Bangladesch

Verzweifelte Situation der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch

Seit über einem halben Jahrhundert fliehen Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya vor Repression und Verfolgung aus Myanmar, um in Bangladesch und anderen Nachbarländern Zuflucht zu suchen. Nur wenige finden dort die Hilfe, die sie dringend benötigen, und sind stattdessen dazu gezwungen, in behelfsmäßigen Unterkünften mit kaum oder keinem Zugang zu lebensnotwendigen Gütern wie Nahrung und Wasser zu überleben. Jetzt zwingen steigende Gewalt und Einschüchterungen viele Rohingya erneut zur Flucht. Ärzte ohne Grenzen ist Zeuge schrecklicher Lebensbedingungen und Misshandlungen durch lokale Behörden im Kutupalong Camp in Cox’s Bazaar, Bangladesch.

Sie ist zu gewohnter Zeit von ihrer Arbeit nach Hause gekommen. Doch dieses Mal traute Laila ihren Augen nicht. Das Leben ist, seit sie vor sieben Jahren in das Lager gekommen ist, immer schwierig gewesen. Die Umgebung ist schmutzig, und es gibt so gut wie keine Hilfe. Aber jetzt wurden auch noch ihre Unterkunft und all die kleinen Dinge, die ihre Behausung bewohnbar machen zerstört. „Warum?“, fragte sie einen Mitarbeiter der Behörden, der in der Nähe stand. Als Antwort zog der Mann ein Messer und drohte, dass er sie verletzen werde, wenn sie nicht aufhöre zu jammern. 

"Es ist die größte Armut, die ich je gesehen habe."

Laila ist eine von 25.000 nicht registrierten Rohingya-Flüchtlingen, die gehofft hat, in der Umgebung des vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) versorgten Lagers einen sicheren Platz zum Leben zu finden. Im Gegensatz zu den 10.000 registrierten Flüchtlingen, kämpfen die nicht registrierten Flüchtlinge in Kutupalong täglich ums Überleben. „Es ist die größte Armut, die ich je gesehen habe. Menschen leben in behelfsmäßigen Unterkünften, die sie aus Plastik oder Holz oder dem, was auffindbar ist, errichtet haben. Sie haben nicht einmal die wesentlichen Dinge um zu kochen. Und die sanitäre Situation ist alarmierend“, sagt Gemma Davis, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Kutupalong in Bangladesch.  

Klinik wird zum Anlaufpunkt

Das Team von Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass die Situation in den letzten Wochen außer Kontrolle geriet, so dass sie eine medizinische Nothilfeintervention in dem Lager durchführen. „Berichten zufolge wurden die Menschen aus ihren Unterkünften weggeschleppt, wenn sie sich weigerten, wegzugehen. Ein vier Jahre altes Mädchen kam mit Schnittwunden in unsere Klinik und ein fünf Tage altes Baby, das auf den Boden geschmissen wurde. Das ist untragbar“, erklärt Gemma.

Ärzte ohne Grenzen wurde am 20. Juni von den nicht registrierten Flüchtlingen, die außerhalb des offiziellen Lagers leben, informiert, dass sie von den Behörden erneut aufgefordert wurden zu gehen. Gleichzeitig haben die Flüchtlinge im vom UNHCR unterstützten Lager den Weltflüchtlingstag gefeiert.

Die Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kutupalong wurde eigentlich eingerichtet, um Kinder unter fünf Jahren medizinisch zu versorgen und die hohe Mangelernährung im Lager zu bekämpfen. Mittlerweile ist sie zu einem Hafen für all diejenigen geworden, die aufgrund der Situation vollkommen erschöpft sind. „Sie bitten um Hilfe, die wir ihnen nicht geben können“, sagt Gemma. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Bangladesch fühlen sich hilflos in einer Situation, die völlig außer Kontrolle gerät. 

“Ich gehe nirgends mehr hin"

Die Hoffnungslosigkeit und Resignation unter den Flüchtlingen nimmt zu. "Sie können uns töten, uns überrennen oder uns vergiften, ich gehe nirgends mehr hin", sagte eine Frau, die im Lager in Kutupalong lebt. "Wenn ich Holz sammeln gehe, werde ich verhaftet. Wenn ich Wasser holen gehe, werde ich geschlagen." 

Ärzte ohne Grenzen leistet trotz der Unruhen weiterhin medizinische Hilfe für die Menschen im Lager, aber auch für die lokale Bevölkerung. "Unsere Klinik ist sehr einfach und eigentlich nur für Kinder unter fünf Jahren gedacht. Aufgrund der aktuellen Situation kommen aber Menschen jeden Alters, die unter der Gewalt leiden", sagt Gemma. "Wir haben keine Lösung für die Menschen und das ist sehr frustrierend. Was wir tun können ist, sie medizinisch zu unterstützen, für sie da und Zeuge der Ereignisse zu sein."

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1992 in Bangladesch und hat kürzlich ein Gesundheitszentrum in der Region Chittagong Hill Tracts errichtet. Die Organisation hilft den Opfern des Wirbelsturms Aila und leistet nicht nur für die nicht registrierten Rohingya in dem behelfsmäßigen Lager in Kutupalong Nothilfe, sondern auch für die einheimische Bevölkerung.

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