Bosnien und Herzegowina

Unzumutbare humanitäre Situation an der neuen Grenze der Balkanroute – wenn der Winter kommt, kann das Leben kosten

Tausende Geflüchtete leben an zwei Orten entlang der bosnischen Grenzen zu Kroatien in Ruinen und provisorischen Zelten. Die humanitäre Situation ist unzumutbar. Die Menschen, die vor Konflikten und Armut aus Pakistan, Afghanistan, Syrien oder dem Irak flohen, stecken nun hier fest. Den Erwachsenen und unbegleiteten Kindern mangelt es an medizinischer Versorgung, Essen, Kleidung und mehr. Seit Juni 2018 betreiben wir eine mobile Klinik in der Region. Noch ist Sommer, doch der Winter ist nicht mehr fern. Wenn die Menschen erst eisigen Temperaturen ausgesetzt sind, kann das für sie zur ernsten Bedrohung werden. Ärzte ohne Grenzen hat bereits im vergangenen Winter Unterkühlung und Erfrierungen bei Menschen an der Balkanroute behandelt.

Mehr als 4.000 Migranten und Geflüchtete leben momentan in provisorischen Camps und an Orten entlang der bosnischen Grenzen zu Kroatien. Die Menschen kommen meist aus Camps und informellen Siedlungen in Serbien oder haben von Griechenland aus neue Routen durch Albanien und Montenegro gesucht. Das ist eine neue Situation für Bosnien. Noch im vergangenen Jahr war die Zahl der Menschen, die das Land als Teil der sogenannten Balkanroute durchqueren, äußerst gering. Und obwohl der Zustrom an Menschen seit Monaten ansteigt, sind die humanitären Bedingungen an den zwei größten Sammlungspunkten entlang der Grenze weiterhin unzureichend.

Am Rande der Stadt Bihac leben beispielsweise circa 3.000 Menschen in einem verfallenen Betongebäude und dem dazu gehörenden Areal. In dem fünfstöckigen, ehemaligen Studentenwohnheim klaffen Löcher in den Wänden, wo eigentlich Fenster wären. Auf dem Boden sind Schlamm- und Regenpfützen. Zelte wurden in den Gängen aufgebaut und Laken hängen von der Decke in dem Versuch ein Mindestmaß an Privatsphäre zu gewähren. Doch Menschen schlafen auch auf Decken auf dem Boden. Am bewaldeten Hang hinter dem Gebäude befinden sich noch mehr Zelte.

Etwa 1.000 weitere Menschen leben in Zelten und improvisierten Hütten direkt vor der nahegelegenen Stadt Velika Kladusa. Die Menschen haben die Hütten aus Planen und anderen gefundenen Materialien gebaut. Kleine Gräben wurden vor den Behausungen gezogen, um ein Überfluten bei heftigen Stürmen zu verhindern.

Klägliche Situation für die Menschen, schwerfällige Reaktion der Behörden

„Die Menschen haben nicht nur keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, es fehlt sogar an Möglichkeiten, Grundbedürfnisse wie Essen, Unterkunft, Kleidung und Hygiene zu erfüllen“, sagt Juan Matias Gil, unser Einsatzleiter für Serbien und Bosnien-Herzegowina. „Ein Mangel an koordinierter Planung und lediglich reaktive Maßnahmen in Bosnien-Herzegowina haben zu den unzureichenden Bedingungen für Migranten und Geflüchteten geführt. Dadurch werden ihr Wohlbefinden, ihre Sicherheit und ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet.“

Wir betreiben in Kooperation mit den lokalen medizinischen Behörden eine kleine mobile Klinik, um an beiden Orten den dringlichsten Gesundheitsanliegen nachkommen zu können. Komplexere Fälle überweisen wir an Gesundheitseinrichtungen in den nahe gelegenen Kanton Una-Sana.

Winter auf der Balkanroute

„Der Winter kommt, und bislang hat es Monate gedauert, die wachsende Menge an Menschen auch nur mit den kleinsten grundlegenden Sachen zu versorgen“, erklärt Matias Gil. Er fügt hinzu: „Der Winter lässt dir keine Zeit zu trödeln. Wenn Maßnahmen nicht rechtzeitig organisiert werden, könnte das mit Menschenleben bezahlt werden.“

Während die Grenzen der Europäischen Union dichtgemacht wurden, waren bereits in den vergangenen Jahren Tausende bei eisigen Temperaturen gestrandet. Wir haben Menschen wegen Unterkühlung und Erfrierungen behandelt. In unserer Klinik in Belgrad behandelten wir Menschen mit Atemwegserkrankungen, weil sie Plastik und andere Materialien verbrannten, um sich zu wärmen.

Neue Routen, alte Probleme: Zurückdrängung und Gewalt

Unabhängig von der Jahreszeit berichten uns Migranten und Asylsuchende, die versuchen, Serbiens nördliche Grenzen zu überwinden, regelmäßig von Gewalt durch Grenzwachen. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres hat das Team unserer mobilen Klinik beispielsweise 24 Fälle von Verletzungen behandelt, die auf Gewalteinwirkung schließen lassen und die den Patientinnen und Patienten nach eigener Aussage an der serbisch-kroatischen Grenze zugefügt wurden.

In unseren Kliniken werden wir Zeugen der verstörenden Konsequenzen der gefährlichen Grenzüberschreitungen in die EU. „Die Berichte von Gewalt und Pushbacks gegen Geflüchtete und Migranten auf der kroatischen Seite der Grenze sind alarmierend“, sagt Matias Gil: Dass sich die Situation ohne entschiedene politische Maßnahmen für die gestrandeten Menschen in Bosnien-Herzegowina verbessern werde, sei nicht abzusehen.

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