Afghanistan

Weltfrauentag 2017: Wenn Mutter werden lebensgefährlich ist

Anlässlich des Weltfrauentags 2017 rückt Ärzte ohne Grenzen Schwangerschaft und Geburt in Afghanistan in den Blickpunkt. Die Ärztin Claire Fotheringham ist Medizinische Beraterin und Gynäkologin von Ärzte ohne Grenzen. Sie berichtet von ihren Erfahrungen in Afghanistan, einem der gefährlichsten Länder der Welt, um ein Kind auf die Welt zu bringen.

Ärztin Claire Fotheringham ist Medizinische Beraterin und Gynäkologin von Ärzte ohne Grenzen"Der 8. März war immer ein ganz besonderer Tag in meiner Familie: An dem Tag ist nicht nur Weltfrauentag sondern auch mein Geburtstag. In meiner Kindheit haben wir diesen oft gefeiert, indem wir Veranstaltungen rund um den internationalen Frauentag besuchten. Vielleicht hat das Engagement für Frauen innerhalb meiner Familie auch meine Entscheidung, Gynäkologin zu werden, beeinflusst.

Gefährlichstes Land, um zu gebären

Eines der Länder, in denen es weltweit am gefährlichsten ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, ist Afghanistan. Schätzungen zufolge sterben 396 Mütter von 100.000 bei der Geburt. Zum Vergleich: In Österreich sind es 4 von 100.000.

In Afghanistan gebären zwei Drittel der Frauen zu Hause, ohne Hebamme. Während meines Einsatzes mit Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Khost habe ich viele Frauen gesehen, die erst nach einer gescheiterten Hausgeburt mit Komplikationen ins Krankenhaus kamen. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die zu Hause entbunden hatte und dann starke Blutungen bekam. Aufgrund der Sicherheitssituation konnte sie in der Nacht nicht ins Spital kommen. Am nächsten Morgen war es dann zu spät: sie lag bereits im Sterben.

Viele Frauen würden mittlerweile für die Entbindung lieber ins Krankenhaus kommen, es fehlt aber an Möglichkeiten. Oft sind die Distanzen, die sie zurücklegen müssen, zu lang; die Straßen in Afghanistan können extrem gefährlich sein. Kurz bevor ich ankam, wurde eine Frau, die in unserem Spital ein Kind zur Welt gebracht hatte, auf der Heimfahrt von einer Bombe am Straßenrand getroffen. Sie und ihr Baby kamen dabei ums Leben.

Kaum Vorsorge, zu wenig Wissen

In vielen Teilen Afghanistans gibt es kaum Schwangerschaftsvorsorge. Die Frauen kennen oft die Gefahren einer Schwangerschaft nicht und wissen nicht, wann sie überhaupt Hilfe suchen sollten. Außerdem dürfen die Frauen selbst oft keine Entscheidungen treffen. Diese liegen in der Hand der Männer.

In der Gynäkologie haben wir einen Leitsatz für Risikofaktoren für Müttersterblichkeit: „Zu früh, zu spät, zu viele Kinder und zu nah beisammen“. Traurigerweise treffen all diese Faktoren auf Frauen in Afghanistan zu. Sie heiraten meist sehr früh und bekommen sehr früh Kinder. Sie bekommen zu viele Kinder bekommen,  meist bis in ihre Vierziger. Komplikationen treten oft an diesen beiden Extremen des Altersspektrums auf, daher gibt es in unseren Einrichtungen viele Frauen, die ihr erstes Kind bekommen und viele, die älter sind und ihr neuntes oder zehntes Kind bekommen.

Unsere Teams begleiten ca. 180 Geburten pro Tag

Obwohl die Risiken für Mütter bei der Geburt in Afghanistan extrem hoch sind, macht die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen einen Unterschied. An Orten wie Khost wird unsere Klinik aufgrund der Qualität unserer Behandlungen sehr respektiert. Alleine die große Zahl an Kindern, die in den vier Geburtseinrichtungen von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan sicher zur Welt kommen, hat einen immensen Wert. Über 66.000 erfolgreiche Geburten wurden 2016 von unseren Teams begleitet – das sind 180 Babys pro Tag.

Aufgrund unserer Präsenz ändert sich aber auch die Einstellung der Menschen bezüglich Schwangerschaft und Geburt. Die Bedeutung von qualifizierten Geburtshelfern und -helferinnen nimmt zu. Während meines Einsatzes hatten wir ein Treffen mit lokalen Entscheidungsträgern, um das Bewusstsein zu schaffen, dass es für einen „ehrenwerten Mann“ wichtig ist, die eigene Frau ins Krankenhaus zu bringen, damit sie sicher gebären kann. Es ist wichtig, Männer in die Bereiche Schwangerschaft und Geburt einzubeziehen, um mehr zu erreichen."

Video auf Facebook: Hebamme Aqila erzählt

Wir suchen dringend weitere engagierte ÄrztInnen wie Claire für unsere internationalen Hilfseinsätze! Hier mehr erfahren & informieren: Mach mit. Rette Leben.

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