Irak

“Ohne Dialyse würden unsere Nierenpatienten im Irak sterben“

Es ist noch immer sehr schwierig, im Irak zu arbeiten. Die Sicherheitslage hat sich in den letzten zwei Jahren zwar leicht verbessert, aber sie ist noch immer instabil. Vor diesem sich ständig verändernden Hintergrund versucht Ärzte ohne Grenzen, der irakischen Bevölkerung beizustehen. So z.B. im Krankenhaus von Kirkuk, einer Stadt mitten im Ölfördergebiet Nordiraks, die von kurdischen und arabischen Gruppen umkämpft wird. Dort werden zurzeit etwa 20 Dialyse-Patienten behandelt. Dies ist jedoch nur ein Bruchteil der Nierenkranken in dieser Region, die eine solche Behandlung benötigen. Patrick Ruedin ist Arzt und hat 25 Jahre Erfahrung mit Nierenpatienten. Er besuchte im Oktober Kirkuk, um den Behandlungsbedarf abzuklären, und berichtet im Interview von seinen Eindrücken.

Das irakische Gesundheitssystem liegt nach zwei Kriegen, mehreren Jahren Handelsembargo und sieben Jahren Instabilität und Gewalt praktisch am Boden. Die noch existierenden Einrichtungen sind personell stark unterbesetzt, und die Notaufnahmen und Operationssäle sind ständig überlaufen. Wie in anderen Ländern der Region mit mittlerem Einkommensniveau nimmt auch hier die Häufigkeit von Beschwerden wie Diabetes, Nierenkrankheiten und Herz-Kreislauf-Krankheiten zu. Es ist nicht einfach, in einem derart kriegszerrütteten Land etwas gegen diese Krankheiten zu tun.

In Kirkuk schult Ärzte ohne Grenzen das einheimische Personal für spezialisierte Behandlungen, insbesondere im Dialyse-Verfahren bei Nierenversagen. Die Behandlung ist sehr aufwändig und verlangt eine fachärztliche Aufsicht. Die zuständigen Ärzte müssen von Grund auf geschult werden, damit sie wieder auf dem neusten Stand sind. Dies ist kein unrealistisches Ziel: Vor dem Golfkrieg von 1991 und dem Embargo hatte der Irak ein fortschrittliches Gesundheitssystem. Als Nächstes plant Ärzte ohne Grenzen nun die Erweiterung der Kapazität auf 80 Dialyse-Patienten.

Soll sich eine humanitäre Organisation wie Ärzte ohne Grenzen in einem derart komplexen Behandlungsbereich überhaupt engagieren?

Die Zahl der behandelten Patienten ist tatsächlich nicht sehr hoch. Wobei man bedenken muss, dass die Bevölkerung um Kirkuk herum etwa eine Million Menschen beträgt. In der Schweiz befänden sich auf dieselbe Anzahl Einwohner etwa 600 Patienten in Dialyse. Daran sieht man, wie viel noch getan werden muss. Man kann die Dialyse als Elite-Behandlung sehen, während es zugleich viel dringendere Bedürfnisse gibt - aber ohne Behandlung würden die Menschen sterben. Dem Irak fehlen nun einmal die Mittel, um diesen medizinischen Spezialbereich wieder aufzubauen.Die Krankenhäuser brauchen nur ein bisschen Anstoßhilfe. So hat Ärzte ohne Grenzen mich als Nephrologen angefragt, da sie selbst keine internen Experten auf diesem Gebiet haben, und es hat sich eine spannende Partnerschaft entwickelt. Wir haben gerade zehn Dialyse-Maschinen nach Kirkuk geschickt, die davor in Schweizer Krankenhäusern im Einsatz waren. Ärzte ohne Grenzen hat wichtige Schulungen im Bereich der Hygiene und der Krankenpflege durchgeführt und koordiniert die technische Wartung der Wasserversorgung und der Dialyse-Ausrüstung.

Wie sieht die weitere Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus in Kirkuk aus?

Das irakische Gesundheitspersonal muss noch besser ausgebildet werden, damit in diesem Spezialgebiet auch wirklich die bestmögliche Behandlung angeboten werden kann. Als Facharzt für Nierenkrankheiten und Präsident der Humanitären Kommission der Schweizerischen Gesellschaft für Nephrologie bleibe ich weiterhin der Garant für die Qualität der medizinischen Arbeit in Kirkuk. Ich bin auch die Verbindungsperson zwischen den irakischen und den Schweizer Krankenhäusern. Wir wollen den Kontakt jetzt auch über das Internet weiter intensivieren. Diese Art von Zusammenarbeit ist besonders für umfassende Analysen wichtig. Zur Reinigung des Bluts von Patienten benötigt man hochreines Wasser, und eine Dialyse-Maschine braucht etwa 30 Liter pro Stunde. Eine genaue Wasseranalyse kann im Irak aber nicht durchgeführt werden, nicht einmal in Schweizer Krankenhäusern ist dies möglich, dafür sind spezielle Labors nötig.

Welche Sicherheitsvorkehrungen wurden für Ihre Reise in den Irak getroffen?

Mein Aufenthalt war nur kurz, und ich habe keine besonderen Spannungen bemerkt. Für die Fahrt zum Krankenhaus im Stadtzentrum braucht man etwa 15 Minuten. Ärzte ohne Grenzen setzt keine bewaffneten Sicherheitsleute ein, da die Organisation nicht für eine Konfliktpartei gehalten werden will. In der Stadt befinden sich viele verschiedene bewaffnete Gruppen, aber die Lage scheint gerade ruhig zu sein. Im Krankenhaus arbeiten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Seite an Seite miteinander, ohne irgendwelche Probleme. Auch deshalb ist es wichtig, dieses Krankenhaus zu unterstützen, da es Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften zusammenbringt und so die jüngsten Spannungen im Irak heilen hilft.

Trotz des schwelenden Konflikts im Irak, der es für humanitäre Organisationen schwierig macht, im Land zu arbeiten, versucht Ärzte ohne Grenzen weiterhin, der irakischen Bevölkerung eine medizinische Versorgung zu bieten. Seit 2006 betreibt Ärzte ohne Grenzen im Irak sowie in den Nachbarländern wie Jordanien und Syrien zahlreiche Hilfsprogramme.

Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Projekte im Irak keine Gelder von Regierungen oder internationalen Organisationen an, sondern stützt sich für die Arbeit einzig auf private Spenden von Menschen aus der ganzen Welt.

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