Libyen

Interview: „Wir sehen Spuren schlimmster Formen von Gewalt”

Von Mai bis August war Marina Castellano die Leiterin des medizinischen Teams auf unserem Rettungsschiff Prudence. Ihr Team, bestehend aus einer Ärztin, einer Krankenpflegerin, einer Hebamme, einer Psychologin und ihr selbst, hat Hunderte Gerettete betreut. Im Interview erklärt sie, welche gesundheitlichen Probleme ihre Patienten nach Monaten in Libyen und Stunden auf einem überfüllten Boot haben, warum die Mischung von Meerwasser und Benzin so gefährlich ist und warum die Zeit auf der Prudence ihr emotional schwierigster Einsatz in 14 Jahren humanitärer Hilfe war.

Du hast Menschen in Kriegsgebieten in Afghanistan oder Libyen betreut. Die Arbeit auf einem Rettungsschiff unterscheidet sich noch einmal stark davon. Was waren die größten medizinischen Probleme an Bord?

Direkt nach der Rettung sind sehr viele Menschen dehydriert. Sie sind erschöpft, nachdem sie stundenlang in der Sonne auf einem überfüllten Boot unterwegs waren, ohne oder mit wenig Trinkwasser. Das ist besonders gefährlich für Kinder. Wenn sie an Bord kommen, werden sie sofort von unserer Hebamme untersucht. Andere häufige Beschwerden, die wir bei der Untersuchung an Deck feststellen, sind Fieber, körperliche Schmerzen und Atemwegsinfekte.

Noch gefährlicher sind Verätzungen. Wenn die Motoren der Gummiboote neu betankt werden, gerät immer ein wenig Benzin ins Boot. Mit der Zeit bildet sich eine bis zu 20 Zentimeter tiefe Pfütze mit Meerwasser und Benzin in der Mitte des Bootes, wo die Menschen eng zusammen sitzen. Die Mischung aus Benzin und Salzwasser ist giftig und führt zu Verätzungen. Wir sehen viele starke Verätzungen an Gesäßen oder Beinen, je nachdem, wo und wie der Patient im Boot gesessen hat. Manchmal fällt auch jemand in das Gemisch und schafft es nicht mehr hoch, weil die Boote so überfüllt sind. Diese Patienten erleiden starke Verätzungen und können sogar ersticken, wenn sie Wasser schlucken. Das ist sehr gefährlich. Vor kurzem hatten wir eine bewusstlose Frau, die fast in einer Situation erstickt wäre. Wir starteten sofort Wiederbelebungsmaßnahmen. Wir mussten sie mit unserem Handbeatmungsbeutel mit Sauerstoff versorgen. Die ganze Nacht durch, etwa zwölf stundenlang, wurde sie von unserem Team per Hand beatmet, bis sie am nächsten Morgen von der italienischen Küstenwache ins nächste Krankenhaus gebracht wurde. Das Krankenhausteam kämpfte um ihr Leben, aber leider starb sie nach 10 Tagen.

Zwei Frauen in einem weiteren Boot, die ebenso in das giftige Gemisch innerhalb des Bootes gefallen waren, waren schon tot, als unser Schiff zur Rettung kam.

Du siehst nicht nur die Folgen der gefährlichen Überfahrt, sondern auch jene der Gewalt in Libyen. Wie sehen die aus?

Wir sehen Spuren der schlimmsten Formen von Gewalt. Wir sehen Narben von Platzwunden und Schlägen, Verbrennungen durch Zigaretten, gebrochene Handgelenke, Füße und Unterschenkelknochen sowie verstümmelte Hände. Viele unserer Patienten sind Überlebende von Folter und sexueller Gewalt, Frauen genauso wie Männer. Die Frauen sind oft schwanger, nachdem sie vergewaltigt wurden. Nach unserem letzten Rettungseinsatz hatten wir fünf Neugeborene im Alter von höchstens einem Monat an Bord, zwei davon waren erst sieben Tage alt. Alle fünf Frauen mussten ihre Kinder in Internierungslagern in Libyen zur Welt bringen, ohne jegliche medizinische Hilfe.

Das alles passiert in Libyen. Es ist ein furchtbarer Ort. In den 14 Jahren, in denen ich in Konfliktgebieten gearbeitet habe, habe ich eine Menge gesehen. Aber die Geschichten, die mir die Menschen auf dem Schiff erzählen, sind grauenvoll. Das Böse hat dort scheinbar keine Grenzen. Einmal haben wir ein Ehepaar aus Nigeria gerettet. Er war gefoltert worden. Sie war vor den Augen ihres Mannes vergewaltigt worden und ihr zwei Jahre altes Kind wurde neben ihnen ermordet.

Gibt es einen Patienten, an den du dich besonders erinnerst?

Im Juni habe ich einen 18-jährigen Jungen aus Nigeria getroffen. Als ich die Menschen an Deck untersuchte, sah ich ihn alleine dasitzen. Er hatte Narben an beiden Handgelenken und Füßen von zu eng angelegten Handschellen. Ich fragte nur: „Wo ist das passiert?“, auch wenn ich schon wusste, wo er misshandelt worden war. Er sagte: „In Libyen.“ Ich wollte nicht weiter fragen, aber bot ihm an, zu uns in die Klinik zu kommen und sich behandeln zu lassen. Wir zwingen keinen, über das zu reden, was passiert ist. Oftmals fangen sie von alleine an, zu reden. Manchmal versteht man sich mit nur wenigen Worten.

Später am Tag kam er zu uns und erzählte seine Geschichte: Er war nach Libyen gekommen, um Arbeit zu finden. Dort wurde er gefangen genommen und mehrere Monate in einem Internierungslager festgehalten. Seine Kidnapper wollten Geld von seiner Familie in Nigeria, aber sie hatte keins. Er wurde gefoltert, vergewaltigt und mit Metallstangen geschlagen. Ich fand Verbrennungen durch Zigaretten, die überall auf seiner Brust und seinen Schultern ausgedrückt worden waren. Ich fand Narben von Schlägen auf seinem Rücken und seinem Bauch. Er war stark depressiv. Wenn ich Patienten in die Augen sehe, die so viel durchgemacht haben, dann ist es oft so, als hätte jemand das ganze Leben aus ihnen gesaugt. Es ist, als wenn sie keine Freude mehr spüren könnten.

Was könnt ihr neben der medizinischen Hilfe für diese Patienten tun?

Wir stellen ihnen medizinische Gutachten aus und überweisen sie den Behörden und Organisationen in Italien, die sich um den Schutz von Überlebenden von Folter und sexueller Gewalt kümmern. Bei unserer letzten Rettungsaktion hatten wir sieben Frauen an Bord, die vergewaltigt worden waren und fünf Überlebende von Folter. Ich bin sicher, es waren noch viel mehr, aber in der kurzen Zeit, in der sie an Bord sind, sind alle sehr beschäftigt und wir können nicht alle von ihnen ausfindig machen. Dafür braucht es Zeit und Vertrauen.

Den Jungen aus Nigeria, von dem ich erzählt habe, habe ich wiedergetroffen, kurz bevor er von Bord ging. Ich sagte ihm: „Jetzt beginnt ein neues Leben für dich.“ Er antwortete: „Danke!“ Aber ich hatte das Gefühl, dass er mir nicht danken sollte. Im Vergleich dazu, was er durchgemacht hat, haben wir nichts für ihn getan. Unsere Hilfe für diese Menschen kann niemals ausreichend sein.

Du lernst diese Menschen sehr gut kennen, aber du siehst sie nur für die zwei oder drei Tage, in denen das Schiff nach Italien fährt. Dann geht es wieder zur nächsten Rettungsaktion. Wie kommst du damit klar?

Es ist schwer. Ich kann mich nicht an jeden erinnern, aber manche bleiben mir im Gedächtnis. Ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es daran, wie sie mich angesehen haben oder wie sie sich bewegt haben… Manchmal denke ich an sie und frage mich: Wie geht es ihnen jetzt? Ist ihr Leben jetzt besser? Ich wünsche ihnen wirklich das Beste.

Jede Geschichte ist anders. Alle Geschichten werden mich für immer begleiten. Aber ich kann nicht die ganze Zeit an sie denken. Sonst würde ich verrückt werden.

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