Südsudan

Schwere Überschwemmungen: Tausende Menschenleben in Gefahr

Südsudan. Der jüngste Staat Afrikas hatte es seit seiner Entstehung 2011 nicht leicht. Schwere Konflikte und Ernährungsunsicherheit prägen das Land - weitab von der Weltöffentlichkeit. Jetzt bekommen die Menschen im Südsudan zusätzlich die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren. Anhaltende Überschwemmungen setzen ganze Regionen unter Wasser - mit schweren Folgen für die lokale Bevölkerung. 

„Als die Kämpfe wieder aufbrannten, flohen wir mit unserem Vieh in den Busch“, berichtet Martha. „Vierzig Kühe wurden uns gestohlen, aber wir hatten noch sechzig. Dann kamen die Überschwemmungen und unsere übrigen Rinder wurden krank und starben. Jetzt haben wir nichts mehr.“ Marthas sechs-monatiger Enkelsohn, Kony, erholt sich gerade von einer zerebralen Malaria in der Ärzte ohne Grenzen Klinik in der Stadt Pibor. Martha und ihre Schwiegertochter trugen Kony den ganzen Weg von ihrer Siedlung in Neemach nach Pibor. Zwei Tage lang dauerte die Reise. Es ist die einzige medizinische Versorgung im Umkreis. 

Hochwasser, Malaria und Ernährungsunsicherheit 

Erneut kämpfen die Gemeinden in der Oberen Nil Region mit Hochwasser und schweren Überschwemmungen. Seit Juli wurden hunderttausende Menschen vertrieben und viele weitere ohne zuverlässigen Zugang zu Nahrungsmitteln und sauberem Wasser zurückgelassen. Die Folgen: Malaria, durch Wasser übertragbare Krankheiten, Vergiftungen durch Schlangenbisse und Ernährungsunsicherheit - um nur einige der Probleme zu nennen. 

In der Stadt Pibor, in der Ärzte ohne Grenzen lebensrettende medizinische Versorgung leistet, ist die humanitäre Situation katastrophal. Schon im Jahr 2019 verwüsteten massive Überschwemmungen das Gebiet und zwangen uns, Aktivitäten zu reduzieren und Patientinnen und Patienten zu entlassen. Das Krankenhaus stand bis zum Dach unter Wasser. Zudem führten die wieder aufgebrannten Konflikte im ersten Halbjahr 2020 zu großflächigen Vertreibungen. Lebensnotwendige Ressourcen, wie Nahrungsmittel, wurden vernichtet. Nachdem sich die Sicherheitslage im August 2020 stabilisiert hatte, leitete Ärzte ohne Grenzen erneut eine Notfallmaßnahme ein - als Reaktion auf die Massenvertreibungen. Es wurde eine Klinik an dem einzigen Ort in der Stadt eröffnet, der im vergangenen Jahr nicht unter Wasser stand.

Rückblick auf ein hartes Jahr

"Es war ein hartes Jahr für diese Gemeinde", sagt Josh Rosenstein, stellvertretender Missionsleiter von Ärzte ohne Grenzen. „Wir mussten mehrfach auf verschiedene Notfälle reagieren. Unsere jüngste Notfallreaktion auf konfliktbedingte Vertreibungen verwandelt sich gerade in eine Flutreaktion. Unser Fokus liegt jetzt auf Malaria, Masern und Überschwemmungen.“

Das Hochwasser hat Straßen und Wege zerstört. Teile der Region sind von der Außenwelt abgeschnitten oder nur sehr schwer zugänglich. Sie können nicht mehr zu Fuß erreicht werden und ein lokales Fährsystem wäre für die meisten Einwohnerinnen und Einwohner der Region zu teuer. Ein mobiles MSF-Team, das sich aus einem klinischen Beauftragten, einer Krankenschwester und einem Beauftragten für Gesundheitserziehung zusammensetzt, bietet medizinische Versorgung in schwer erreichbaren Regionen an. „Heute erreichen wir die Gemeinde über unsere täglichen mobilen Kliniken und behandeln die schwersten Krankheiten“, fügt Rosenstein hinzu. "Wir setzen auch einen Notfallplan für Hochwasser um, der den Bau zusätzlicher Hochwasserschutzmaßnahmen rund um die Klinik umfasst. Damit wollen wir sicherstellen, dass wir weiterhin medizinische Hilfe erbringen können, denn der Wasserstand steigt mit alarmierender Geschwindigkeit."

"Schlimmste Überschwemmung steht noch bevor"

Die Situation verschlechtert sich zusehends. Wiederkehrende lokale Konflikte, die Auswirkungen der globalen COVID-19-Pandemie auf die Nothilfe-Kapazitäten und die zunehmende Ernährungsunsicherheit in der Region geben heute Anlass zur Sorge. „Die schlimmste Überschwemmung steht noch bevor, und die Gemeinde spürt bereits die Belastungen durch Ernährungsunsicherheit. Der mangelnde Zugang zur Gesundheitsversorgung wird sich in den kommenden Wochen und Monaten nur verschlechtern, und die Bedingungen für die Menschen werden immer prekärer“, sagt Rosenstein.

Martha und ihre Familie stehen vor Herausforderungen, die sie alleine nicht bewältigen können. Der Südsudan zählt zu den Ländern mit den höchsten Raten an Krankheiten und Todesfällen bei Kindern. Die Überschwemmungen verschärfen die Situation in einem Land, das ohnehin in einer tiefen humanitären Krise steckt. Ärzte ohne Grenzen ruft Organisationen in der Region auf, Nothilfe zu leisten um weitere Katastrophen zu verhindern.

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Unsere Hilfe im Südsudan

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1983 im Südsudan und bietet medizinische Versorgung in vielen Teilen des Landes, in denen der Zugang zu Gesundheitsversorgung und anderen humanitären Diensten weiterhin begrenzt ist. Aufgrund seiner Werte Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit kann Ärzte ohne Grenzen schnell auf medizinische Notfälle reagieren und je nach Bedarf und unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht oder politischer Zugehörigkeit medizinische Hilfe leisten. Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit 15 Projekte im gesamten Südsudan.

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