"No More Morias"? Ein Realitätscheck

Vor genau sechs Monaten ist in dem Geflüchtetenlager Moria ein Feuer ausgebrochen. Das Lager auf der griechischen Insel Lesbos wurde vollkommen zerstört. Seine Bewohnerinnen und Bewohner über Nacht obdachlos. Sie verloren die wenigen Dinge, die sie bis dahin noch hatten. Die Bilder von dem Brand gingen um die Welt. Rufe und Forderungen aus der Zivilbevölkerung wurden laut: Die Menschen, die in Moria lebten, sollten endlich auf das griechische Festland, in Sicherheit, gebracht werden. Sie hätten ein Recht auf ein Leben unter menschenwürdigen Bedingungen - mit Zugang zu Wasser, Nahrung, sanitärer Einrichtungen, medizinischer Versorgung. 

Politische Akteurinnen und Akteure blieben nicht stumm. Mitleids- und Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in Moria wurden vor laufenden Kameras ausgesprochen. Versprechungen, was sich in Zukunft alles ändern würde, wurden gemacht. So etwas dürfe nie wieder passieren – darin waren sich alle einig. So mancher Politiker ließ es sich nicht nehmen, selbst mit anzupacken und eigenhändig Hilfsgüter nach Lesbos zu liefern.

6 Monate danach - ein Realitätscheck

Das war vor einem halben Jahr. Hat sich seitdem tatsächlich etwas für die geflüchteten Menschen auf Lesbos verbessert? Oder waren die Versprechungen aus der Politik nur leere Worte. Zeit für einen Realitycheck: 

„Die Bilder aus Moria haben uns alle tief getroffen“ (W. Kogler, österreichischer Vizekanzler, 12.09.2020)

Ja, die Bilder vom Brand in Moria haben uns alle tief getroffen. Als medizinische Nothilfeorganisation waren wir sowohl vor dem Brand, als auch nach dem Brand vor Ort und sind es auch heute. Und das, was wir in den Lagern auf den griechischen Inseln sehen, macht uns täglich betroffen. Das „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Prinzip darf hier nicht angewendet werden. Die Menschen leiden und es braucht endlich nachhaltige Lösungen auf politischer Ebene.  

„No more morias“ (Y. Johansson, EU-Kommissarin, 24.09.2020)

Dieses Versprechen hielt nicht lange. Kurze Zeit nach dem Brand entstand vor unseren Augen ein neues Moria, ein „Übergangslager“, – trotz aller Evakuierungsappelle aus ganz Europa. Nach wie vor leben tausenden Menschen unter unwürdigsten Bedingungen in diesem neuen Lager. Unsere Teams beobachten täglich, wie die Situation schlechter, statt besser wird. 

“Es ist unsere absolute Pflicht, jetzt vor Ort zu helfen“ (K. Nehammer, österreichischer Innenminister, 12.09.2020)

Vor Ort helfen? Schön und gut. Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen und Freiwillige helfen seit Jahren vor Ort. Diese Hilfe ist wichtig, reicht aber lange nicht aus. Das ist als würde man ein viel zu kleines Pflaster und eine viel zu große Wunde kleben. So kann keine Wunde heilen. Wir brauchen eine nachhaltige Lösung und die kann es nicht auf den griechischen Inseln geben. 

„Österreich wird keine Symbolpolitik betreiben“ (S. Kurz, österreichischer Bundeskanzler, 13.09.2020) 

Was kam seit dem Brand in Moria von der österreichischen Bundesregierung? Solidaritätsbekundungen, vielversprechende Pressestatements, Treffen mit griechischen Politikerinnen und Politkern, gut gemeinte Hilfsgüterlieferungen, die leider nie bei den Menschen ankamen. Hat sich dadurch das Leben eines einzigen Geflüchteten auf den griechischen Inseln verbessert? Leider nicht. Was uns umso mehr freut, ist die breite Unterstützung und Solidarität der Österreicherinnen und Österreicher mit den Menschen auf den griechischen Inseln. 

„Wenn sogar der Herr Söder Geflüchtete von den griechischen Inseln evakuieren kann, dann kann Österreich das auch schaffen“ (W. Kogler, österreichischer Vizekanzler, 12.09.2020)

Offenbar nicht. Seit dem Brand in Moria wurde noch kein einziger geflüchteter Mensch von den griechischen Inseln in Österreich aufgenommen. 

Ist das wirklich zu viel verlangt? 

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