Südsudan

Südsudan: “Der Markt ist leer, die Menschen bleiben hungrig“

Sarah Maynard arbeitete als Koordinatorin für das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Leer, als dieses im Januar 2014 zerstört wurde. Über 25 Jahre lang hatte das Hospital medizinische Hilfe für mehr als 270.000 Menschen aus dem südlichen Unity State bereitgestellt, bevor es geplündert und niedergebrannt wurde. Sarah Maynard wurde vor Ausbruch der Gewalt evakuiert – während mehr als 200 südsudanesische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen mit ihren Familien in die Wildnis fliehen mussten. Zurück bei ihrem Team in Leer spricht Sarah über die verzweifelte Situation der Bevölkerung, wie Ärzte ohne Grenzen die Arbeit wieder aufnimmt und die gewaltigen Herausforderungen der kommenden Zeit.

„Erstmals kehrte ich im Februar für einen kurzen Besuch nach Leer zurück, kurz nachdem die Gewalt über der Stadt hereingebrochen war. Ich fand die vormals geschäftige und lebendige Stadt komplett verlassen. Unser Krankenhaus wurde geplündert, niedergebrannt und zerstört. Mitte April hörten wir, dass die Bevölkerung begonnen hatte, nach Leer zurück zu kehren, nachdem sie Monate in der Wildnis verbracht hatte. Am 1. Mai kehrte ich mit einem kleinen Team von Ärzte ohne Grenzen zu einer Bestandsaufnahme nach Leer zurück. Es wurde zu einem Wiedersehen mit den lokalen Mitarbeitern. Die Auswirkungen ihrer Zeit in der Wildnis hatten sich in ihre Gesichter und Körper eingebrannt – sie wirkten älter, ihre Gesichter ausgemergelt.

Nicht ein einziges Bett stand noch in unserem zerstörten Krankenhaus. Die Zerstörung hatte zur Folge, dass tausende Menschen über Monate hinweg ohne lebensrettende Hilfe waren. Die Station für mangelernährte Kinder war niedergebrannt worden, das Dach war eingestürzt. Also richteten wir an diesem ersten Tag eine Art Wartebereich in einem der halbvollendeten Gebäuden ein – und unser Team wurde überflutet von Patienten. Als wir aus dem Flugzeug stiegen und durch die Stadt zum Krankenhaus liefen, wartete bereits eine lange Schlange an Menschen.

Sie strömten in das Krankenhaus, es war überwältigend. Der Grad an Mangelernährung war alarmierend (siehe Bericht ). Ich erinnere mich, wie ein Mitarbeiter mich zu einem Kind rief, gerade als wir mit dem Ernährungsprogramm begannen. Noch nie zuvor habe ich so ein ausgezehrtes Baby gesehen. Sie war schon sieben Monate alt und sie war winzig. Das Kind war einfach unvorstellbar klein.“

Neubeginn: Gewaltige Anforderungen

„Die Anforderungen waren gewaltig, und wir wollten sofort mit der Behandlung der Menschen beginnen. Sobald wir die Grundlagen für das Ernährungsprogramm geschaffen hatten, machten unsere Kollegen aus dem Südsudan ein paar Tage lang ohne uns weiter, während wir alles vorbereiteten für eine ordentliche Rückkehr von Ärzte ohne Grenzen nach Leer.

Das Wochenende über machten wir das Krankenhaus sauber. Am 5. Mai schlossen wir die Notklinik in der Wildnis und starteten eine Notambulanz innerhalb des Krankenhauses. Wenige Tage später öffneten wir ein therapeutisches Ernährungszentrum für schwer mangelernährte Kinder bis fünf Jahre.

Am ersten Tag nahmen wir mehr als 100 Kinder auf. Zum Ende der Woche hatten wir bereits 885 Kinder in unserem Ernährungsprogramm. Wir konsultieren bis zu 1.200 Patienten pro Woche in der Ambulanz – hauptsächlich Fälle von Mangelernährung mit akuten Durchfallerkrankungen, Entzündungen der Atemwege und Malaria. Alle diese Erkrankungen sind die Folge schlechter Lebensbedingungen, z.B. wenn man ohne Moskitonetz im Freien schlafen muss.“

Leere Märkte, zu wenig Essen

„Diese Menschen haben so viel gelitten und sie leiden weiter. Sie kehrten mit Nichts nach Leer zurück und mussten feststellen, dass es auch in Leer nichts gab. Die Menschen haben ihr Zuhause verloren, ihren Besitz und auch ihre Methoden, um Nahrung zu produzieren oder zu beschaffen. Die Regenzeit hat begonnen – und sie fangen gerade an zu pflanzen. Es wird eine Weile dauern, bis sie die nächste Ernte einfahren werden. Und bis dahin ist der Markt leer und die Menschen bleiben hungrig.

Ab und zu sickern Waren in den Markt, zum Beispiel getrockneter Fisch, aber es reicht nicht. Immer wenn Säcke von Mehl oder Sorghumhirse auftauchen, werden sie zum doppelten oder dreifachen Preis verkauft – und sind sofort verschwunden. All jene, die keine überhöhten Preise bezahlen könne, bleiben hungrig. Die Anzahl an Rindern, die auf dem Markt geschlachtet werden, ist deutlich höher als normalerweise. Wenn die Menschen ihre Rinder schlachten, weiß man, dass sich die Dinge schlecht entwickeln in einem Land, in dem Rinder den Wohlstand eines Menschen aufzeigen. Viele Menschen zehren nun von diesem Wohlstand, um heute zu überleben und geben damit ihre Reserven auf. Wenn die Rinder fort sind, gibt es keine Milch mehr und kein Geld, das man gegen Lebensmittel tauschen könnte. Sie können nur an heute denken. Und um zu überleben, töten sie ihre Rinder.“

Der nächste Monat wird düster

„Die Menschen wollen hier bleiben. Sie wollen ihre Saat setzen. Sie wollen neue Häuser aufbauen, wo die alten verbrannt sind. Sie wollen leben. Wir tun, was wir können, um zu helfen, aber es reicht nicht.

Wir behandeln hunderte der am schlimmsten Mangelernährten, aber es gibt auch noch all die mäßig Mangelernährten. Wir brauchen hier mehr Hilfsorganisationen und deren Einsatz, um diesen Kindern zu helfen, ihren Zustand zu stabilisieren und ihren Tod zu verhindern. Viel mehr Nahrung muss hier bereit gestellt werden.

Die kommenden Monate werden düster, denn die Regenzeit hat begonnen, die sanitären Bedingungen und die gesundheitliche Situation verschlechtern sich in den Lagern der Umsiedler. Abgesehen von der Mangelernährung, sterben die Menschen an Malaria, Entzündungen der Atemwege und anderen Erkrankungen, die zu verhindern wären. Die Bevölkerung des Südsudans lebt bereits auf Messers Schneide. Sie brauchen sofortige Hilfe, bevor die Situation eskaliert.“

Mehr als 200 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen aus dem Südsudan und anderen Ländern arbeiten momentan in Leer. Das Projekt in Leer ist auch verantwortlich für zwei weitere ambulante therapeutische Ernährungszentren im südlichen Unity State – eine in Nyal, die andere in Mayendit.

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