Japan

Japan: Ärzte ohne Grenzen setzt psychologische Hilfe für Erdbeben- und Tsunamiopfer fort

Zwei Monate nach dem schweren Erdbeben und den Tsunamis im Nordosten Japans setzt das Team japanischer Psychologen von Ärzte ohne Grenzen seine Arbeit mit den Überlebenden fort.

Ärzte ohne Grenzen hat unter anderem eine temporäre Unterkunft für 30 Personen in Baba-Nakayama, Minami-Sanriku, in der Miyagi Präfektur geplant und errichtet. Die Unterkunft wurde am 04. Mai fertig gestellt und sie dient dazu, das überfüllte Evakuierungszentrum der Stadt zu entlasten. Außerdem können Infektionen unter Kontrolle gehalten und die Gefahr von Stressbedingten psychischen Erkrankungen bei den evakuierten Menschen reduziert werden.

Während der Planungsphase gab es viele Evakuierte, die den Wunsch äußerten, an der Konstruktion der Unterkunft beteiligt zu sein. Das führte dazu, dass die Anlage von einem Team von Ortsansässigen vor Ende der Baufrist fertig gestellt werden konnte. Um die Arbeiter zu unterstützen wurden sie mit Sicherheitsausrüstung ausgestattet und von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen angeleitet und betreut.

„Die Atmosphäre auf der Baustelle war sehr positiv, die Arbeiter lachten viel. Viele von ihnen hatten wochenlang in Zelten, Autos oder halbzerstörten Häusern gelebt, weil die Evakuierungszentren völlig überfüllt waren“, erzählt Yozo Kawabe, der für dieses Projekt verantwortliche Logistiker von Ärzte ohne Grenzen. „Sie waren sehr glücklich darüber, dass sie sich auch praktisch an den Bauarbeiten beteiligen konnten. Damit wirkte der ganze Prozess auch therapeutisch, denn die Überlebenden der schrecklichen Katastrophe konnten zusammen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Sie erhielten damit auch wieder eine Art Selbstbestimmtheit zurück.“

Besonders verwundbare Menschen im Fokus

Auf Anfrage der medizinischen Behörden sind auch drei Ärzte von Ärzte ohne Grenzen weiterhin in lokalen Kliniken in der Gegend tätig. Nachdem sich die lokale medizinische Infrastruktur stabilisiert, richtet Ärzte ohne Grenzen jedoch sein Hauptaugenmerk auf die psychologische Unterstützung von sehr verwundbaren Überlebenden der Katastrophe, darunter ältere Menschen, alleinerziehende Eltern und Menschen mit physischen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen.

Ein Team bestehend aus sechs nationalen Psychologen und Psychologinnen leistet außerdem Aufklärungsarbeit in einem der Evakuierungszentren in Minami Sanriku, um den Überlebenden im Zentrum dabei zu helfen, Personen zu identifizieren, die psychologische Unterstützung und individuelle Behandlung benötigen. Ein Stand bietet Informationen über Mechanismen mit Stress umzugehen, psychische Probleme zu erkennen und wo man weitere Hilfe bekommt, sowie spezielle Informationen für Eltern und Personen, die sich um ältere Menschen kümmern.

Ärzte ohne Grenzen hat ein Café in der Bayside Arena Klinik in Minami Sanriku eingerichtet, wo die Evakuierten in einer weniger förmlichen und sozialeren Umgebung in Kontakt mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen treten können. Das Café bietet die Möglichkeit die Bevölkerung besser kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und sensible Fälle zu identifizieren, die therapeutische Behandlung brauchen.

Schwieriger Neuanfang

„Die meisten Menschen haben durch die Katastrophe alles verloren, auch ihre Familie, Kollegen und Freunde, und es ist schwierig für sie, an die Zukunft zu denken“, sagt Ha Young Lee, eine koreanische Psychologin, die bereits nach dem Tsunami in Banda Aceh 2005 für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz war und nordkoreanische Flüchtlinge in Seoul betreut hat. Viele der Evakuierten sind deprimiert und fühlen sich hilflos, viele durchleben einen Trauerprozess, während sie versuchen mit den körperlich schwierigen Lebensbedingungen zurecht zu kommen.“

Der erste Schock nach der Katastrophe vergeht langsam, die Familien müssen nun weiter machen und sich mit Umsiedelung und finanziellen Herausforderungen auseinandersetzen. Das übt weiteren Druck auf ihren psychischen Zustand aus. „Der Bedarf an psychologischer Hilfe wird in den nächsten Monaten weiter steigen, wenn die Überlebenden sich den Herausforderungen ein neues Leben aufzubauen stellen müssen. Sie sind bereits verwundbar und emotional schwer traumatisiert, sodass stressende Situationen - etwa im Zusammenhang mit Umsiedelung - wahrscheinlich noch schwerwiegendere psychische Probleme auslösen können, die behandelt werden müssen“, ergänzt Ha Young.

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