, nach einer Exposition gegenüber des Virus mit hohem Risiko (z. B. durch Kontakt mit dem Blut eines Patienten). Diese muss allerdings innerhalb von 72 Stunden nach der Exposition erfolgen.

Eine der größten Herausforderungen in Nord-Kivu und Ituri war die Reaktion der Menschen auf die Ankunft der Reaktionsteams. Wie ist die Beziehung zur Gemeinde in der Provinz Équateur?

In der nordöstlichen Demokratischen Republik Kongo arbeiteten wir in einem instabilen Kontext, der von einem sehr gewalttätigen Konflikt geprägt war. Das führte zu politischen Spannungen. In Équateur ist die Umgebung viel ruhiger und unser Ansatz besser. Hier unterstützen wir das lokale Gesundheitsnetzwerk bei der Identifizierung, Isolierung und Behandlung von Ebola-Fällen, wodurch die Notwendigkeit eines parallelen Systems minimiert wird.

Wir haben diesen Ansatz bereits 2019 gefördert und gleichzeitig den vorherigen Ausbruch im Osten bekämpft. Es wurde jetzt von allen an der medizinischen Reaktion Beteiligten, einschließlich des Gesundheitsministeriums, übernommen und hat viele Vorteile. Große Behandlungszentren werden von den Gemeinden weder geschätzt noch leicht akzeptiert. Sie lösen bei einem Teil der lokalen Bevölkerung Unbehagen aus. Das Unverständnis und die Feindseligkeit, die die Zentren in den Jahren 2018 und 2019 hervorriefen, lösten harte, manchmal sehr gewalttätige Reaktionen aus.

Durch die Möglichkeit, in Einrichtungen, die den Gemeinden bekannt sind, näher zu Hause behandelt zu werden, sind Patientinnen und Patienten viel eher bereit, sich bei Symptomen zu melden. Wenn sie tatsächlich mit Ebola infiziert sind, erhöht eine frühzeitige Diagnose auch ihre Heilungschancen. Bei der Entsendung unserer mobilen Teams haben wir neben Ebola auch die allgemeinen Gesundheitsbedürfnisse von Menschen berücksichtigt. Dies hat auch wesentlich zur guten Akzeptanz unserer Teams in den Gemeinden beigetragen.
Dieses tödliche Virus scheint endlich eher eine sehr schwere, aber behandelbare Krankheit zu sein - und in gewissem Maße sogar eine durch Impfung vermeidbare - als eine biologische Bedrohung.
 

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