“Niemand ist hier sicher vor Gewalt“

Inguschetien ist eine kleine russiche Republik im Nordkaukasus. Dort leben immer noch 18.000 Vertriebene, die während des Krieges aus Tschetschenien geflohen sind. Inguschetien ist heute eine der gewalttätigsten Regionen der Russischen Förderation. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2009 wurden 70 Morde registriert. Es gibt täglich Angriffe von Aufständischen auf staatliche Organe und Regierungsbeamte, denen Gegenangriffe der Regierungstruppen folgen. Die Situation und das ständige Bedrohungsgefühl lösen bei vielen Einwohnern Depressionen aus. Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen medizinischen Organisationen im Land. Willem de Jonge, Landeskoordinator für Inguschetien, und Mareta Gudiyeva, Leiterin des Programms für psychosoziale Hilfe, berichten von dort.

Wie sieht der Alltag für die Menschen in Inguschetien aus?

Willem de Jonge: Trostlos und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Arbeitslosenrate in Inguschetien beläuft sich auf sage und schreibe 70 Prozent. Dies und das extreme Ausmaß von Korruption und Gewalt in der gesamten Republik machen es den Menschen schwer, ihre eigene Lage und die Situation ihrer Familien optimistisch zu sehen. Mareta Gudiyeva: Die Gesellschaft in unserer Republik ist von sozialem Ungleichgewicht geprägt: Es gibt sehr reiche Menschen auf der einen Seite und die arme Mehrheit mit unterdurchschnittlichen Einkommen auf der anderen Seite. Gleichzeitig - und das kann ich aus eigener Erfahrung sagen - ist das Leben in einer Hinsicht aber für alle gleich: Niemand ist sicher vor Gewalt. Spannung liegt in der Luft, jeder spürt das. Es wirkt so, als würden die Menschen "sich mit dem Leben beeilen", um mehr davon zu haben. Diese Eile lindert und überdeckt die Angst zu sterben und die allgemeine Unsicherheit. Zudem machen viele wegen der Arbeitslosigkeit und des daraus resultierenden Geldmangels hohe Schulden.

Wie wirkt sich die gewalttätige Lage auf die Menschen aus?

Willem de Jonge: Die Regierung bekämpft einen islamischen Aufstand in Inguschetien, der sich in den vergangenen zwei Jahren zugespitzt hat. Die Menschen können nichts gegen die Gewalt tun. Sie löst Angst in ihnen aus. Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr aus dem Haus gehen, weil sie Angst haben. Junge Männer und ihre Familien müssen ständig befürchten, verhaftet zu werden. Man kann jederzeit Opfer eines Angriffs oder eines Bombenanschlags der Aufständischen werden. Mareta Gudiyeva: Die Menschen sind jeden Tag mit dem Tod konfrontiert, sie gewöhnen sich daran, so schlimm das auch klingen mag. Sie müssen weitermachen, und Verdrängung ist für sie zu einer Abwehrstrategie geworden. Jedes Mal, wenn etwas passiert, ruft man als Erstes die Familie und die engsten Freunde an, um zu hören, ob sie noch am Leben sind und es ihnen gut geht. Wenn das erledigt ist, fühlt man sich wieder sicher. Ein oder zwei ruhige Tage ohne Vorkommnisse, und die Menschen fühlen sich viel besser. Sie kennen den Grund für die Gewalt nicht, sie verstehen sie nicht. Es gibt so viele Akteure in diesem Konflikt, dass es wirklich schwer zu verstehen ist, was genau passiert und welche Rolle die verschiedenen Parteien spielen.

Welche psychologische Hilfe bietet Ärzte ohne Grenzen?

Mareta Gudiyeva: Das psychosoziale Programm von Ärzte ohne Grenzen bietet psychologische Begleitung und Unterstützung, ungeachtet der ethnischen Herkunft und der Religion. Die Berater arbeiten in Einzel- oder Gruppensitzungen mit ihren Patienten. Dabei werden vor allem verschiedene Methoden der kognitiven Therapie, der Kunst- und Spieltherapie angewandt. Wir schulen die Bevölkerung auch psychologisch. So lernen die Menschen zu verstehen, wie die Lebensumstände ihre Psyche beeinflussen und wie sie Hilfe erhalten können, wenn sie an bestimmten Symptomen leiden.  

Verbessert sich die Lage der Menschen, nachdem sie Hilfe erhalten haben?

Mareta Gudiyeva: Wir können die Probleme dieser Menschen nicht einfach wegwischen, aber wir können ihnen dabei helfen, mit neuer Kraft weiterzumachen. Die Fähigkeit dazu ist bei jedem anders. Einige benötigen nur zwei oder drei Sitzungen, andere einige Monate Betreuung. Die Schwierigkeiten um sie herum bleiben bestehen, aber wir können ihnen Wege aufzeigen, damit umzugehen. Dafür gibt es viele Beispiele, aber lassen Sie mich nur eines nennen: Eine schwangere Frau trauerte sehr um ihren Mann, einen Sicherheitsbeamten, der getötet worden war. Die Berater arbeiteten wochenlang mit ihr. Danach kam sie in eine Gruppe von Frauen in ähnlicher Lage. So erkannte sie, dass sie nicht allein ist. Sie begann damit, anderen zu helfen, und kümmerte sich um eine andere schwangere Witwe. Die Gruppenarbeit führte dazu, dass die Frauen sich gegenseitig halfen. Das ermöglichte es ihnen, auch ohne die Unterstützung der Berater auszukommen. Die Frau steht jetzt kurz vor der Geburt und fühlt sich viel besser und stärker.

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