Tschad

Zentralafrikanische Flüchtlinge: Jede dritte Familie verlor ein Mitglied

Paris/Wien, am 16. Juli 2014 – Eine Befragung von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) unter zentralafrikanischen Flüchtlingen im südlichen Tschad zeigt, dass im Zuge der Repressalien gegen Muslime zwischen November 2013 und April 2014 insgesamt 2.599 Mitglieder der dortigen Familien ums Leben gekommen sind. Rund 95 Prozent der Todesfälle, die sich vor der Flucht ereigneten, waren auf Gewalt zurückzuführen.

Die Befragung wurde zwischen dem 26. März und 8. April 2014 im Rahmen einer Studie zur Sterblichkeit in Sido, im Süden des Tschad, durchgeführt. Ärzte ohne Grenzen befragte 3.449 zentralafrikanische Familien, die sich dort niedergelassen hatten. Die Ergebnisse dieser Studie wurden heute bei einer Pressekonferenz in Paris präsentiert, ebenso wie der Bericht „Zentralafrikanische Flüchtlinge im Tschad und Kamerun: Koffer oder Sarg“ ( PDF , 2,2MB). Dieses Dossier macht deutlich, welcher Gewalt die Menschen in ihrem Heimatland, aber auch während ihrer Flucht ausgesetzt waren.

95% der Todesfälle auf Grund von Gewalt

Die Untersuchung zeigt, dass 2.100 der Todesfälle sich vor der Abreise der Familien in den Tschad ereigneten. 95 Prozent davon waren auf einen Gewaltakt (Kugeln, Messer- oder Stichverletzung, Granatsplitter, Explosionen) zurückzuführen. Bei den Menschen, die während ihrer Flucht starben, lag dieser Prozentsatz bei 78 Prozent. 33 Prozent, also ein Drittel der Familien, gab an, zumindest einen Familienangehörigen verloren zu haben, 28 Prozent mindestens zwei. Mehr als die Hälfte der befragten Familien in Sido – 57 Prozent – stammten aus der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui, von wo die meisten Flüchtlingskonvois gestartet sind.

„Die schockierende Gewalt, die unsere Studie offenbart, hat keineswegs aufgehört“, sagt Dr. Mego Terian, der Präsident von Ärzte ohne Grenzen in Frankreich. „Ärzte ohne Grenzen muss weiterhin tausende Menschen versorgen, die in Enklaven eingeschlossen sind. Sie werden zwar von internationalen Truppen beschützt, haben aber keine Chance, zu entkommen.“

Großteil der Getöteten sind junge Männer

Die Untersuchung zeigt, dass 87 Prozent (oder 1.863) der Getöteten männlich waren, meist zwischen 33 und 44 Jahren. Die Gewalt hat aber keineswegs vor Frauen, Kindern und älteren Menschen Halt gemacht: 209 Kinder unter 15 Jahren und 227 Personen, die älter als 60 waren, starben aufgrund der Gewalt. 2.110 Todesfälle ereigneten sich vor der Flucht der Familien, 252 während der Flucht.

Heute ist fast die gesamte muslimische Bevölkerung aus dem Westen der Zentralafrikanischen Republik geflohen. Viele Menschen sind nach Kamerun oder in den Tschad geflüchtet; die Flucht ist auch heute noch mit großen Gefahren und Risiken verbunden. In Bangui, Carnot, Boda und Berberati leben noch tausende Muslime in Enklaven; ihre Lebensbedingungen sind Besorgnis erregend, und sie haben keine Zukunftsperspektiven.

Flüchtlinge sind erschöpft und traumatisiert

Die Entscheidung der tschadischen Regierung, die Grenzen zu schließen, sowie die nicht ausreichende humanitäre Hilfe in Kamerun halten viele dieser Menschen davon ab, Schutz in den Nachbarländern zu suchen. Die Zentralafrikaner, die es dennoch schaffen und nach monatelanger Flucht Kamerun erreichen, sind erschöpft und traumatisiert. Ihr Gesundheits- und Ernährungszustand ist besorgniserregend. Fast jedes zweite Kind leidet an Mangelernährung.

„Es gibt immer noch riesige Defizite bei der Versorgung der hunderttausenden Flüchtlinge, die in den Tschad oder nach Kamerun geflüchtet sind“, sagt Terzian. „Humanitäre Hilfe zu leisten ist das mindeste, das man für diese Menschen machen kann, die unglaubliche Gewalt erleben mussten, Angehörige verloren haben und aus ihrer Heimat vertrieben worden sind.“

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik. Mehr als 2.300 Mitarbeiter der Organisation sind in über 15 Städten im Einsatz. Die Organisation leistet auch in den Flüchtlingslagern im Süden des Tschad und im Osten Kameruns humanitäre Hilfe.

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