Sierra Leone

Ebola: „Sierra Leone wird noch lange Hilfe brauchen“

Der Ebola-Einsatz ist noch nicht vorbei. Doch auch nach dieser Epidemie wird Sierra Leone dringend Hilfe benötigen, um das zerstörte Gesundheitssystem aufzubauen. Wenn das nicht geschieht, werden viele Menschen an vermeidbaren Krankheiten leiden und auch sterben, warnt der österreichische Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen, Marcus Bachmann, nach seiner Rückkehr aus Sierra Leone.

Ist die Ebola-Epidemie im Abklingen? Was muss danach passieren?

Marcus Bachmann

In Sierra Leone gibt es nach wie vor jede Woche viele Neuerkrankungen und Tote. Es ist also noch nicht vorbei. Der Höhepunkt der Epidemie war zwar im November, doch das Ende ist auch jetzt nicht in Sicht. Was jedoch absehbar ist, sind die Konsequenzen, die dieser Ausbruch auf die Gesellschaft und das Gesundheitssystem hat: Allein in Sierra Leone sind rund 300 Beschäftigte im Gesundheitssystem – Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen, und so weiter – an Ebola erkrankt. Davon sind 221 gestorben. Man muss sich das nur in Österreich vorstellen: Wie würde die Gesellschaft darauf reagieren? Das ist ein enormer Schock.

Ein Problem ist, dass viele Menschen das Vertrauen in das Gesundheitssystem verloren haben. Sehr häufig waren medizinische Einrichtungen Orte der Ansteckung. Deshalb zögern jetzt viele Menschen in Krankenhäuser zu gehen, selbst wenn diese wieder offen sind. Wie viele Personen dadurch an anderen Krankheiten sterben können wir derzeit noch gar nicht abschätzen.

Was ist nötig, um das Gesundheitssystem wieder aufzubauen?

Derzeit ist es noch zu früh, um die mittelfristigen Auswirkungen genau zu verstehen. Fest steht aber, dass die Basisgesundheitsversorgung gestärkt werden muss. Um neben der Hilfe für Ebola-Patienten auch die Behandlung von anderen Krankheiten wieder in Gang zu bringen, ist zunächst eine sehr effiziente „Triage“ notwendig; so nennt man die Voruntersuchung  von Patienten, die in ein Gesundheitszentrum kommen. Sie müssen zuallererst auf eine mögliche Ebola-Infektion untersucht werden. Es gibt zwar Bemühungen, das einheimische Personal entsprechend zu schulen und auszurüsten. Doch nur in einem kleinen Teil der Gesundheitseinrichtungen funktioniert das derzeit.

Die Ausgangslage von Sierra Leone ist denkbar schlecht: Bereits vor der Ebola-Epidemie war die Müttersterblichkeit eine der höchsten der Welt, ebenso die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren. Wenn in den kommenden Jahren nicht vehement und gut koordiniert in das Gesundheitssystem investiert wird, könnten mehr Menschen an „normalen“ Krankheiten sterben als an Ebola. Viele qualifizierte Fachkräfte sind ja gestorben, deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass Sierra Leone in den kommenden Jahren ohne internationale Unterstützung auskommen wird.

Welche Auswirkung hat die Epidemie auf die Bevölkerung?

Ich möchte das mit einem Bild veranschaulichen. Am Weihnachtsabend bin ich durch die Hauptstadt zurück ins Büro gefahren. Freetown war völlig leer – eine leer gefegte afrikanische Großstadt! Dadurch wurde für mich greifbar, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Man muss sich das nur vorstellen: Seit Juni 2014 gibt es keinen Unterricht mehr, die Wirtschaftsleistung ist um mindestens 30 bis 40 Prozent eingebrochen, und die Bevölkerung ist in einem Schockzustand. Es ist wie nach einem Krieg, es herrscht eine sehr depressive Grundstimmung. Es gibt in Freetown fast niemanden, der nicht einen Verwandten oder Bekannten verloren hat. Die Menschen haben das noch nicht verarbeitet. Erstmals sind wir auch mit den Langzeitfolgen einer Ebola-Erkrankung konfrontiert: In Sierra Leone haben mehr als 3.000 Menschen Ebola überlebt. Viele leiden als Folge der Infektion unter gesundheitlichen Problemen. All diese Patienten müssen jetzt begleitet und weiter unterstützt werden.

Was war die größte persönliche Herausforderung?

Das Ausmaß menschlichen Leidens und Sterbens ist erschütternd. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Ich habe einmal in einem Flüchtlingslager im Südsudan einen Hepatitis-E-Ausbruch erlebt, und es war für mich unerträglich, dass von den Schwangeren, die infiziert waren, jede sechste starb. In unseren Ebola-Behandlungszentren in Sierra Leone stirbt jeder zweite Patient. Und das betrachten wir bereits als einen Erfolg; anfangs lag die Sterblichkeitsrate bei 70 Prozent! Die Bilder der leidenden Patienten kriegt man schwer aus dem Kopf; sie werden mich noch lange begleiten.

Welche Lehren sollte man aus dieser Epidemie ziehen?

Wir verstehen erst langsam, was genau passiert ist. Man muss aber ganz klar sagen, dass eine vehemente, koordinierte Reaktion der internationalen Gemeinschaft die Dimension dieses Ausbruchs wahrscheinlich verringert hätte. Es war ein großes Versagen, das zu unterschätzen. Die Welt ändert sich; die Menschen werden immer mobiler, auch über Grenzen hinweg. Dadurch werden sich Krankheiten in Zukunft möglicherweise noch schneller ausbreiten können. Umso wichtiger ist es, dass man sie rasch erkennt und gleich am Anfang vehement bekämpft. Was positiv ist, ist dass man durch diesen Ausbruch viel mehr über Ebola weiß. Es werden neue Medikamente und Impfstoffe getestet. Ich hoffe, diese können dazu beitragen, dass ein Ebola-Ausbruch in Zukunft nie wieder diese Dimension erreicht.

Lesen Sie persönliche Berichte österreichischer MitarbeiterInnen über ihre Ebola-Einsätze in Westafrika:

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