Lager auf den griechischen Inseln müssen dringend evakuiert werden

14.12.2020
MSF response to Moria Fire
Enri CANAJ/Magnum
GREECE. Lesbos, 12 September 2020. Mother with her baby under the shade of a tree tried to feed it.

Die Situation in den Geflüchtetenlagern auf den griechischen Inseln ist nach wie vor katastrophal. Allein auf der Insel Samos leben fast 3.700 Menschen in einem Lager, das eigentlich für knapp 650 ausgerichtet ist. Ähnlich wie in Kara Tepe, dem Camp, das nach dem Brand in Moria auf der Insel Lesbos errichtet wurde, sind die Bedingungen dort alarmierend: Unsere Teams vor Ort mussten hier sogar eine Tetanus-Impfkampagne durchführen, da immer mehr Kinder von Ratten gebissen wurden. Angesichts des herannahenden Winters muss die Evakuierung der besonders Schutzbedürftigen das Gebot der Stunde sein. 

„Seit Jahren weist Ärzte ohne Grenzen auf die katastrophale Situation auf den griechischen Inseln hin. Moria war die Hölle für die dort festgehaltenen Menschen. Das neue Lager Kara Tepe ist um nichts besser, im Gegenteil. Auch im Lager Vathy auf der Insel Samos herrschen die gleichen unmenschlichen Zustände“, betont Laura Leyser, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. „Ich war vor einiger Zeit selbst vor Ort auf Samos und schockiert von dem, was ich gesehen habe. Es ist selbst für mich unglaublich, dass sich die Situation weiter verschlechtert hat. Auf Samos haben unsere Teams jetzt eine Tetanus-Impfkampagne durchführen müssen. Das war eine direkte Reaktion nachdem unsere Teams hier Babys nach Rattenbissen versorgen mussten.“ Die Impfkampagne hat fünf Tage gedauert, allein am ersten Tag wurden 690 Menschen gegen Tetanus geimpft. 

Ein europäisches Totalversagen

Laura Leyser weiter: „Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass wir von einem Flüchtlingslager in der Europäischen Union sprechen. Üblicherweise setzen wir Tetanus-Impfkampagnen nur in Regionen um, wo das Gesundheitssystem absolut versagt oder Bevölkerungsgruppen komplett vernachlässigt – aber auf europäischem Boden ist das ein Zeichen des Totalversagens.“ 

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachten nicht nur, wie sich die Lebensbedingungen mit den fallenden Temperaturen weiter verschlechtern sondern auch, dass sich die psychische Gesundheit der Menschen in den Lagern auf beiden Inseln zunehmend verschlechtert und es bei vielen Patient:innen, auch Kindern, zu einer Re-Traumatisierung kommt.  

Zwischen Ratten und Schlangen

Eine der Patientinnen von Ärzte ohne Grenzen auf Samos, eine 52-jährige Frau aus Syrien, berichtet, dass sie vor dem Krieg in Syrien geflohen ist, nachdem ihr Haus von einer Bombe getroffen wurde und dabei eine ihrer Töchter und deren Mann ums Leben kam. Seit über einem Jahr lebt sie jetzt mit dem Rest ihrer Familie im Lager Vathy auf Samos. „Mein Sohn ist elf Jahre alt und er hat die ganze Zeit nur mehr Angst. Er wird dadurch immer gestresster und auch aggressiver und möchte nach Hause. Er hat auch schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Dieses Lager ist kein Platz für Kinder. Eigentlich ist es für niemanden ein geeigneter Ort.“ 

 

MSF/Faris Al-Jawad
Diese Patientin und ihre Familie mussten ihr gutes Leben zurücklassen und fliehen. Jetzt teilen sie ihr Zelt mit Ratten und Schlangen.

Die Patientin selbst leidet unter Asthma, ihr Mann hat Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Probleme. Sie haben Angst, sich auch noch mit COVID-19 anzustecken. Die Lebensbedingungen im Lager bieten ihnen kaum Möglichkeit, sich zu schützen. Sie berichtet von Ratten, Schmutz, unzureichendem Essen. „Wir sind wegen des Krieges von unserem Zuhause geflohen und hatten die Hoffnung, dass wir in Europa ein neues Leben aufbauen können. Jetzt sind wir hier und es ist einfach nur schockierend. Wir leben in einem Zelt mit Ratten und Schlangen. Wir sind eigentlich eine gut gebildete Familie. Mein Mann und ich waren Volkschullehrer in Syrien. Ich wünsche mir eine bessere Zukunft für meine Kinder, eine wo sie in Sicherheit sind und sie auch zur Schule gehen können.“ 

Evakuierung jetzt!

Der Winter im Freien wird für viele Menschen weitere schwere gesundheitliche und psychische Folgen haben, warnt Ärzte ohne Grenzen. Es ist dringend notwendig, dass die politisch Verantwortlichen nicht länger zusehen, sondern eingreifen und sicherstellen, dass die Grundrechte der Betroffenen gewahrt werden.  

„Wir alle haben die Bilder der überfluteten Zelte gesehen, der Kinder, die im Schlamm ausharren. Sie zeigen, wie dramatisch die Lage ist, und warum jetzt gehandelt werden muss“, sagt Geschäftsführerin Laura Leyser. „Das Gebot der Stunde ist die umgehende Evakuierung der Menschen von den griechischen Inseln, und daran sollte sich auch Österreich beteiligen. Dies ist auch aus medizinischer Sicht eine Priorität, da die Menschen dort derzeit nicht adäquat medizinisch versorgt werden können. Den Vortritt sollten Kranke, Risiko-Patient:innen, Familien mit kleinen Kindern und Alte haben, die unter den schlechten Bedingungen besonders zu leiden haben und besonders gefährdet sind. Asylsuchende als Teil der europäischen Abschreckungspolitik unter solchen Bedingungen leben zu lassen, war schon bislang verantwortungslos, mit dem nahenden Winter spitzt sich die Situation erneut dramatisch zu.“ 

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