Südsudan

Südsudan: Das Hochwasser geht zurück, doch die Spannungen bleiben

Zehntausende Menschen suchen in einem Vertriebenenlager nahe der Stadt Bentiu Zuflucht. Es ist  eines von mehreren „Protection of Civilians“-Lagern (POC) für den Schutz der Zivilbevölkerung im Südsudan, die von den Vereinten Nationen (UN) kurz nach dem neuerlichen Ausbruch der Gewalt vergangenen Dezember bereitgestellt wurden. Doch nachdem sich das Lager in einem der größten Sumpfgebiete der Welt befindet, war es fast den ganzen August hindurch überflutet – das Hochwasser reichte teilweise bis zu den Knien, kontaminiert mit Abwässern und Schmutz (siehe Bericht von 10.08.2014 ). Viele Menschen schliefen daher stehend mit ihren Kindern am Arm. Wer die Abgrenzung des Lagers verlässt und sich in das umliegende Konfliktgebiet wagt, riskiert Vergewaltigungen und gewaltsame Übergriffe durch bewaffnete Gruppen.

Vanessa Cramond, Notfallkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen vor Ort, beschreibt nun die Situation vor Ort, nachdem die Überschwemmungen langsam zurückgehen.

“Innerhalb des Lagers der Vereinten Nationen ist der Wasserpegel deutlich gesunken, nachdem ein zwei Kilometer langer Kanal zur Verbesserung des Abflusssystems fertig gestellt worden war. Es gibt zwar immer noch überschwemmte Gebiete, aber die Unterkünfte der meisten Menschen sind nun trocken. Auch die Straßen innerhalb des Lagers sind wieder sehr viel besser befahrbar und die Menschen sind froh darüber.

Doch hinter dem Stacheldraht geht der Alltag weiter. Die Menschen sind damit beschäftigt, ihre Unterkünfte mit  Dämmen aus Schlamm und kleinen Gräben zu sichern. Der Preis für eine Schubkarre voll Erde lag bei fünf südsudanesischen Pfund (ca. 0,7 EUR), da die Menschen versuchten, den Boden ihrer Behausungen zu erhöhen. Doch nun wird die Erde von den UN-Truppen gratis bereitgestellt, da sie durch die Grabungen frei verfügbar ist.

Schutz vor Gewalt für Frauen und Kinder

Im Allgemeinen scheint es, als ob weniger Übergriffe auf Frauen und Kinder stattfinden, die außerhalb des Schutzgebietes Kohle oder Feuerholz suchen, um ihre tägliche Ration Linsen oder Hirse zu kochen. Zusätzlich zur Bewachung des Lagers führen die UN-Truppen nun auch drei Mal täglich „Feuerholz-Patrouillen“ entlang der Hauptstraße vom Lager zur rund fünf Kilometer entfernten Stadt durch. Manche Frauen haben ihre eigenen kleinen Geschäftstätigkeiten gestartet und verkaufen Feuerholz innerhalb des Lagers an diejenigen, die sich zu sehr fürchten, das Lager zu verlassen. So können sie auch ein kleines Einkommen erwirtschaften. Doch Ärzte ohne Grenzen ist noch immer über die mangelnde Sicherheit von Frauen und Kindern außerhalb des Schutzgebietes besorgt und beobachtet die Situation weiterhin sehr genau.

In letzter Zeit haben wir auch immer wieder Menschen gesehen, die mit frischen Guaven, Papayas, Zitronen und Okra-Schoten in das Lager zurückkehrten – sie haben die Feldfrüchte aus den Gärten verlassener Hütten rund um die Stadt Bentiu gesammelt. Manchmal gibt es auch etwas Fisch, der draußen gefangen wurde. Doch trotz allem ist das Umfeld weiterhin schwer militarisiert und die Lage dementsprechend angespannt. In der Stadt selbst wurden verlassene Büros von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) von bewaffneten Männern übernommen, die meisten Geschäfte und Märkte sind geschlossen, und Schulen werden als Bordelle oder Brauereien verwendet. Oft sieht man Kindersoldaten in viel zu großen Uniformen mit neuen, glänzenden Sturmgewehren.

Kaum medizinische Hilfe für Bevölkerung

Wir machen uns Sorgen um die Zivilbevölkerung außerhalb des Lagers, die keinen Zugang zu unseren Angeboten haben. Daher haben wir eine mobile Klinik in der Stadt Bentiu eingerichtet. Ab sofort ist ein Team von Ärzte ohne Grenzen regelmäßig im geplünderten ehemaligen Krankenhausgebäude, um Frauen und Kindern in den Dörfern rund um die Stadt auch einen Zugang zu primärer Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Wir sind weiterhin sehr wachsam was den Ausbruch von Krankheiten betrifft, denn im überfüllten Lager stellen übertragbare Krankheiten wie Masern  vor allem für kleine Kinder ein großes Risiko dar. Während der vergangenen Monate sind mehrere Kinder auf Grund von Komplikationen nach einer Masern-Infektion verstorben. Daher hat Ärzte ohne Grenzen vergangene Woche gemeinsam mit anderen Organisationen im Gesundheitsbereich eine Impfkampagne gestartet und mehr als 14.200 Kinder innerhalb und außerhalb des Lagers geimpft. Wir haben auch das Aufkommen von Mangelernährung untersucht und erste positive Anzeichen von Verbesserungen festgestellt: Vor sechs Wochen waren sieben Prozent der untersuchten Kinder schwer mangelernährt – dieser Wert ist nun auf 1,3 Prozent gesunken. Der Grund dafür liegt unserer Meinung nach darin, dass einerseits sauberes Trinkwasser bereitgestellt wird und sich andererseits auch die Gesundheits- und Ernährungssituation innerhalb des Lagers dank regelmäßiger Essensverteilungen verbessert hat. Es ist sehr ermutigend, dass wir innerhalb der vergangenen drei Wochen in unserer Klinik für Mangelernährung keine Todesfälle zu beklagen hatten.

Doch trotz all der Verbesserungen bleiben wir vorsichtig. Es herrscht immer noch Regenzeit und mit dem nächsten schweren Regen könnte das Hochwasser wiederkommen. Diese tief liegenden Gebiete sind einfach nicht dafür geeignet, dass hier Menschen langfristig leben. Und sobald die Regenzeit aufhört könnten Probleme entstehen, die Bevölkerung im Lager weiterhin mit ausreichend sauberem Wasser zu versorgen. Solange keine politische Lösung der Krise in Sicht ist, blicken die Menschen hier weiterhin einer unsicheren Zukunft entgegen.“

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten im „POC“-Lager (Protection of Civilians) nahe Bentiu für die 40.000 dort lebenden Menschen medizinische Versorgung an. Bentiu liegt im südsudanesischen Bundesstaat Unity, eines der am schwersten durch den Konflikt betroffenen Gebiete. Derzeit führt Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus am Gelände des Lagers. In der Klinik gibt es Stationen für Geburtshilfe, kinderärztliche Behandlungen und Tuberkulose-PatientInnen sowie eine Notaufnahme und eine Abteilung für chirurgische Eingriffe.

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