Italien

Ein Friedhof aus Wasser

Dr. Federica Zamatto ist die medizinische Koordintorin für Flüchtlingsprojekte von Ärzte ohne Grenzen. Sie berichtet von ihrem Rettungseinsatz am 25. Oktober.

Leichensäcke reihen sich an Bord der Bourbon Argos traurig aneinander. Unser Team hat 29 Tote geborgen, die durch ein Gemisch aus Salzwasser und Benzin gestorben sind. Sie fanden die Leichen, nachdem sie 107 Menschen aus einem überfüllten Schlauchboot gerettet hatten. Sie lagen am Boden, bedeckt von der tödlichen Flüssigkeit. Aufgrund der schwierigen und riskanten Bedingungen dauerte es drei Stunden, um alle Leichen zu bergen.

Aus demselben Boot wurden 23 Menschen mit schweren Verätzungen gerettet. Wenn man einmal Menschen mit diesen Verätzungen durch Benzin und Salzwasser gesehen hat, vergisst man das nie wieder. Wenn Flüchtlinge auf überfüllten Booten reisen, saugen sich bei jenen, die in der Mitte der Boote sitzen, die Füße, Beine und der Genitalbereich mit diesem furchtbaren Flüssigkeitsgemisch voll, wodurch ihre Haut langsam verbrennt. Zwei Menschen hatten so schwere Verätzungen, dass sie per Hubschrauber nach Italien evakuiert werden mussten, weitere fünf per Schnellboot, einschließlich einem, den unser Arzt an Bord der Bourbon Argos intubieren musste.

Furchtbare Tage auf See

Die letzten Tage auf See waren furchtbar. Rettungsteams waren ständig unterwegs, um Boote aus Seenot zu retten. Ärzte ohne Grenzen ist nun seit vielen Monaten gemeinsam mit anderen NGOs auf hoher See und hat tausende Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Trotz aller Einsätze sind über 3.900 Menschen in diesem Jahr auf hoher See verstorben.

Mich verfolgen diese Bilder der toten Menschen auf hoher See. Leichen mit schweren von Salzwasser durchtränkten Kleidern, Wasser in ihren Mündern. Wasser, das ihre Körper anschwellen ließ und das aus ihrem Gesicht den schmerzverzerrten Ausdruck verdrängte. Niemand, der da war in den letzten Sekunden ihres Lebens, um ihre Hand zu halten. Niemand, der ihre Gesichter nach dem Tod gestreichelt hat. Keine Verwandten, die sie begraben. Das Meer ist ein Friedhof aus Wasser geworden, aber nur wenige scheint das zu kümmern.

Kaum Worte für ein komplexes Phänomen

Auch nach Jahren fehlt uns noch eine gute Formulierung, um das komplexe Phänomen der „boat people“ (Bootsflüchtlinge) zu beschreiben. Nach wie vor gelingt es uns nicht wirklich, das tägliche Leiden im Mittelmeer sichtbar zu machen. Was wir hören, ist ein Teufelskreis aus populistischen Reden, Angst vor dem Anderen, Furcht vor einer Inversion und Aufrufen zur Schaffung von sicheren und legalen Wegen. All das führt zu nichts. Es scheint so, als ob das einzige, das unseren Politikern einfällt, der Bau von Zäunen, strengere Grenzkontrollen, Abschiebungen und Abkommen mit Drittländern sind, um die Schutzsuchenden von uns fernzuhalten.

In der Zwischenzeit wiederholen sich die Tragödien seit Jahren fast täglich, ohne Unterbrechung. Ich habe vor zehn Jahren für Ärzte ohne Grenzen in Lampedusa zu arbeiten begonnen. Wir waren damals zu dritt: ein Koordinator, eine Krankenschwester und ich. Tag und Nacht waren wir in Bereitschaft, um ankommende Bootsflüchtlinge zu betreuen. Wir haben Stunden, auch oft nachts, damit verbracht, den Horizont nach Schutzsuchenden abzusuchen.

Namenlose, die nicht vergessen werden

Seit diesen Monaten in Lampedusa habe ich immer wieder die Augen dieser Menschen vor mir, verlorene und verzweifelte Augen, die sich aufhellten, wenn die Menschen einen Fuß auf das Festland setzten, ihnen jemand half und sie willkommen hieß. Ich erinnere mich an die schwangeren Frauen, die unter Unterkühlung und Verätzungen litten, ihre Schwangerschaften oft Folge von Vergewaltigungen. Ich erinnere mich an die Menschlichkeit in den Gesten der Helfer und an die Verwirrung der Flüchtlinge, wie sie zitternd nebeneinander am Steg saßen und auf den Weitertransport zum Aufnahmelager warteten.

Ich denke an den Friedhof von Lampedusa, wo namenlose Leichen liegen, Menschen, die ihr Leben in einem der unsicheren Boote riskiert und dabei alles verloren haben. Auch auf diese im Mittelmeer Verstorbenen wartet, wie bei den namenlosen Opfern jedes Krieges, irgendwo in der Welt jemand, der auf ein Lebenszeichen, einen Anruf hofft. Aber es herrscht einfach nur Stille. Und diese Stille verfolgt mich.

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