Österreich

Jahresbilanz 2018: Ärzte ohne Grenzen fordert mehr Hilfe in vernachlässigten Krisen

Bei der Präsentation des Jahresberichts 2018 von Ärzte ohne Grenzen Österreich hat Geschäftsführerin Laura Leyser auf Krisen aufmerksam gemacht, die es kaum in die Schlagzeilen schaffen. Neben der Situation in Ländern wie dem Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo und der Region Tschadsee stehen dabei auch weltweite medizinische Krisen wie die Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche im Rampenlicht. Im Rahmen der Pressekonferenz wurde auch die neue Kampagne präsentiert und auf ein Jubiläum hingewiesen: Die österreichische Sektion von Ärzte ohne Grenzen wurde vor 25 Jahren gegründet. 
 
Die medizinische Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen Österreich hat heute in Wien ihren Jahresbericht 2018 vorgelegt. Laura Leyser, seit einem halben Jahr Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, zieht eine positive Bilanz: Über das Wiener Büro leisteten im Vorjahr 162 Einsatzkräfte aus verschiedenen medizinischen und nichtmedizinischen Bereichen in 43 Ländern Nothilfe im Umfang von insgesamt 787 Monaten. „Es sind die Einsatzkräfte aus Österreich und Zentraleuropa, die gemeinsam mit den lokalen Kolleginnen und Kollegen den Unterschied vor Ort machen. Daher ist es besonders erfreulich, dass wir die Gesamteinsatzzeit sogar gegenüber dem letztjährigen Rekord steigern konnten“, sagt Leyser.  
 
Die Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen nutzte die Jahrespressekonferenz aber vor allem für einen dringenden Appell an die Medien, bei vernachlässigten Krisen genauer hinzusehen. „Es gehört zu unseren Stärken, dass wir in Notfällen rasch reagieren“, sagt Leyser. Das hat sich kürzlich einmal mehr in Mosambik gezeigt, wo Ärzte ohne Grenzen im März nach dem Zyklon Idai binnen weniger Tage hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie hunderte Tonnen an Hilfsgütern in die betroffenen Regionen gebracht hat. „Unsere Einsatzkräfte sind aber nicht nur in Notfällen vor Ort. Oft kommen wir als einzige Hilfsorganisation in Länder, in denen die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist. Gerade in diesen vernachlässigten Krisen sind die Betroffenen auf unsere Hilfe angewiesen.“ 
 
Etwa in der Demokratischen Republik Kongo, wo tausende Menschen immer wieder durch Konflikte vertrieben werden und es seit einem Jahr nicht gelingt, den größten Ebola-Ausbruch des Landes in den Griff zu bekommen, oder in der Region rund um den Tschadsee, wo mehr als zwei Millionen Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen leben. Auch im Südsudan sind aufgrund der Gewalt rund zwei Millionen Menschen im Land vertrieben und dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Leyser: „Eine weitere vernachlässigte Krise, die unsere Teams weltweit sehr beschäftigt, sind die Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche. Jährlich sterben mehr als 22.800 Frauen und Mädchen daran. Es ist einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit weltweit. Allein 2018 haben unsere Teams über 23.000 Frauen nach den Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche behandelt.“ 
 

Größte Einzelfinanzierung aus Österreich: Hilfe im Südsudan 

Insgesamt spendeten Privatpersonen und Unternehmen aus Österreich mehr als 23 Millionen Euro für die Nothilfe von Ärzte ohne Grenzen. Mit den Spenden wurden 44 Einsätze in 30 Ländern unterstützt. 70 Prozent der finanzierten Hilfseinsätze standen in unmittelbarem Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, 18 Prozent mit Epidemien und 12 Prozent mit fehlender medizinischer Versorgung. Die größte Einzelfinanzierung aus Österreich 2018 erfolgte für die Krise im Südsudan: Der Einsatz von Ärzte ohne Grenzen wurde hier mit 1,5 Millionen Euro aus Österreich unterstützt. Weiteren je 1,3 Millionen Euro gingen an die Einsätze in der Demokratischen Republik Kongo sowie in Kamerun. „Die Hilfe im Südsudan und in unseren anderen Einsatzgebieten ist nur möglich, weil uns weltweit und auch in Österreich unzählige Menschen unterstützen – indem sie für uns als Einsatzkraft vor Ort helfen, oder indem sie uns mit Spenden unterstützen“, sagt Leyser.  
 

„Dem Projektil ist es egal wen es durchbohrt. Uns auch – wir retten.“ 

Gemeinsam präsentierten Laura Leyser und die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, Margaratha Maleh, im Rahmen der Pressekonferenz auch die neue Kampagne von Ärzte ohne Grenzen Österreich, die das Selbstverständnis der Hilfsorganisation erklärt: „Dem Projektil ist es egal wen es durchbohrt. Uns auch – wir retten“, lautet einer der Slogans. Maleh erläutert die Botschaft: „Uns ist egal, wer in Not ist. Aber die Not selbst, das Leid, ist uns nicht egal. Wir arbeiten gemäß den Prinzipien Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität. Das bedeutet auch, dass es keine guten oder schlechten Opfer gibt. Jeder Mensch in akuter Not hat ein Recht auf Hilfe, ungeachtet seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts oder politischen und religiösen Überzeugungen. Dabei ist der Grad der Not ausschlaggebend.“ 
 
Ärzte ohne Grenzen stellt mit Hilfe dieser Kampagne die Identität als medizinisch-humanitäre Nothilfeorganisation einmal mehr in den Mittelpunkt. Maleh: „Die Arbeit der Teams von Ärzte ohne Grenzen macht oft tatsächlich den Unterschied zwischen Leben und Tod aus.“ 
 
Die Präsidentin nutzte die Gelegenheit, sich zu bedanken: „Hier in Wien feiern wir heuer ein kleines Jubiläum: Vor 25 Jahren, im Juni 1994, gründete der Arzt Clemens Vlasich die österreichische Sektion von Ärzte ohne Grenzen – mit einer Handvoll Gleichgesinnter. Seither sind wir gewachsen und wir haben unseren Einsatz für Menschen in Not zunehmend ausgebaut. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Einsatzkräften bedanken, die über das Wiener Büro auf Einsatz waren. Mein besonderer Dank gilt auch den Spenderinnen und Spendern aus Österreich. Nur durch ihre Unterstützung können wir jährlich Millionen Patientinnen und Patienten helfen.“ 
 

 

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