Südsudan

Südsudan: Medizinische Versorgung per Auto und Boot

Das Ziel des jüngsten Projekts von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan ist es, medizinische Versorgung auch in abgelegene Gebiete zu bringen - und zwar mit mobilen Teams. Diese versorgen an sieben verschiedenen Standorten in den ehemaligen Verwaltungsbezirken Akobo und Ulang mehr als 2.000 Menschen im Monat.

Es ist acht Uhr morgens und auf dem Gelände von Ärzte ohne Grenzen herrscht Hochbetrieb. Vor dem Materialzelt laden Mitarbeitende Tische, Stühle, Matten, Abwasserbehälter, Medikamente und anderes Material in den Laderaum des Fahrzeugs. In der Nähe gelingt es dem Projektkoordinator, schnell einen Kaffee zu trinken und gleichzeitig über ein staubiges Funkgerät zu kommunizieren. Ein Team aus medizinischen Assistenten, Pflegefachkräften und lokalen Gesundheitshelferinnen legt die Strategie des kommenden Tages fest. Die Schwimmwesten haben sie bereits um ihre Schultern gelegt.

Als die südsudanesische Sonne durch das Blätterdach dringt, ist auf dem Gelände wieder Ruhe eingekehrt. Das mobile Team von Ärzte ohne Grenzen ist bereits auf dem Fluss Pibor unterwegs. Die Reise geht flussaufwärts zu einem abgelegenen Dorf, in dem es keine Gesundheitsversorgung gibt.

Fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung

Seit Dezember 2013 werden durch den Bürgerkrieg immer wieder Menschen vertrieben. Mehrere Millionen mussten bereits ihre Heimat verlassen. Fast täglich treffen in Akobo Menschen ein, die aus Konfliktgebieten geflohen sind. Einige Patienten und Patientinnen erzählen uns, dass die Reise für sie einen mehrtägigen Fussmarsch bedeutete – unterwegs waren sie jedoch nur nachts, wenn die Kämpfe jeweils vorübergehend zum Stillstand kommen.

Ein großer Teil der vertriebenen Menschen sind Frauen und Kinder. Während einige bei Familie oder Freunden unterkommen, haben andere keine andere Wahl, als in der nahegelegenen Schule Unterschlupf zu finden. Dort haben sie kaum Zugang zu Nahrung oder Wasser. Viele sind traumatisiert, nachdem sie mitansehen mussten, wie ihre Ehemänner, Väter oder Brüder im Zuge der Gewalt getötet wurden.

Wegen des Bürgerkriegs und der Vertreibungen ist der Bedarf an medizinischer und humanitärer Hilfe immens. Das war auch für Ärzte ohne Grenzen der Anlass, dieses neue Projekt zu starten. Es richtet sich sowohl an die einheimische als auch an die vertriebene Bevölkerung. Die mobilen Teams sind per Boot oder Auto unterwegs, um medizinische Grundversorgung zu Menschen zu bringen, die sonst keinen Zugang dazu hätten.

„Akobo und andere Dörfer in der Nähe sind fast komplett von zuverlässiger und qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung abgeschnitten“, bestätigt Raphael Veicht, eEinsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „Weil die medizinischen Einrichtungen in dieser Gegend entweder verlassen oder für andere Zwecke umfunktioniert wurden, erhalten gerade diese bedürftigen Menschen nirgendwo medizinische Hilfe“, fügt er hinzu.

Mobile Teams versorgen pro Monat mehr als 2.000 Menschen

Unterdessen hat das Team von Ärzte ohne Grenzen, das frühmorgens aufgebrochen ist, das eine Bootsstunde entfernte Kier erreicht. Wie immer deponiert das Team das Material im Schatten von ein paar Bäumen. Innerhalb von nur wenigen Minuten entsteht eine einfache Klinik, die über einen Wartebereich und separate Zelte für die Sprechstunden verfügt. Die Patienten und Patientinnen sitzen auf Matten und warten, bis sie zum Messen von Blutdruck, Temperatur etc. an der Reihe sind. Pflegehelfer und -Helferinnen bereiten unterdessen die von den medizinischen Assistenten verschriebenen Arzneimittel vor. Nach nur zweieinhalb Stunden sind schon fast 30 Patienten und Patientinnen untersucht worden.

„Normalerweise betreuen wir zwischen 50 und 60 Patienten und Patientinnen pro Tag“, erzählt Tut Kuang Ler, medizinischer Assistent von Ärzte ohne Grenzen. „Heute hatten wir sechs positive Malariatests, fünf kleine Kinder mit Durchfall und eine Person mit einer Pilzinfektion.“

Ärzte ohne Grenzen verfügt derzeit über mobile Kliniken an sieben verschiedenen Standorten in den ehemaligen Verwaltungsbezirken Akobo und Ulang, wo die Teams monatlich über 2.000 Menschen behandeln. Gleichzeitig hat Ärzte ohne Grenzen in Kier den Bau einer dauerhafteren Einrichtung begonnen: In dieser Klinik sollen auch weiterführende Behandlungen angeboten werden. Doch für den Moment bleiben die Teams noch mobil.

Nachmittags um halb drei sind die Untersuchungen der letzten Patienten und Patientinnenabgeschlossen. Tut Kuang Ler hält inne und wirft einen letzten Blick auf das danebenliegende Feld, um nach allfälligen Nachzüglern Ausschau zu halten. Doch es ist niemand in Sicht. „Zeit, unsere Sachen zusammenzupacken und zurück nach Akobo zu fahren“, sagt er.

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